Mittwoch, 23. Mai 2012

Identikit (1974)

IDENTIKIT (The Driver's Seat/Identikit) gilt allgemein als Tiefpunkt in Elizabeth Taylors Karriere. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen die Diva in glamouröser Garderobe prachtvoll ausgestattete Hollywood-Großproduktionen anführte. Dies ist ein kleiner, italienischer Arthouse-Streifen voller bizarrer Einfälle und einer Taylor, die man - vielleicht - gesehen haben muss, um sie zu glauben. Da bin ich mir allerdings selbst nicht so sicher.

Nach dem Roman "The Driver's Seat" von Muriel Sparks spielt Elizabeth Taylor in IDENTIKIT eine Frau mittleren Alters, die aus einem unbekannten, aber ungemein wichtigen Grund nach Italien reist, wo sie einen Mann zu treffen hofft, den sie aber noch nicht kennt. Soweit klar?
Bereits im Flugzeug wird sie von einem aufdringlichen Fremden (Ian Bannen) angesprochen, doch der scheint der Falsche zu sein. Stattdessen macht sie sich an den Passagier im Nachbarsitz heran, der aber ergreift bei ihrem Anblick die Flucht und bekommt einen Nervenzusammenbruch. So verhalten sich übrigens sämtliche Männer im Film - entweder werden sie alle spontan scharf auf Taylor, oder sie nehmen die Beine in die Hand und rennen um ihr Leben.
In Rom gerät Elizabeth dann an eine alte Dame, wird nebenbei in einen Terror-Anschlag verwickelt, dann lernt sie einen attraktiven Automechaniker kennen, der sie im Auto zum Oralsex zwingt, zwischendurch begegnet sie Andy Warhol, der ihr ein mysteriöses Geschenk überreicht, und schließlich stellt sich heraus, dass der geheimnisvolle Fremde, den sie die ganze Zeit sucht, ihr Mörder sein wird, weil sie von einer Art Todessehnsucht gequält wird.

Noch Fragen?
IDENTIKIT verzichtet auf eine klassische, lineare Erzählung und wirkt durchweg, als hätten sämtliche Beteiligte unter Drogeneinfluss gestanden. Das soll aber nicht heißen, dass der Film nicht unterhaltsam wäre. Allein die Anfangssequenz, in der Elizabeth Taylor in einer Boutique voller futuristischer Schaufensterpuppen ein schreiend hässliches Kleid anprobiert und einen Wutanfall bekommt, als sie erfährt, dass es chemisch behandelt ("It's stainless") wurde, setzt den hysterischen Ton für die kommenden 90 Minuten. Selten hat man die Hollywood-Diva Taylor so unattraktiv zurecht gemacht gesehen - ihre Haare sind wild aufgebauscht und zerzaust, und die 70er-Kleider in schreienden Farben erinnern an psychedelische TV-Testbilder (als es die noch gab).

"Wollen Sie zum Zirkus?" ruft ihr eine Putzfrau nach und spricht damit aus, was der Zuchauer denkt. Man fragt sich ohnehin, warum ein Film, in dem Elizabeth Taylor durchsichtige BHs trägt, beinahe vergewaltigt wird und sich selbst auf dem Bett befummelt, einen so obskuren Status besitzt. Die einen werden sagen, dass der ganze Streifen weit unter Taylors Würde sei, weil sie pausenlos degradiert wird, für Trash-Fans macht natürlich genau das den besonderen Reiz aus. Man fragt sich zumindest, was der Grund für Taylors Zusage war.
Ihr Spiel ist übrigens tadellos. Sie hat ein paar herrlich schräge Töne drauf, die perfekt zum Stil des Films passen. Bei einer Flughafenkontrolle keift sie den Zollbeamten an "You're all so suspicious! Suspicious! Suspicious! Suspicious!" und wird kurz darauf von einer weiteren Beamtin belästigt, die ihr in den Büstenhalter grapscht.

Am Ende muss man sich selbst irgendwie zusammenreimen, worum es eigentlich in IDENTIKIT geht. Offenbar ist dies ein Psychodrama über eine schwer gestörte, einsame Frau, die sich den Tod wünscht - eine Art Eurotrash-Variante von "Auf der Suche nach Mr. Goodbar" (1977). Die Terroranschläge und die vielen parallelen Verhörszenen, in denen sämtliche Männer, denen Taylor begegnet ist, von der Polizei vernommen werden, sollen wohl den Eindruck einer paranoiden Welt zeichnen, die von Gewalt und Tod beherrscht wird. Insofern ist IDENTIKIT ein äußerst pessimistisches Werk, das mit seinem doch überraschenden Anti-Happy-End in Erinnerung bleibt. Wenn auch aus manch falschen Gründen. Sonderbar, sonderbar.
Der schlechteste Film, den Elizabeth Taylor jemals machte, ist IDENTIKIT aber sicher nicht. Ich persönlich habe mich bei dem aufgeblasenen Mammut-Spektakel "Cleopatra" (1963) deutlich mehr gelangweilt und öfter nach der Fernbedienung geschielt als bei diesem extrem bizarren Murks.

05/10

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