Donnerstag, 17. Mai 2012

Hotel International (1963)

"Die nächste Stunde wird sich ziemlich hinziehen", sagt der französische Verführer Louis Jourdan zu seiner verheirateten Geliebten Elizabeth Taylor, und damit könnte er womöglich den Film beschreiben, der zu keiner Zeit die Klasse eines "Menschen im Hotel"(1932) erreicht, auch wenn er sich noch so bemüht.

Nach ihrer reichlich von Skandalen und Schlagzeilen begleiteten Vorstellung in "Cleopatra" (1963) gehörten Elizabeth Taylor und Ehemann Richard Burton endgültig zu den großen Leinwandpaaren der Filmgeschichte, deren Leben vor und hinter der Kamera von Fans und Journalisten in aller Welt gierig verfolgt wurde. Hollywood schlug natürlich Kapital aus dem gesteigerten Interesse der Öffentlichkeit an dem exzentrischen Duo und steckte es in ein Star-Vehikel nach dem nächsten, von denen allerdings keines die Qualität von Mike Nichols' "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" (1966), ihrem wohl besten Film, erreichte. Man kann die Taylor/Burton-Werke am besten in guten und schlechten Trash einteilen. Und auch das Publikum sollte ihrer bald überdrüssig werden.

Bei HOTEL INTERNATIONAL (The V.I.P.s) war die Sensationslust der Zuschauer noch ungebremst. Der britische Film von Anthony Asquith erzählt von einer handvoll Prominenter, deren Maschine vom Londoner Heathrow Flughafen wegen Nebels nicht starten kann, und die deswegen über Nacht im Hotel einquartiert werden. Unter ihnen befinden sich so illustre Stars wie Margaret Rutherford als schrullige (was sonst?) Gräfin, Orson Welles als schwergewichtiger Filmproduzent und Rod Taylor als Besitzer einer Traktorenfabrik, der einen ungedeckten Scheck stoppen muss, um seine Firma zu retten, wobei ihm die stets hilfsbereite Sekretärin Maggie Smith zur Hand geht. Elizabeth Taylor spielt die verwöhnte Ehefrau des stinkreichen Burton, dem vermutlich die ganze Welt gehört. Trotzdem will sie ihren Gatten für den windigen Geliebten Louis Jourdan verlassen.

Als Film ist HOTEL INTERNATIONAL zwar gut ausgestattet und glänzt mit seiner Starbesetzung, aber er ist auch komplett statisch und leblos. Die Darsteller stehen oder sitzen zumeist voreinander und sagen mehr oder weniger überzeugend ihre Schmonzetten-Dialoge auf. Eine echte schauspielerische Leistung zeigt keiner, mit Ausnahme von Maggie Smith, die als heimlich in ihren Chef Rod Taylor verliebte Sekretärin die einzig sympathische Figur darstellt und diese mit dem nötigen Understatement spielt. So ist dann ihre späte Szene mit Richard Burton auch die einzig interessante im gesamten Film, weil hier nicht nur zwei Stars, sondern zwei Charakterdarsteller miteinander agieren.

Der Rest plätschert ereignislos und vorhersehbar, ohne große Höhepunkte, dahin. Margaret Rutherford bringt als skurrile alte Schachtel mit zu großem Hut zwar ein bisschen Leben in die Bude, führt aber - ebenso wie Orson Welles, dessen Anwesenheit und Storyline vollkommen überflüssig und unwitzig sind - ein schamloses Schmierentheater auf, das ihr auch noch einen Oscar einbrachte. Nicht, dass die herrliche alte Dame diesen nicht für sämtliche Miss Marple-Filme verdient hätte. Offenbar liebt man es in Hollywood, wenn sich große alte Damen der Theaterbühne im Film zum Affen machen. Helen Hayes erhielt für eine ähnlich alberne Darstellung ein paar Jahre später den Oscar für "Airport" (1970). Rutherfords Gatte Stringer Davis taucht übrigens in einer kleinen Rolle als Hotelkellner auf.

Laut Autor Terence Rattigan basiert die Taylor/Burton-Geschichte auf einem wahren Fall. So wollte Vivien Leigh wohl einst ihren Gatten Laurence Olivier verlassen, um mit Schauspieler Peter Finch durchzubrennen, doch der Heathrower Nebel machte auch diesem Paar einen Strich durch die Rechnung. Warum das Liebesdrama aber dermaßen leblos bleibt, man weiß es nicht genau. Burton übersteht den Film mit genau einem Gesichtsausdruck, der sich nicht ändert, egal, ob er vor Eifersucht kocht, sich sinnlos betrinkt oder mit der Pistole herumfuchtelt wie ein drittklassiger Groschenroman-Charakter. Elizabeth Taylor gibt sich ein wenig mehr Mühe, wirkt aber ebenso blass und wird dazu von offensichtlich blinden Masken- und Kostümbildern ausgestattet. Zunächst trägt sie ein schreckliches Strickkleid mit Turmfrisur, später dann ein rosa Seidenkleid, das einer Miss Piggy gerade noch gut zum alljährlichen Schweineball stehen würde, aber nicht einer erwachsenen Millionärsgattin.
Louis Jourdan spielt das, was er immer spielt, und ich kann nicht oft genug sagen, wie sehr mich sein schmieriger Gigolo-Habitus ZU TODE LANGWEILT. Was finden Frauen nur an dieser hölzernen, manierierten Marionette? Dazu wird er auch noch als komplette Flasche und Feigling gezeichnet, so dass man sich ernsthaft fragt, ob Taylor verrückt geworden ist, mit diesem Hanswurst durchbrennen zu wollen. Eine Schande.

Wenn am Ende (Achtung, Spoiler - zumindest für alle, die den Ausgang der Geschichte nicht nach zehn Minuten ahnen) Taylor zu ihrem Gatten zurückkehrt, weil er kleinlaut und selbstmitleidig mit Selbstmord droht, fragt man sich schon, welch wunderbare Zukunft die beiden wohl vor sich haben, und warum sich Elizabeth eigentlich nur mit emotionalen Wracks herumschlägt, wo sie doch jeden haben kann. Ich selbst würde sie sofort heiraten (was aufgrund ihres Todes nun auch nicht mehr so richtig geht) - allein, um ihre Kleider und Klunker tragen zu können! Und ich würde sie auch besser behandeln.
Aber bitte. Jeder, wie er will.

Trotz der eklatanten Schwächen war HOTEL INTERNATIONAL ein Kassenhit und ist leidlich unterhaltsam, wenn es draußen mal wieder in Strömen regnet. Dem Paar Burton/Taylor zuzuschauen macht irgendwie immer Spaß, weil beide - selbst wenn sie gar nichts spielen - schlicht und einfach aufgrund ihrer Ausstrahlung und Persönlichkeit sehenswert sind. Für Burton tut es mir trotzdem Leid, der sich zu oft neben Taylor zu einem heulenden Jammerlappen degradieren lassen musste (siehe auch "Die alles begehren", 1965, die wohl schlimmste Schmonzette der beiden).

HOTEL INTERNATIONAL ist bislang noch nicht auf DVD erhältlich, wird aber gern im Nachtprogramm versendet, weil er als Einschlafhilfe noch am besten funktioniert.
"Ich bin so müde", haucht Elizabeth am Ende ihrem Richard ins Ohr.
Uns geht's ähnlich, liebe Liz.

6.5/10

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