Samstag, 26. Mai 2012

Die toten Augen des Dr. Dracula (1966)

Wir befinden uns gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Frau stürzt sich von einem alten Gemäuer und wird von einem Zaun aufgespießt. Bald darauf trifft der Gerichtsmediziner Dr. Eswai (Giacomo Rossi Stuart) in dem kleinen mitteleuropäischen Dörfchen ein, um die Leiche zu obduzieren. Das sehen die Bewohner aber gar nicht gern und versuchen, die Tote schnell zu beerdigen, bevor Eswai Hand anlegen kann. Wie sich herausstellt, lastet ein schrecklicher Fluch auf dem Dorf - seit einst ein kleines Mädchen namens Melissa starb, wird jeder, der ihre Geistererscheinung sieht und die Glocken läuten hört, in den Selbstmord getrieben...

Regie-Maestro Mario Bava bezeichnete DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA (Operazione Paura/Kill, Baby, Kill) stets als einen seiner Lieblingsfilme, und man versteht schnell, warum. Die Geistergeschichte überzeugt durch ihre traumhafte, ebenso künstlerische wie künstliche Atmosphäre, einige effektive Schreckenssequenzen und die sorgsame Farbdramaturgie. Selbst wenn der Film in der ersten Hälfte etwas schleppend vorangeht und die Darsteller holzschnittartig agieren, baut Bava eine unheimliche Spannung auf, die sich durch die Betonung einzelner Details wie einer Kinderschaukel, einem hüpfenden Ball, Puppen und Wendeltreppen, dem Lachen des kleinen Killer-Mädchens und dem Anblick ihrer gespenstischen Erscheinung hinter beschlagenen Fenstern stetig steigert.
Mit der realen Welt hat der Film - wie so oft bei Bava - nichts zu tun. Die Schauspieler wandeln durch eine von Tod und Verfall beherrschte Alptraumlandschaft, die direkt aus dem Unterbewusstsein zu kommen scheint. Die alten Ruinen des Dorfes sind von Moos und Spinnweben überzogen, überall lauern Verwesung und das Jenseits. Bavas Kameraarbeit ist wie immer makellos. Anders als im knallbunten "Blutige Seide" (1963), der das gesamte Farbspektrum zelebriert, dominieren hier die Erdtöne sowie krankes grün bei Tag, die Nächte sind dagegen tiefblau (und unheimlich).

Natürlich orientiert sich Bava hier eindeutig an den Filmen der Hammer-Studios, sowie an denen Roger Cormans und am "Dracula"-Mythos - wobei der sinnlose deutsche Titel sich lediglich an den Erfolg der Hammer-Filme und Bavas Vorgänger "Die Stunde, wenn Dracula kommt" (1960) anhängen will und nichts mit der Handlung zu tun hast, selbst wenn es im Schlussteil eine Dialoganspielung gibt, die aber nur von der Synchronregie eingebaut wurde, um den Titel zu rechtfertigen. Ein Vampirfilm ist DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA jedenfalls nicht, auch wenn die guten alten Bekannten vorkommen, etwa der ängstliche Kutscher, der nicht weiterfahren will, sowie nebelverhangene Friedhöfe, Totengräber und schweigende Dorfbewohner, die jeden Fremden misstrauisch beäugen.

Der Splattergehalt ist aus heutiger Sicht sehr gering, zumal Bava weitaus mehr Wert auf Atmosphäre legt, seinerzeit wird man es aber sicher als heftig empfunden haben, wie das Blut bereits in der ersten Szene spritzt. Über die Glaubwürdigkeit der Geschichte muss man nicht lange reden, Geistergeschichten sind in den seltensten Fällen logisch. In erster Linie ist DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA ein morbides Schauerstück des Gothic Horror, das auch heute noch die eine oder andere Gänsehaut verursacht. Obwohl ich persönlich "Die Stunde, wenn Dracula kommt" klar bevorzuge, gehört der hier zu Bavas besten und bekanntesten Werken.

08/10

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