Sonntag, 20. Mai 2012

Der Schrecken der Medusa (1978)

"Ich habe einen Hang zu Katastrophen", sagt Richard Burton mit stoischer Miene, und damit meint er nicht etwa seine Darstellung in "Exorzist II - Der Ketzer" (1978), sondern seine telepathischen Fähigkeiten, die in DER SCHRECKEN DER MEDUSA (The Medusa Touch) die Welt an den Rand des Abgrunds bringen.

DER SCHRECKEN DER MEDUSA gehört zu meinen Lieblingsfilmen, seit ich ihn als Kind im Fernsehen sah und mir beim Anblick von Richard Burtons fiesem Blick gehörig ins Höschen machte.
Diese merkwürdige Mischung aus Katastrophen-Thriller und PSI-Horror mit Anklängen an "Das Omen" (1976) ist vom ersten Moment an hochspannend und jagt von einem Höhepunkt zum nächsten, bis zur fatalistischen Auflösung, ohne Schnörkel oder Gedöns, ohne Liebesgeschichte und mit viel sarkastischem Humor.

Dazu ist er grandios gespielt von allen Beteiligten. Lino Ventura ist als zerknitterter französischer Ermittler Brunel in London unterwegs, um einen Mordanschlag auf den Schriftsteller John Morlar (Richard Burton) zu untersuchen. Morlar wurde vor dem Fernseher mit einem Kunstgegenstand erschlagen, und in seinen Notizen findet sich immer wieder die Eintragung "Zonfeld". Zonfeld ist eine Psychiaterin und wird von Lee Remick mit der gewohnten Mischung aus Freundlichkeit und unterkühlter Erotik gespielt.
In Rückblenden erfährt der Zuschauer nun von Dr. Zonfelds Sitzungen mit dem Misanthropen Morlar, der angeblich von seiner Fähigkeit gequält wurde, mittels Gedankenimpulsen Unglück und Katastrophen auslösen zu können. So hat er seine Eltern, Mitschüler und Lehrer bereits in jungen Jahren über die Klinge springen lassen, indem er ihnen den Tod an den Hals wünschte. Um Zonfeld zu beweisen, wozu er fähig ist, lässt er ein Passagierflugzeug in ein Wohnhaus stürzen, und auch eine Weltraumkatastrophe geht auf sein Konto. Jetzt, wo er halbtot an Maschinen angeschlossen ist, arbeitet sein Geist immer noch weiter und versucht, eine Kathedrale zum Einsturz bringen. Die Frage ist nur - kann Lino Ventura die öffentlichen Stellen davon rechtzeitig überzeugen, bevor der ganze alte Kasten während einer Massenveranstaltung zusammenkracht? Und wie stoppt man eine Macht, die man weder kennt noch sieht?

DER SCHRECKEN DER MEDUSA basiert auf einem Roman von Peter van Greenaway. Dort war Zonfeld übrigens noch ein männlicher Arzt und KZ-Überlebender. Der Brite Jack Gold inszenierte diesen parapsychologischen Thriller, der natürlich auf den Erfolgszug von "Carrie - Des Satans jüngste Tochter" (1974) aufspringen will, was ihm mühelos gelingt. Hier wie dort ist die Telekinese eine mächtige Kraft, die von niemandem beherrscht werden kann, schon gar nicht vom Träger, bzw. der Trägerin selbst. Sie nährt sich von der Abscheu, die Richard Burton als John Morlar für die Welt und die Menschen empfindet. Seine Mitleidlosigkeit und Hass gegen alles und jeden sind der Motor für Gewalt und Zerstörung, die letztlich auch ihn selbst treffen. Dementsprechend niederschmetternd ist auch das Ende, das den Zuschauer mit einer makaberen Pointe entlässt.

Bis dahin aber darf man sich an einem saftigen, temporeichen Thriller erfreuen, der seine Katastrophenszenarien mit sparsam eingesetzten Spezialeffekten überzeugend gestaltet. Obwohl die Prämisse reichlich albern ist, wird sie mit dem nötigen Ernst aller Beteiligten dargeboten, so dass man Logikfragen und Wahrscheinlichkeitskrämerei schnell beiseite lässt. Der Film ist nie sentimental oder rührig, sondern wird mit ruhiger, aber zielgerichteter Sachlichkeit geschildert. Spannung und Unbehagen werden sorgfältig aufgebaut und stetig gesteigert. Dazu gibt es einige typisch schrullige und sehr britische Nebenfiguren. Das zankende Nachbars-Ehepaar oder der misslungene Versuch des britischen Inspektors, nach Anleitung des französischen Kollegen Ventura eine Zwiebelsuppe zu kochen, lassen unweigerlich an Hitchcock denken.

Die Kritiker waren seinerzeit nicht gerade angetan vom SCHRECKEN DER MEDUSA. Man warf besonders Richard Burton schamloses Overacting vor. Das stimmt nur bedingt, und wenn ich schon jemanden overacten sehen möchte, dann Burton. Das nüchterne Spiel der Co-Stars Remick und Ventura gleicht Burtons Übertreibung locker aus. Er besitzt einfach eine tolle Präsenz, und der Film wäre ohne ihn nur halb so gut.
Selbst wenn ich mich bemühte, ich könnte am SCHRECKEN DER MEDUSA nichts aussetzen (der deutsche Verleih weiß übrigens nach wie vor nicht, ob es nun "Die Schrecken" oder "Der Schrecken" heißen soll - auf dem DVD-Cover steht "Der", im Vorspann "Die").
Er gehört zu den Filmen, die ich wohl am häufigsten gesehen habe und landet mindestens einmal pro Jahr im DVD-Player, genau wie die zeitnah entstandenen "Achterbahn" (1977) und "Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123" (1974). Alle drei 70er-Thriller verursachen stets bei mir das wohlige Gefühl, das man hat, wenn man alte Freunde wiedersieht.

10/10

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