Samstag, 9. Juni 2012

Der Gott des Gemetzels (2011)

Zwei Ehepaare treffen sich nach einem Vorfall auf dem Schulhof, bei dem der Sohn des einen Paares dem des anderen ein paar Zähne ausgeschlagen hat. Man ist freundlich, versucht die Situation erwachsen, verantwortungsvoll und reflektiert aus der Welt zu schaffen, doch dann schleichen sich Aggressionen ein. Eifersüchteleien, Neid, unterschiedliche Weltanschauungen, Erziehungsfragen und Verhaltensmuster führen schließlich zu einem Nachmittag voller Anschuldigungen, Besäufnisse, Versöhnungen, Beschimpfungen und Erbrochenem auf dem Couchtisch.

Roman Polanskis DER GOTT DES GEMETZELS (Carnage), der wohl den abtörnendsten und irreführendsten Titel aller Zeiten trägt, ist ein mit 75 Minuten Spielzeit überraschend knapper und präziser Ausflug in die Boulevard-Komödie. Nach seinem Erfolg mit dem Polit-Thriller "Der Ghostwriter" (2010) nahm der Regisseur das Bühnenstück von Erfolgsautorin Yasmina Reza als Vorlage für seinen Vierpersonenfilm, der in erster Linie natürlich eine Schauspiel-Meisterklasse ist. Was sein Ensemble hier zeigt, ist von allerhöchstem Niveau. Der Film verlässt die Wohnung nur für den Vor- und Nachspann, auch die Filmmusik von Alexandre Desplat beschränkt sich auf diese zwei Einsätze. Polanski verzichtet auf jede Mätzchen, Kameratricks oder Effekte, verlässt sich ganz auf seine vier Darsteller und die Dialoge. Einen dermaßen verschlankten Film gab es lange nicht von ihm zu sehen. Dagegen wirkt sogar sein Dreiecks-Drama "Das Messer im Wasser" (1962) wie aufwändiges Kino.

Inhaltlich geht es im GEMETZEL um eine Aufarbeitung des Zeitgeistes, die Befindlichkeiten der gehobenen Mittelschicht, den Fluch der Political Correctness und die Frage, ob der Wunsch nach kriegerischen Auseinandersetzungen (im kleinen wie im großen), die Lust auf Gemetzel zur Klärung von Differenzen so tief im Menschen verwurzelt sind, dass alle Versuche, Konflikte friedlich, mit Reife und Diskussion zu lösen, von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Und nicht nur das, vielleicht sollen Konflikte auch so nicht gelöst werden. Vielleicht ist Gewalt ein legitimes Mittel der Kommunikation. Frühere Gesellschaftsformen haben dies sicher so empfunden, aber heute weiß man es besser - oder doch nicht? Und sind eigentlich die Frauen Schuld an der ganzen Misere? Immerhin, die Männer im Stück/Film gehen sich heftig an, prügeln sich fast, versöhnen sich aber genau so schnell und können nach ausgefochtenem Kampf die gemeinsame Zigarre rauchen. Die Frauen aber sticheln, treten nach, stehen grundsätzlich in Konkurrenz zueinander und leiden am meisten unter ihrem Kontrollverlust.

Für mich als Bewohner von Berlin-Mitte ist es natürlich herrlich anzuschauen, wie Jodie Foster hier die exemplarische Latte Macchiato-Mutter spielt, deren Vertreterinnen ich tagtäglich zu Gesicht bekomme. Eine von denen, die alles ausdiskutieren möchten, die ihre Kleinkinder nach Prügeleien gleich zum Psychiater schicken (und - was ich besonders liebe - die ihre Kinder am Backstand fragen, welches Brötchen sie denn gern möchten, weil die Kleinen ja schon früh ihre eigenen Entscheidungen treffen sollen), die so gar keine Vorurteile zu haben scheinen und ach so sehr auf Verständnis und Kommunikation setzen, die sich aber - wenn es hart auf hart kommt - mehr für ihre Bildbände, ihren Besitz interessieren als das Leid ihrer Mitmenschen. Sie ist das Ziel von Hohn und Spott sowie das eigentliche Monster des Films, das auch am meisten einstecken muss.
Ihr schlichter Gatte (perfekt: John C. Reilly) hat sowieso längst die Schnauze voll von ihrem liberalen Gehabe und würde am liebsten den ganzen Tag rauchen, saufen und zuschlagen, ist aber von ihr so gut dressiert worden, dass er sich anfangs alle Mühe gibt, wie ein zivilisierter Mensch zu erscheinen. Das muss ja schief gehen.

Kate Winslet und Christoph Waltz spielen das besser situierte Yuppie-Paar. Sie ist die hübsch frisierte, aber frustrierte Anhängsel-Gattin zum Vorzeigen, er hängt nur am Handy und hat als Pharma-Unternehmer ohnehin einen Kotzbrocken-Job. Dazu benimmt er sich unhöflich und verteilt unentwegt zynische Spitzen. Das macht Christoph Waltz so gut, dass er stellenweise alle drei Partner an die Wand spielt, das muss man dem Waltz einfach lassen. Kate Winslet wirkt dagegen sehr zurückgenommen, hat aber den wohl schönsten Moment des Films, wenn sie sich aus voller Brust und mit Ankündigung über Jodie Fosters schönen Couchtisch übergibt. Das ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten, da darf man aus vollem Halse lachen.

DER GOTT DES GEMETZELS erinnert von Aufbau und Idee her selbstverständlich an einen anderen Bühnenklassiker, "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" (1966), der ebenfalls von der Begegnung zweier Paare erzählt, die zivilisiert beginnt und im Chaos endet. Der bietet dann aber doch weitaus mehr Sprengkraft und Dramatik als der launige, aber letztlich harmlose GOTT DES GEMETZELS, der seine Themen zwar anreißt, aber nie wirklich bösartig wird.
Wie Polanski allerdings die für alle unangenehme Situation auf den Zuschauer überträgt, der in seinem Sitz unbehaglich hin- und herrutscht (so ging es mir zumindest), das ist schon brillant. Man ahnt schnell, dass die Konversations-Floskeln bald in Streit enden, und eigentlich möchte man das gar nicht sehen, aber es ist dann doch zu gut gespielt, als dass man wegschauen könnte. Die Gründe übrigens, warum Winslet und Waltz die Wohnung von Foster und Reilly durchweg nicht verlassen, obwohl es das einzig Richtige wäre, wirken oft stark konstruiert. Da ächzt das Stück doch arg. Auch das war bei "Virginia Woolf" besser gelöst.

Ob man sich den Film in zehn Jahren noch ansehen kann, das wird sich zeigen. Im Oeuvre des Regisseurs wird er wahrscheinlich keine größere Rolle spielen. Für alle, die erstklassiges Schauspielkino schätzen, das völlig ohne Firlefanz daherkommt, ist dieses Gemetzel aber absolut empfehlenswert.

08/10

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