Sonntag, 6. Mai 2012

Das unheimliche Auge (1987)

Als der italienische Giallo bereits so gut wie Geschichte war, kam Lamberto Bava noch einmal mit seinem Thriller DAS UNHEIMLICHE AUGE (Delirium) um die Ecke, der einige der typischen Genre-Elemente beinhaltet, sich dazu aber auch den amerikanischen Erotik-Thriller zum Vorbild nimmt. Die Hauptrolle übernahm Erotik-Star Serena Grandi, deren Mitwirkung viel nackte Haut und den Produzenten volle Kassen versprach.

Grandi spielt die ehemalige Prostituierte Gioia (zwecks leichterer Aussprache 'Gloria' in der englischen und deutschen Synchronfassung), die sich nun als Herausgeberin eines Erotik-Magazins betätigt und von einem Teenager im Rollstuhl, der sie aus dem Haus gegenüber mit dem Teleskop beobachtet, telefonisch belästigt wird. Als ein Unbekannter die Nacktmodels des Magazins ermordet und Gioia Fotos der verstümmelten Leichen schickt, kurbelt das nicht nur die Verkaufszahlen an, sondern versetzt auch unsere knackige Geschäftsfrau in Angst und Schrecken...

Lamberto Bava hatte nach seinem furiosen Erfolg mit den Zombie-Krachern "Demons" (1985) und "Demons 2" (1986) dem aussterbenden Giallo eigentlich schon abgeschworen, widmete sich aber mit dem UNHEIMLICHEN AUGE noch einmal der Mischung aus Sex, Mord und Intrigen. Bava, der nie wirklich in die großen Fußstapfen seines berühmten Vaters Mario treten konnte, schafft es aber lediglich, die Mordszenen mit bizarrer Fantasie zu inszenieren. Der Rest ist ein relativ belanglos abgefilmter Krimi. Das ist insofern schade, als dass sich Serena Grandi als gar keine schlechte Schauspielerin erweist und in der Hauptrolle durchaus überzeugen kann - gut, sie ist keine Meryl Streep, aber im Rahmen des Genres funktioniert sie besser als so manche Argento-Heldin. Fans freuen sich zudem über ein Wiedersehen mit alten Bekannten des Genres wie Daria Nicolodi ("Deep Red", 1975) und David Brandon ("Stage Fright", 1987).

Die Musik von Simon Boswell ist anfangs etwas müde, wird aber im Verlauf des Films besser. Eine stumme Sequenz, in der die Magazinchefin durch ein leeres Kaufhaus gejagt wird, kann sich spannungsmäßig sehen lassen, eher merkwürdig ist dagegen der Einfall, die Mordopfer aus der Sicht des irren Täters - samt gestörter Wahrnehmung - zu zeigen: so besitzt eine der Damen nur ein überdimensionales Auge auf der Stirn , eine andere trägt einen Insektenkopf. Diese Momente sollen grotesk und schaurig wirken, sind aber eher unfreiwillig komisch oder schlicht seltsam. Zumindest sind sie ein ungewöhnlicher Einfall.

In den späten 80ern war der italienische Horrorfilm nur noch ein Schatten seiner selbst. Dario Argento war der einzig namhafte Regisseur, der sich noch regelmäßig im Genre austobte. Seine Weggefährten hatten sich entweder andere Betätigungsfelder gesucht, waren endgültig aus der Branche ausgestiegen oder verstorben. Lamberto Bava hielt dem Horrorfilm noch ein paar Jahre die Stange, bevor er sich auf TV-Produktionen im Märchen- und Fantasy-Bereich verlegte. DAS UNHEIMLICHE AUGE kann nur vage an die alten Erfolge des Giallos erinnern.

Eine handvoll guter Szenen und die guten Darsteller sorgen dafür, dass der Film über weite Strecken unterhaltsam bleibt, von früheren Bava-Werken wie "Macabro" (1980) oder "A Blade in the Dark" (1983) ist er aber weit entfernt. Die deutsche VHS ist übrigens in einigen Szenen gekürzt. So fehlen unverständlicherweise während des Vorspanns ein paar sexy Fotos von Hauptdarstellerin Grandi (was schwer nachzuvollziehen ist, wurde sie doch gerade wegen des Sex-Appeals engagiert) und blutige Details in den Mordsequenzen. Damit gibt es gar keinen Grund mehr, sich diese Version anzutun. Mittlerweile ist der Film uncut auf DVD erhältlich.

05/10

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