Mittwoch, 16. Mai 2012

Body Puzzle (1992)

Anfang der 90er war das italienische Horror-Kino endgültig am Boden. Bevor sich Regisseur Lamberto Bava in die Niederungen von TV-Fantasy-Abenteuern zurückzog, inszenierte er noch einmal einen Slasherfilm namens BODY PUZZLE (Body Puzzle), der gar nicht mal so schlecht ist wie man vielleicht befürchten musste.

Der Inhalt: ein wahnsinniger Mörder (Francois Montagut) tötet scheinbar wahllos Menschen und schickt deren Körperteile mit schönen Grüßen an die attraktive Lektorin Tracy (Joanna Pacula). Bald aber stellt sich heraus, dass den Opfern auch Innereien entnommen wurden, und dass Tracys verstorbener Ehemann Abe nicht nur ein schwules Doppelleben führte, sondern auch als Organspender fungierte. Abes Leiche wurde bereits vom Friedhof gestohlen. Nun befinden sich alle Empfänger seiner Organe in Lebensgefahr, denn scheinbar versucht der irre Killer, sich den geliebten Gatten von Tracy wieder zusammenzusetzen... oder ist doch alles ganz anders?

Ja, es ist alles etwas anders, das liegt aber lediglich daran, dass die zunächst einleuchtende Backstory über den mit Leichenteilen puzzelnden Mörder mit zunehmender Lauflänge unnötigerweise verkompliziert wird, bis man als Zuschauer kaum noch mitkommt, wer da wessen Körperteile zu welchem Zweck sammelt und wieder zusammensetzt, bzw. um wessen Identität es sich bei dem Killer nun wirklich handelt. Das macht aber nichts, unterhaltsam und über weite Strecken spannend ist BODY PUZZLE, der übrigens überraschende Ähnlichkeiten mit dem zeitgleich entstandenen US-Horrorfilm "Body Parts" (1991) aufweist, allemal.

Das liegt zum einen an der temporeichen Inszenierung Bavas, der sich zwar visuell kein Bein ausreißt, dafür aber straff und schnörkellos voranschreitet, zum anderen an den guten Darstellern. Joanna Pacula war bereits in mehreren US-Genrefilmen zu sehen, Francois Montagut ist ein eindrucksvoller Mörder, und in Nebenrollen tummeln sich Veteranen des Horror-Kinos wie Erika Blanc, die schon bei Lambertos Vater Mario spielte ("Die toten Augen des Dr. Dracula", 1966) und Giovanni Lombardo Radice (aka John Morghen), den wir alle seit der Zeit der Zombie- und Kannibalenfilme lieben, und der hier einen melancholisch-schwulen Kutscher spielt, der offenbar - wie fast alle Charaktere - in den toten Ehemann der Witwe Tracy verliebt war.

Sehenswert wie immer bei Lamberto Bava sind die Mordsequenzen, die nicht übertrieben blutig daherkommen, aber dennoch die eine oder andere Gänsehaut verursachen. So landet ein Konditor blutüberströmt in seinen Pralinen, einer Hausfrau wird auf einer Kaufhaus-Toilette eine Hand abgehackt (Aua!), und ein Bademeister wird unter Wasser im Schwimmbecken aufgeschlitzt (wie der Killer unter Wasser allerdings Organe entnehmen will, das muss er bitte mal vormachen, die Kamera hält sich wohlweislich zurück bei diesem Kunststück).
Der Killer hört bei Ausübung seiner blutigen Taten per Walkman stets dasselbe klassische Musikstück, nämlich Carl Orffs "Carmina Burana", zumindest in der italienischen Originalfassung. Aus rechtlichen Gründen muss er in allen ausländischen Versionen mit Mussorgskys "Night on Bare Mountain" (Johannisnacht auf dem Kahlen Berge) vorlieb nehmen, das etwas weniger effektiv sein dürfte. Ohnehin sind beide Stücke mittlerweile von den Massenmedien so zu Tode gedudelt, dass man sie nur schwer noch ertragen kann.

Was BODY PUZZLE leider nicht so recht hinbekommt, ist die Liebesgeschichte zwischen Joanna Pacula und dem ermittelnden Cop Tomas Arana. Man fragt sich, warum die trauernde Witwe eigentlich so fröhlich flirtet und sich in den Haaren spielt, während ein Unbekannter ihr unentwegt Leichenteile vor die Tür legt und die Überreste ihres Mannes vom Friedhof stiehlt. So heiß ist der Herr Arana nun auch wieder nicht, dass man darüber die kleinen Alltagsprobleme (wie abgeschnittene Ohren im Kühlschrank) vergessen kann. Ebenfalls enttäuschend ist das Finale, das zwar inhaltlich an den Beginn anknüpft, aber doch ein paar Nummern spannender hätte ausfallen dürfen. Dafür bietet Bava einen herzhaften Schocker, wenn Kommissar Arana eine Tiefkühltruhe untersucht.

BODY PUZZLE gehört mit seinen Stärken und Schwächen zu den letzten Filmen seiner Art. Von den zahlreichen Kultregisseuren, die den italienischen Horrorfilm in den 70ern und 80ern zwischen Trash und Meisterwerken auf Erfolgskurs hielten, blieb nur noch Dario Argento, der weiter fürs Kino seine Schreckensvisonen inszenierte. Alle anderen sind auf der Strecke geblieben, das Genre wanderte ins Fernsehen, wo es per Definition nichts zu suchen hat. Das ist mehr als schade, das ist eine wirklich tragische Geschichte.

7.5/10

Kommentare:

  1. Wie bitte? Hab ich jetzt richtig gelesen, aus rechtlichen Gründen wird ein Musikstück ausgetauscht? Ich kenne jetzt den Film nicht, aber der Regieseur ist ein Begriff. Der wird sich wohl was bei seiner Musikwahl gedacht haben. Wo bleibt da die viel zitierte künstlerische Freiheit?
    Grüße Klaus

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  2. Hallo Klaus,
    stimmt, aber das ist nichts Ungewöhnliches, das kommt immer wieder vor. Ganze deutsche Synchronfassungen wie Orson Welles' "Citizen Kane" oder Billy Wilders "5 Gräber bis Kairo" wurden hierzulande mit komplett neuer Filmmusik unterlegt, weil die Lizenzen für die Musikrechte fehlten. Ein Film wie "Auf der Suche nach Mr. Goodbar" z.B., der voller 70er Popsongs steckt, wird nur deswegen (noch) nicht auf DVD veröffentlicht, weil der Vetrieb die Lizenzen für die Musikrechte nicht bezahlen will, und wir erinnern uns alle mit Schaudern an die erste DVD-Veröffentlichung von "Eine schrecklich nette Familie", in der der Titelsong durch eine nachgemachte Version ersetzt wurde. Insofern nein, das ist sicher nicht im Sinne des Regisseurs, aber damit muss er offenbar leben.
    Herzliche Vatertagsgrüße!

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