Samstag, 12. Mai 2012

Aquarius - Theater des Todes (1987)

Eine Prostituierte wird auf einsamer Straße von einem Killer im Vogelkostüm überfallen, während eine Marilyn Monroe-Imitatorin ins Saxophon bläst. Doch halt, es ist alles nur ein Spiel.
Eine Theatergruppe probt lediglich ein erotisches Musical, das auf den Taten des Jack the Ripper basiert, als zufällig aus der nahe gelegenen Irrenanstalt ein Serienmörder ausbricht und eine Garderobiere tötet. Der zynische Regisseur der Show (David Brandon) will den Mord umgehend ins Stück einbauen, um vom Medienwirbel zu profitieren und schließt sich dazu mit einigen seiner Darsteller im Theater ein, um in Ruhe zu proben. Pech nur, dass sich auch der Killer im Theater befindet. Während draußen zwei Polizisten Wache schieben und nicht ahnen, dass der Gesuchte sich längst unter die Schauspieler gemischt hat, wird drinnen einer nach dem anderen der Mimen ins Jenseits befördert...

Die Ausgangsidee von AQUARIUS - THEATER DES TODES (Stage Fright/Deliria) bietet viel Raum für klaustrophobische Spannung, Gemetzel und das Spiel mit Schein und Sein. Den nutzt Regisseur Michele Soavi brillant für seine Mischung aus Giallo und amerikanischem Slasher-Movie-Motiven.
Soavi, der als Regieassistent bei Dario Argento viel gelernt hat, legte mit AQUARIUS seinen ersten Spielfilm als Regisseur vor, und die Einflüsse seines Mentors sind unverkennbar. Im Gegensatz zu Weggenossen wie Lamberto Bava besitzt Soavi ein gutes Auge für Details und schafft es, auch langweilige Dialogszenen mit ungewöhnlichen Kameraperspektiven und scheinbar unwichtigen Kleinigkeiten so viel Atmosphäre einzuhauchen, dass ein wohliges Gefühl der permanenten Beunruhigung entsteht.

Natürlich sind - wie in so vielen italienischen Horrorfilmen - die Spielszenen von geringerem Interesse als die Horror-Sequenzen. Diese gelingen Soavi dann auch außerordentlich gut und bieten reichlich Splatter, was zu weltweiten Kürzungen und Verstümmelungen des Films geführt hat. Der Killer mit der Vogelmaske ist ein ungewöhnlicher Anblick, den man so schnell nicht vergisst, und er ist in der Wahl seiner Waffen ziemlich einfallsreich. Vom elektrischen Bohrer über die Kettensäge bis zum klassischen Hackebeil wird hier alles benutzt, was der Theaterfundus hergibt. Die eingeschlossenen Schauspieler, die unentwegt nach dem einzigen Schlüssel zum Theater suchen, der aber leider von einem der Mordopfer vor dessen Ableben versteckt wurde, können nicht viel mehr tun als herumzurennen und zu kreischen, weil der Killer immer wieder dort auftaucht, wo man ihn gerade am wenigsten vermutet.

Die Charaktere sind zwar sämtlich Abziehbilder (ganz besonders der Produzent der Show namens 'Ferrari', der mit einem Koffer voll Geld herumrennt und wie ein Möchtegern-Mafiosi aus einem schlechten amerikanischen Film wirkt), besitzen aber immerhin so viel Persönlichkeit, dass man sie voneinander unterscheiden kann und man ihnen nicht automatisch den Tod an den Hals wünscht, wie es in so vielen US-Vorbildern der Fall ist. Hauptdarstellerin Barbara Cupisti ist ein starkes Final Girl, und in weiteren Rollen tauchen alte Bekannte wie David Brandon und der unvermeidliche John Morghen (aka Giovanni Lombardo Radice) auf, der in unzähligen Horrorfilmen sein Leben lassen musste - so auch hier.

Passend zum Geschehen hat Simon Boswell einen guten 80er-Score komponiert, der unentwegt an Argento erinnert, und die finalen 15 Minuten, in denen unsere letzte Überlebende den Theaterschlüssel an sich bringen muss, der direkt neben dem Mörder im Bühnenboden klemmt (zwischen den 'Brettern, die die Welt bedeuten', im wahrsten Sinne), während um ihn herum die Leichen ihrer Kollegen wie Schaufensterpuppen drapiert sind, zerren unglaublich an den Nerven. Die extremen Naheinstellungen des Schlüssels verweisen sowohl auf Argento wie auf Hitchcock (man denkt an den Schnaps in "Eine Dame verschwindet" oder den Schlüssel in "Notorious"), dann folgt noch ein Herzinfarkt-Schluss-Schock, der aus Argentos "Tenebrae" (1982) entliehen wurde, und fertig ist ein Film, der mit modernen Mitteln seine klassische Agatha Christie-Konstellation der "zehn kleinen Negerlein" (ich weiß, klingt politisch extrem unkorrekt) herunterspult und das verwöhnte Horror-Publikum absolut begeistern kann.

Mit AQUARIUS hat sich Michele Soavi umgehend als große Hoffnung des italienischen Horror-Kinos empfohlen - eine Hoffnung, die er in seinen folgenden Werken mit Abstrichen erfüllen konnte, bevor er sich nach einer privaten Tragödie (dem Tod seines Kindes) für mehrere Jahre aus der Branche zurückzog. Produziert wurde AQUARIUS von Kultfilmer Joe D'Amato (aka Aristide Massacchesi), bei dem Michele Soavi als Regie-Assistent begonnen hat, das Drehbuch schrieb George Eastman unter einem Pseudonym. Eastman war der Hauptdarsteller mehrerer D'Amato-Filme wie "Man-Eater" (1980) und "Absurd" (1981). Schön, wenn immer alles in der Familie bleibt.

08/10


Der gefiederte Killer mit Kettensäge - "Deliria"



Kommentare:

  1. Lieber Deepred,

    das hier hat zwar nichts mit diesem Film zu tun, aber ich finde, dieses kleine Meisterwek solltest Du dir unbedingt mal anschauen! Als ich es das erste Mal sah, musste ich sofort an Dich denken! Viel Spass damit! Hoffe Du magst es :-)

    Liebe Grüße

    Billy Shines

    http://www.myvideo.de/watch/8508514/Keane_Disconnected

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  2. Hallo Billy Shines,

    das gefällt mir sogar sehr! Danke für den Tipp! :-)

    Liebe Grüße, Mathias

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