Dienstag, 10. April 2012

Sex, Lügen und Video (1989)

Die Independent-Produktion SEX, LÜGEN UND VIDEO (Sex, Lies and Videotape) war das Spielfilmdebüt von Steven Soderbergh und schlug 1989 wie eine Bombe ein. Der Film erhielt zahlreiche Auszeichnungen und wurde als Rückkehr des Autorenkinos in den amerikanischen Mainstream gefeiert. Mit einem knappen Budget von 1,2 Millionen Dollar schuf Soderbergh eine ebenso kluge Bestandsaufnahme aktueller Geschlechterbeziehungen wie den Verweis auf eine deutlich pessimistische Zukunft.

Die Handlung ist denkbar simpel. Das Eheleben von Ann und John (Andie MacDowell und Peter Gallagher) sieht nur von außen perfekt aus. John hat eine Affäre mit Anns Schwester Cynthia (Laura San Giacomo), Ann hingegen hat gar keine Lust mehr auf Sex und entwickelt seltsame Ersatzbefriedigungen. In diese fragile Situation dringt Johns alter Schulfreund Graham (James Spader) ein, der zu Besuch kommt. Die offenherzige Cynthia macht sich an Graham heran, doch der nimmt lieber intime Sexgeständnisse von Frauen auf Video auf, weil er selbst impotent ist. Mit seinem Auftauchen sorgt Graham dafür, dass die schwelenden Konflikte der Figuren zum Ausbruch kommen und die Konstellationen völlig neu gemischt werden.

Vor der Kamera über Sex zu reden, scheint ein Akt der Befreiung zu sein, zumindest ist er das für Ann, die durch ihre Geständnisse ihre Hemmungen verliert, sich öffnen und sogar den impotenten Graham wieder zu einem aktiven Sexualleben bewegen kann. Vor der Kamera über Sex zu reden, das war Ende der 80er noch relativ neu, aber die Wirklichkeit holte den Film schnell ein. Nicht umsonst waren die 90er das Jahrzehnt der unzähligen Daily-Talkshows, in denen Menschen über ihre persönlichsten Befindlichkeiten und Gelüste vor Millionen Zeugen in scheinbar ununterbrochener Dauerschleife redeten, redeten und noch mehr redeten. Für Graham ist das Betrachten der Intimgeständnisse anderer bereits eine vollständiger, wenngleich frustrierender, Ersatz für echtes Miteinander. Er kann sich nur über die Distanz erregen und muss dafür die Privatsphäre fremder Frauen verletzen, die nur zu willig ihre Geheimnisse preisgeben. Damit ist er der Fernsehzuschauer einer neuen Generation.

So genau, wie Steven Soderbergh verklemmte Beziehungen unter die Lupe nimmt, so prophetisch war sein Film und läutete ein Jahrzehnt des unendlichen Gelabers ein, dessen Auswirkungen heute noch spürbar sind, wenn man etwa aktuelle Meldungen über das Sexleben der "Stars" - oder noch schlimmer, das von Frank Elstner (wie heute gemeldet) - ungebeten serviert bekommt, bei denen man sich fragt, wen sie eigentlich interessieren sollen und warum. Die vermeintliche Freiheit, offen über alles sprechen zu können, weicht schnell dem Überdruss, und so lautet auch die Botschaft des Films letztendlich, redet nicht so viel darüber, tut es!

Was den Umgang mit seinen Figuren betrifft, ist SEX, LÜGEN UND VIDEO absoluter Anti-Mainstrean. Ein Filmheld mit Erektionsproblemen, eine schöne Heldin, die lieber staubsaugt und Müll sortiert als sich mit Bettgeschichten abzugeben? Gebrochene Figuren, im wahrsten Sinne. Soderbergh findet für jeden ein Spiegelbild. Die verklemmte Ann muss sich gegen die lüsterne Cynthia behaupten, der Karrierist John macht sich über den "Loser" Graham lustig, ist aber ein viel ärmeres Würstchen.

Soderbergh inszeniert diesen fröhlichen und traurigen Reigen aus Lust und Frust mit einfachsten Mitteln, in langen Einstellungen, ohne jeden Schnickschnack und mit viel skurrilem Witz. SEX, LÜGEN UND VIDEO fesselt ohne jeden Spezialeffekt, allein das machte ihn am Ende eines Filmjahrzehnts aus Blockbustern, die sich selbst mit bahnbrechenden Effekten übertrafen, zum Novum.
Hier ist sogar die oft spröde Andie MacDowell klasse, wenn sie krampfhaft die Fassade einer heilen Ehe aufrecht erhält und gar nicht merkt, wie gestört sie ist. James Spader, der in den 80ern oft als Nebendarsteller in harmlosen Komödien fungierte, schaffte mit dem Film den Sprung ins Arthouse-Kino. Die nachdrücklichste Leistung aber zeigt Laura San Giacomo, die kurz zuvor als großmäulige Hurenfreundin von Julia Roberts in "Pretty Woman" (1988) begeisterte und hier als selbstsichere Cynthia eine tragende Rolle spielen darf. Obwohl sie im klassischen Sinn die Antagonistin der Geschichte ist (sie hat eine Affäre mit dem Mann ihrer Schwester, unserer Hauptdarstellerin), was im Mainstream-Kino zur zwangsläufigen 'Bestrafung' führen müsste, bleibt sie die liebenswerteste Figur und geht hoch erhobenen Hauptes aus dem Film.
Steven Soderbergh gehörte nach diesem Überraschungserfolg schnell zu den heißesten Regisseuren Hollywoods, was einige kassenträchtige und spektakuläre Großproduktionen nach sich zog. Als Produzent hat er nebenbei immer wieder das Autorenkino gefördert. Für mich bleibt SEX, LÜGEN UND VIDEO sein bester Film.

Fazit: SEX, LÜGEN UND VIDEO ist und bleibt sehenswertes Autorenkino. Er ist in seiner Rückbesinnung auf simple Mittel und das Zeichnen von Menschen statt Superhelden innovativ und funktioniert sowohl als Drama wie als feinsinnige Komödie und Satire auf den American Way of Life, der verlangt, dass man ein heiteres Grinsen aufsetzt und stets happy ist, wenn es einem besonders beschissen geht.

09/10

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