Donnerstag, 19. April 2012

Kino-Liste: Die 20 besten Titelsequenzen

Die Titelsequenz ist ein wenig aus der Mode gekommen, weil man im aktuellen Kino lieber gleich in die Handlung springt oder den ersten Popsong einspielt, während die Kamera entweder über Wasser fliegt oder Straßenschluchten der Großstadt aus der Vogelperspektive zeigt. Alfred Hitchcock war einer der ersten, die das Publikum mit ausgefallenen Titelsequenzen in die richtige Stimmung versetzten, und kein Bond-Film wäre denkbar ohne sie. Hier sind meine liebsten:

1. Vertigo (1958)


Keine Konkurrenz! James Stewart irrt wie betäubt durch ein Labyrinth aus Liebe, Mord und Höhenangst, die atemberaubende Titelsequenz zu Hitchcocks Meisterwerk stammt natürlich von Saul Bass, der hier seine beste Arbeit ablieferte. Wer "Vertigo" im Kino sehen durfte, wird sich glücklich schätzen, diese Bilder auf der großen Leinwand gesehen zu haben. Zusammen mit der Musik Bernard Herrmanns ein unvergessliches Ereignis.


2. James Bond 007 - Feuerball (1963)


Leicht bekleidete Damen, das farbenfrohe Spiel der Elemente und ein stets schussbereiter Superagent waren sein Markenzeichen. Maurice Binder entwarf die meisten und die schönsten Bond-Vorspannsequenzen. Bekannt dafür, immer auf den letzten Drücker anzufangen und das Ergebnis in letzter Sekunde abzugeben, waren seine Kreationen stets einer von vielen Höhepunkten der Bond-Abenteuer. Der für mich beste Moment bleibt das Abfeuern der Harpune zum (doppelten) Titelschriftzug in "Thunderball", gefolgt von der Mensch/Totenkopf-Verwandlung im "Live and Let Die"-Vorspan.



3. Casino (1995)


Martin Scorsese hat die Kunst von Saul Bass in den 90ern wieder entdeckt und sich die Werke "Goodfellas" (1990), "The Age of Innocence" (1993), "Cape Fear" (1991) und "Casino" vom Meister - in Zusammenarbeit mit dessen Frau Elaine - veredeln lassen. Diese letzten Arbeiten zeigen den Grafikdesigner noch einmal auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Robert De Niro fliegt dank Autobombe durch die Luft und saust durch glitzernde Welten des schönen Scheins. Passend dazu: J.S. Bachs 'Matthäuspassion'. Episch!



4. Psycho (1960)


Mit Norman Bates' Psyche ist nicht alles in Ordnung. Und so wie sein Küchenmesser die arme Janet Leigh zerteilt, werden in Saul Bass' simplem wie effektivem Design zu Hitchcocks Kulthit die Namen der Beteiligten durch horizontale und vertikale Linien zerschnitten und wieder zusammengesetzt. Derangierte Psychen, derangierte Buchstaben. Hitchcock war fasziniert von der Gegensätzlichkeit - das hoch aufragende Gothic House der Mrs. Bates, darunter das ultramoderne, langgestreckte Motel. Saul Bass baut alles grafisch zusammen. Ein Film der einzelnen Meisterleistungen, die perfekt zusammenfinden.



5. Alien (1979)


"Im Weltall hört dich niemand schreien" lautete die Werbezeile zu Ridley Scotts Sci-Fi-Horror. Die bedrohliche Stille liegt auch über der Vorspannsequenz, die mit beunruhigenden Tönen aus entfernten Welten, der fast unhörbar leisen Musik Jerry Goldsmiths und einem umwerfend schlichten Titeldesign aufwartet, das immer wieder schön anzuschauen ist. Der Gegenentwurf zu George Lucas' Weltall-Seifenoper, die mit Pauken und Fanfaren daherkommt.



6. Die Schwestern des Bösen (1973)


Brian De Palma nimmt die Lösung seines Murder Mysteries und die tragische Vorgeschichte seiner bösen Heldin bereits vorweg, indem er Bilder aus dem Mutterleib zeigt. Zwillinge, untrennbar miteinander verbunden, oder doch nicht? Die Wände des Apartmentkomplexes, in dem Jennifer Salt einen Mord beobachtet, haben die gleiche Farbe wie die Föten. Bernard Herrmanns schriller Score sorgt für zu Berge stehende Haare, noch bevor die tödliche Geburtstagstorte serviert wird.




7. Crash (1996)

Die Titel ziehen wie Lichter auf der Autobahn vorbei (auf welcher der Zuschauer als Geisterfahrer unterwegs ist), die metallenen Buchstaben weisen bei genauer Betrachtung diverse Lack- und Formschäden auf. Beschädigt sind auch die Menschen in diesem höchst umstrittenen Film von David Cronenberg, der gleich mehrere neue Fetische präsentiert. Wie (fast) immer im Schaffen des Regisseurs sorgt Komponist Howard Shore für die musikalische Untermalung, die hier besonders experimentell und stimmungsvoll daherkommt.


8. Charade (1963)


Als Hitchcock sich Mitte der 60er von außergewöhnlichen Vorspännen und Wegbegleitern verabschiedete (was seinen Filmen nicht gerade gut bekam), traten die Bewunderer und Epigonen auf den Plan. Stanley Donen sicherte sich für seine Hitchcock-Hommage "Charade" die Talente von Saul Bass, der eine sehr verspielte, aber bedeutsame Titelsequenz schuf. Viele Wege führen zur Aufklärung des Verbrechens, aber bis dahin wird man sich oft verlaufen - sagt das Design. Ebenso empfohlen: der Nachfolger "Arabeske" (1964).


9. Der rosarote Panther (1963)


Der Klassiker unter den Titelsequenzen und besser als der nachfolgende Film. Paulchen Panther, der ohne Frage wiederkommt, weil heute nicht aller Tage ist, ist der Held in einem Cartoon-Abenteuer, das nur dem Namen nach im Film vorkommt. Dort ist der 'Pink Panther' lediglich ein Edelstein. Die Idee, jenem Juwel ein tierisches Äußeres zu verpassen, das Kinder wie Erwachsene erfreut, ist schlichtweg genial und hat den Film unsterblich gemacht. Ach ja, und Henry Mancini natürlich auch.


10. Blutige Seide (1964)

Mario Bava, der Meister der Kamera und des italienischen Horrorfilms, kreierte selbst die Titelsequenz zu seiner Giallo-Blaupause "Blutige Seide". Wir befinden uns in einem exquisiten Modesalon, und Bava stellt seine Hauptdarsteller wie Schaufensterpuppen in eine düster-barocke Welt aus grellen Farben, tiefschwarzen Schatten und ebenso schwarzer Spitze. Carlo Rustichelli sorgt mit einem eingängigen Mambo für die Ohrwurm-Qualität zu den berauschenden Bildern. Eine Titelsequenz, wie es sie nur einmal gibt.



11. Der unsichtbare Dritte (1959)

Erneut ein klassisches Design von Saul Bass, der die Titel zu Hitchcocks Agenten-Verwirrspiel auf die Fassade eines Wolkenkratzers legt, hinter dessen Fenstern Cary Grant als Werbefachmann Roger O. Thornhill arbeitet. Das 'O' steht übrigens für gar nichts. Bass' Sequenz war so einflussreich, das sie unter anderem von John Carpenter ("Das unsichtbare Auge", 1978) und David Fincher ("Panic Room", 2002) wieder aufgegriffen wurde.


12. Die neun Pforten (1999)

Treten Sie ein, die Hölle erwartet Sie! Wer einmal die Musik Wojciech Kilars zu Roman Polanskis Okkult-Thriller gehört hat, wird sie nie vergessen. Der Vorspann jagt den Zuschauer - als hätte man es geahnt- durch die neun Pforten, hinter denen vielleicht oder auch nicht der Teufel zu finden ist. Ob der dann auch die Gestalt der schönen Emanuelle Seigner besitzt, wird sich zeigen. Der Film war durchaus umstritten, über die Klasse von Vorspann und Score waren sich aber alle einig. Der Abspann ist übrigens mindestens genau so schön.


13. 2001: Odyssee im Weltraum (1968)


Stanley Kubrick brachte seine Filme immer schon gern auf den Punkt, bevor überhaupt ein Dialog zu hören war. Im Vorspann zu "Lolita" (1962) werden jungfräuliche Fußnägel bemalt, in "Dr. Seltsam" (1964) sind bereits zu Beginn unter Kinder-Krakelschrift die Bomber unterwegs, und in "2001"geht es um etwas Großes, Gewaltiges, nicht mehr als um die Geschichte der Menschheit - Anfang, Ende und darüber hinaus. Also sprach Zarathustra!



14. Die Vögel (1963)


Hitchcock verzichtet im gesamten Film auf Musik und verstört somit die Zuschauer nur noch mehr, die ohnehin schon nicht wissen, warum zum Teufel die friedlichen Federtiere plötzlich über die ahnungslosen Menschen in Bodega Bay und die verzickte High Society-Schickse Tippi Hedren herfallen. In Saul Bass' Titelsequenz werden die Namen der Beteiligten bereits von flatternden Flügeln zerfetzt, während Bernard Herrmann zusammen mit den Tontechnikern für adäquates Gekreische der Vögel sorgt. Klasse!



15. Halloween - Die Nacht des Grauens (1976)

Ebenso simpel wie genial - und zeitlos gut. Die Jahreszeit: Halloween. Die Tageszeit: Nacht. Michael Myers kommt nach Hause. John Carpenter braucht nur einen Kürbis und seine pulsierende Synthesizer-Musik, um das Publikum auf die kommende Nacht des Grauens einzustimmen. Er kommt näher, und näher, und näher...



16. Manhattan (1979)

Woody Allen macht seiner Stadt die Aufwartung und zeigt sie von ihren schönsten Schwarzweiß-Seiten in einer der stimmungsvollsten Titelsequenz aller Zeiten. Eine Liebeserklärung an Manhattan, seine Architektur und seine Neurotiker, fotografiert von Gordon Willis, dem "Prince of Darkness". Dazu hören wir Gershwins "Rhapsody in Blue". Einfach nur zum Dahinschmelzen.



17. Shining (1981)


Stanley Kubrick schickt Jack Nicholson in Berge, Wahnsinn und Tod im Heckenlabyrinth. Seine Fahrt zur neuen Arbeitsstelle, dem 'Overlook'-Hotel, in dem besonders die Silvesterparty zu empfehlen ist (man sollte allerdings auf den Fahrstuhl verzichten), schildert Kubrick als Reise ins Nirgendwo, in eine Welt, die - ähnlich wie das Weltall in "2001" - nur böse Überraschungen bereithält. Majestätische Berge, Endzeit- oder Urzeit-Stimmung, ganz wie man will.




18. Casino Royale (2006)


Zur Wiedererweckung der Bond-Filme für ein neues Zeitalter würdigt das neue Design die klassischen Maurice Binder-Grafiken und weist gleichzeitig den Weg in eine bessere - weil Brosnan-freie - Zukunft. Neben bereits hinlänglich bekannten Motiven wie den Spielkarten, die von Anfang an zum Bond-Universum zählten, ist es vor allem das blutende Herz, das hier für den Film und einen neuen Bond steht.



19. Sphere (1998)

Über die Qualität des Films kann man sich streiten, die meisten mögen ihn nicht. Ich selbst kann ihn als 'Guilty Pleasure' immer wieder sehen, weil Unterwasser-Filme und Sharon Stone stets einen Wackerstein bei mir im Brett haben. Außerdem hat Elliot Goldenthal seinen besten Score für "Sphere" komponiert, und das edle Vorspann-Design ist ein Musterbeispiel für die außergewöhnlichen Grafiken der 90er, die mit Finchers "Se7en" (1995) ihren Anfang nahmen (ein weiteres gutes Beispiel ist "Mimic", 1997). Alte Schiffsmotive, Seeungeheuer und Jules Vernes "20.000 Meilen unter dem Meer" sind die Motive dieser Titelsequenz, die wahrscheinlich hundertmal besser ist als der nachfolgende Film. Ich mag ihn trotzdem.




20. Total Recall (1990)


Paul Verhoevens Armabreißer-Epos und der bis dato teuerste Film aller Zeiten beginnt mit einem fantastischen Vorspann-Design. Im Mittelpunkt steht die Farbe Rot - für den Mars, auf dem die Handlung spielt, und das Blut, das heftig spritzt, wenn Schwarzenegger als Douglas Quaid unterwegs ist, um sein Gedächtnis zu finden. Vielleicht ist es aber auch nur ein Urlaub, oder ein Traum. Der brachiale Score von Jerry Goldsmith tut das Übrige. Anschnallen, zurücklehnen und bereit machen für einen Sci-Fi-Trip der krachledernen Art.


Und als Bonus:


Mit Schirm, Charme und Melone (The Avengers, 1967)

Kein Kino, sondern Fernsehen, aber die beste TV-Titelsequenz aller Zeiten. Mrs. Peel, die stets gebraucht wird, schießt den Korken vom Champagner und richtet die Nelke in Steeds Knopfloch. Stylischer geht es nicht als in dieser kultigen Agentenserie aus Großbritannien, die sich 1967 mit dem Einzug der Farbe in die heimischen Wohnzimmer zu neuen kreativen Höhen aufschwang.


Kommentare:

  1. Hi Mathias,
    sehr interessante Liste mit einem wohlverdienten Sieger.
    LG Ray

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  2. Lieber Ray, ein paar weitere sehr gute mussten leider weichen (Der Mann mit dem goldenen Arm, Body Heat, Fahrenheit 451), aber der Sieger stand von vornherein fest, der ist einfach großes Kino, wie es so schön heißt. Liebe Grüße!

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