Dienstag, 3. April 2012

Flucht ins 23. Jahrhundert (1976)

Bevor George Lucas' "Star Wars" 1977 das Kino für immer veränderte, räumt das Science-Fiction-Abenteuer FLUCHT INS 23. JAHRHUNDERT (Logan's Run) kurz zuvor an den Kinokassen ab und wies den Weg in ein von Blockbustern bestimmtes Filmzeitalter, in dem aufwändige Spezialeffekte, Event-Charakter und harmlose Familientauglichkeit die düsteren, persönlichen und gesellschaftskritischen Filmstoffe der 70er Jahre ablösten.
Bei Filmfans erfreut sich Michael Andersons Film großer Beliebtheit und genießt Kultstatus, es gibt freilich auch andere Meinungen, die mit der naiven Machart und den unendlichen Logikproblemen nicht viel anfangen können. Als ich FLUCHT INS 23. JAHRHUNDERT in meiner Jugend im Fernsehen sah, hielt ich ihn für einen aufregenden, ultraspannenden Thriller. Heute stelle ich fest, dass der Zahn der Zeit doch ganz schön an ihm genagt hat. Nichtsdestotrotz bietet er einige fantastische Einfälle und Set Pieces.

Der Inhalt: Im Jahr 2274 leben die Menschen friedlich und dem Genuss verschrieben in einer unterirdischen Stadt, die von einem Großcomputer gesteuert wird. Erreicht man das 30. Lebensjahr, wird man "erneuert", was nichts anderes bedeutet, als dass man gekillt wird. Den Menschen aber wird dieser Massenmord als neue Bewusstseinsstufe verkauft (ähnlich wie in einigen Weltreligionen). Wer sich dagegen wehrt und dem Tod davonlaufen will, ist ein "Läufer" und wird von Polizisten, den sogenannten "Sandmännern", gnadenlos gejagt und eliminiert. Einer dieser "Sandmänner", Logan (Michael York) beginnt durch einige Vorfälle am System zu zweifeln und wird selbst zu einem "Läufer". Gemeinsam mit der schönen Jessica (Jenny Agutter) versucht er, der Stadt und dem System zu entkommen und einen Ort namens "Sanctuary" zu finden, an dem alles besser wird. Gejagt werden sie vom "Sandmann" Francis (Richard Jordan), einem Freund und ehemaligen Kollegen Logans...

FLUCHT INS 23. JAHRHUNDERT ist ein Film, bei dem Genie und Wahnsinn so dicht beieinander liegen, dass man ein ständiges Wechselbad der Gefühle erlebt. Kunst und Kitsch, Anspruch und Trash, hervorragende Spezialeffekte (oscar-prämiert) und lächerlichste Billigtricks wechseln sich unentwegt ab. Hat man gerade noch die futuristischen 70er-Sets mit den knalligen Farben und bizarren Designs bestaunt, muss man sich beim Anblick eines billigst zusammengebastelten Roboters das Lachen verkneifen, der aussieht wie eine Mischung aus Küchenmaschine und Muppet-Figur (insbesondere wenn man bedenkt, wie einfach er von Logan auszuschalten ist, nachdem tausende "Läufer" versagt haben).

Die einzigen Konstanten in diesem seltsamen Mischmasch sind die fantastische Musik Jerry Goldsmiths und die Darstellerleistungen. Michael York spielt seinen naiven Helden Logan zwar mit ein wenig zu viel Schnütchen und Augengeklimper, trägt den Film aber mühelos. An seiner Seite bezaubert Jenny Agutter ("American Werewolf", 1981) als sympathische Heldin, und Richard Jordan ist ein klasse Gegenspieler. Ein hübsches Wiedersehen gibt es mit der jungen Farrah Fawcett (als Assistentin eines Schönheitschirurgen) vor ihrem Durchbruch mit "Charlie's Angels", und Peter Ustinov taucht im letzten Drittel als alter Zausel und letzter Mensch der "wirklichen" Welt auf.

Die ersten beiden Drittel des Films bestechen durch fantasievolle Sets und spannende Set Pieces, aus denen besonders die "Love Shop"-Sequenz herausragt. Darin verirren sich Logan und Jessica auf ihrer Flucht in einem düsteren Irrgarten aus nackten und halbnackten Körpern, die die beiden in ihre orgiastischen Genüsse einbeziehen wollen. Zeitlupe und Musik sorgen hier für einen alptraumhaften Effekt. Ursprünglich sollte die Szene drei Minuten dauern und war perfekt durchchoreografiert, das Studio MGM aber ließ sie aus Angst vor Zensurauflagen zwecks Familientauglichkeit herunterkürzen, was Regisseur Anderson heute noch bedauert.

Leider wird das rasante Tempo nach Logans Eintreffen in der Welt "oberhalb", einem verfallenen Washington, das von der Natur zurückerobert wurde, jäh gestoppt, und die Liebesgeschichte sowie die endlosen Monologe Ustinovs darüber, wie es "früher war" sind gähnend langweilig. Zwar taucht Bösewicht Francis zu einem letzten Duell auf, aber das war es auch schon. Ab hier ergibt der Film auch keinerlei inhaltlichen Sinn mehr und türmt Fragen auf Fragen, die allesamt unbeantwortet bleiben. Warum kehrt Logan auf einem anderen Weg in die Stadt zurück als er gekommen ist? Warum ist dieser Weg so simpel, bzw. warum ist vorher niemand auf die Idee gekommen? Wieso bricht das System zusammen, nur weil einer "Es ist eine Lüge!" schreit und dem Super-Computer die Antworten nicht gefallen, die er von seiner Reise mitgebracht hat?

Überhaupt bleiben viele Fragezeichen zurück, die wahrscheinlich den Veränderungen geschuldet sind, die der Film an der Romanvorlage vorgenommen hat. So wird nie erklärt, wer den Computer und das "System" eigentlich steuert. Und ganz ehrlich, wenn ich ein Super-Computer wäre, würde ich meinem "Sandmann" nicht vier Lebensjahre stehlen, bevor ich ihn auf eine Mission schicke, ich würde natürlich alles tun, damit er nicht misstrauisch wird und sich gegen mich wendet. Die gesellschaftskritischen Themen (Traue keinem über 30, totalitäre Systeme, Krieg und Vernichtung) werden nur angedeutet und nie ausgespielt, weswegen FLUCHT INS 23. JAHRHUNDERT über die meiste Zeit nur harmlose, bunte Unterhaltung bietet. Da waren Weggefährten wie "Soylent Green" (1973) oder "Westworld" (1973) schon weiter in ihrer bitteren Abrechnung mit einer möglichen Zukunft - was auch daran liegt, dass das Happy End in FLUCHT unglaubwürdig wirkt. Trotzdem lohnt sich der Film, wenn man ihn als reines Abenteuerspektakel betrachtet.

FLUCHT INS 23. JAHRHUNDERT war ein großer Hit, hat eine gleichnamige TV-Serie hervorgerufen und zahlreiche spätere Werke beeinflusst. Ein Remake ist seit Jahren im Gespräch. Michael Bay hat für seinen Action-Kracher "Die Insel" (2002) sowohl die Idee als auch ganze Sequenzen übernommen.
Der deutsche Titel macht übrigens herzlich wenig Sinn und hat mit der Handlung nicht das Geringste zu tun. Wer den Film noch von damals kennt, wird sich gern zurückerinnern und ihn liebevoller beurteilen. Wie man ihn findet, wenn man ihn heute zum ersten Mal sieht, das kann ich kaum einschätzen, wahrscheinlich wirkt er eher altmodisch und albern.

08/10

Logan im Kreuzverhör des Computers -
Michael York in "Flucht ins 23. Jahrhundert"

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