Donnerstag, 26. April 2012

Dirty Harry (1971)

In San Francisco geht ein geisteskranker Killer um, der scheinbar wahllos Menschen tötet und von der Stadt 100.000 Dollar erpresst. Auf den Fall wird der eigenbrötlerische Inspektor Harry Callahan (Clint Eastwood) angesetzt, der aufgrund seiner unkonventionellen Methoden und einer tief verwurzelten Abneigung gegen die Menschen 'Dirty Harry' genannt wird. Harry muss sich nicht nur mit einen neuen Partner an der Seite herumschlagen, sondern bald schon hat es der Killer persönlich auf ihn abgesehen...

Faschistisch, rassistisch, schwulenfeindlich, frauenfeindlich, menschenfeindlich, oberflächlich, abstoßend - das sind so einige der Adjektive, mit denen Don Siegels DIRTY HARRY (Dirty Harry) seinerzeit bedacht wurde. Das Publikum liebte den Polizeifilm und die von Clint Eastwood gespielte Figur des wortkargen Harry Callahan von der ersten Minute an, und der Film gibt sich alle Mühe, diesen harten Großstadt-Cop und Einzelgänger ohne Illusionen zwar zwiespältig, aber dennoch sympathisch zu zeichnen. Schon bei seinem ersten Auftritt im Büro des Bürgermeisters (John Vernon) hat er alle Sympathien auf seiner Seite, wenn er gefragt wird, was alles zur Ergreifung des Killers unternommen würde und er darauf lapidar antwortet, dass er allein in den letzten 45 Minuten draußen gewartet habe, hereingerufen zu werden.

Ganz klar, Dirty Harry erfüllt ein Grundbedürfnis des Zuschauers. Er hat keinen Respekt vor Autoritäten oder Vorgesetzten, ihm geht es allein darum, den Täter zur Strecke zu bringen, tot oder lebendig. Die Wahl der Methoden ist dabei zweitrangig. Der Killer, der an den so genannten 'Zodiac'-Killer angelehnt ist, und der von Andrew Robinson ("Hellraiser", 1987) herrlich durchgeknallt und furchterregend gespielt wird, scheint ohne Motiv zu handeln, aus lauter Lust an der Zerstörung. Seine Opfer sind junge Frauen und Kinder, er ist das personifizierte Böse, und das gilt es, mit allen Mitteln auszulöschen. Zu keiner Zeit darf Mitleid oder Verständnis für ihn aufkommen, das ist ein Grundprinzip des Selbstjustiz-Thrillers, der in den 70ern auch durch den Erfolg von Siegels Film groß in Mode kam (dazu gehört u.a. auch Charles Bronsons "Death Wish", 1974). Je abstoßender sich der Killer verhält, desto härter kann Callahan gegen ihn vorgehen, umso mehr bejubelt das Publikum jede illegale Aktion des Cops.

In den 70ern war der Glaube der amerikanischen Öffentlichkeit an das System arg ins Wanken geraten, und der Film greift diese Befindlichkeit konsequent und kompromisslos auf. In der Welt von Dirty Harry kann man niemandem trauen - nur dem Mann, der nach dem uralten Prinzip 'Auge um Auge' vorgeht. Dass er dabei einen verschlagenen Witz pflegt, macht ihn umso liebenswerter. Wenn er am Ende seine Marke wegwirft, ist das ein Verweis auf Zinnemanns "High Noon" (1952), in dem ebenfalls ein ernüchterter Held den Glauben an die gute Sache und Zusammenhalt verloren hat - mit dem Unterschied, dass Harry Callahan selbigen vermutlich nie besaß.

Formal ist DIRTY HARRY ein in jeder Beziehung erstklassiger Thriller. Don Siegel inszeniert das Duell des einsamen Rächers gegen die menschliche Bestie in rasantem Tempo, mit deutlich christlicher Symbolik und Western-Motiven an zahllosen Originalschauplätzen (symptomatisch für den 70er-Film). Viele Sequenzen spielen nachts, und die Bilder sind stellenweise so düster, dass man sich wahrlich in einem Höllen-Moloch wähnt. Der Zuschauer befindet sich jederzeit mitten im Geschehen und kann förmlich die Großstadt-Atmosphäre atmen. Dazu hat Lalo Schifrin einen ultra-coolen Soundtrack komponiert. Eastwood spielt seinen Harry mit gewohnt stoischer Miene und verzieht nur gelegentlich angewidert das Gesicht, wenn der Polizeiapparat, die Politik oder die lasche Justiz ihn mal wieder am Ausüben seiner Arbeit hindern. Interessanterweise sind wir nie bei Harry Callahan zu Hause. Harry lebt und arbeitet auf den Straßen San Franciscos, Tag und Nacht. So lange Männer wie er unterwegs sind, können wir beruhigter schlafen, suggeriert der Film und trifft damit einen Nerv beim Publikum.

Nicht umsonst war DIRTY HARRY so populär, dass mehrere Fortsetzungen entstanden, und es gibt bis heute kaum einen Polizeifilm, der sich nicht an das berühmte Vorbild anlehnt, darunter die "Lethal Weapon"-Reihe, die "Stirb langsam"-Filme und sämtliche Cop-TV-Serien. DIRTY HARRY ist zweifellos eingegangen in das kulturelle Bewusstsein. Er gehört zu den besten seiner Art und zum Besten, was das amerikanische Kino der 70er hervorgebracht hat.

10/10



"Ask yourself - do you feel lucky? Well, do ya, punk?"
Harry Callahan (Clint Eastwood) bei der Arbeit


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