Donnerstag, 12. April 2012

Der New York Ripper (1982)

Gore Galore! schrieb John McCarty in seinem 'Official Splatter Movie Guide' über Lucio Fulcis bluttriefenden Giallo, und besser kann man ihn nicht beschreiben.
Nun sind Fulcis Filme wahrlich nie zimperlich, aber mit dem NEW YORK RIPPER (Lo Squartatore di New York) hat er sogar einige Fans abgeschreckt, die mit der gesteigerten Frauenverachtung des Werks heftige Probleme hatten. Kritiker überschlugen sich gar mit Verbotsforderungen, und schnell fand sich Fulcis Splatterfilm weltweit auf den einschlägigen Listen angeblich jugendgefährdender Streifen wieder. Ganz besonders die damalige Werbekampagne stieß auf Abscheu, die den blumigen Schriftzug trug: "Fulvia Film Proudly Presents: Slashing Up Women Was His Pleasure".
Das bezog man selbstverständlich weniger auf den titelgebenden Killer als auf den Regisseur selbst, der unter dem Schriftzug grinsend in seinem Regiestuhl saß.

Nun sollte man von einem Fulci auch keine Subtilität verlangen. Betrachtet man den Film genauer, stellt man schnell fest, das er auch nicht wesentlich blutiger oder frauenfeindlicher ist als andere Werke Fulcis. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass hier das Fantasy-Element fehlt, das die Gewalt in Fulcis Zombiefilmen stets surrealistisch wirken ließ. Im NEW YORK RIPPER ist alles Realität. Der Film spielt in einem modernen New York, und es sind keine Zombies, die aus den Gräbern steigen, sondern hier ist es ein Serienkiller, der die Frauen aufschlitzt. Männer fallen ihm in der Tat nicht zum Opfer, das heißt aber nicht, dass diese sonderlich sympathisch sind. Ich würde eher sagen, dass DER NEW YORK RIPPER weniger ein frauenfeindliches als ein rundum menschenfeindliches Werk ist. Es gibt so gut wie keine ehrliche, angenehme oder liebenswerte Person im ganzen Film, geschweige denn eine funktionierende Beziehung. Selbst der ermittelnde Detective ist an Schmierigkeit nicht zu überbieten. Die Männer sind größtenteils neurotische, emotionale Krüppel mit Doppelleben und perversen Geheimnissen, die Frauen verdienen entweder mit Sex ihr Geld, erregen durch provozierendes Verhalten die Abneigung ihrer männlichen Umwelt oder reißen in ihrer Freizeit fremde Kerle in Strip-Schuppen auf, um einen heißen Nachmittag mit ihnen zu verbringen (das so genannte Hot Lunch).

Das kennen wir natürlich aus einem anderen Film, nämlich Brian De Palmas "Dressed to Kill" (1980), den Fulci so oft und bis in Details zitiert, dass es fast an Plagiat grenzt. Nicht nur haben wir eine Dame, die bei einem nachmittäglichen One Night Stand ermordet wird (auch noch in einem Hotel in der Nähe des Fahrstuhls), sie trägt auch noch ein ähnliches Outfit wie Angie Dickinson im Vorbild. Fulci bietet dazu noch eine U-Bahn-Sequenz, in der eigentlich nur Nancy Allen fehlt, und der Mörder verstellt hier wir da seine Stimme - was leider bei Fulci zu einem lächerlichen Versatzstück wird, indem er ihn wie Donald Duck quaken lässt. Der Killer mit der Quakstimme hat Fulci jede Menge Spott und Kopfschütteln eingebracht und ist ein absolut saudummer Einfall.
Im Großen und Ganzen aber merkt man Fulcis Film unentwegt den Versuch an, "Dressed to Kill" (und dessen Erfolg) zu kopieren und diesen in den Gewaltszenen derart aufzumotzen, dass selbst dem hartgesottenen Fan die Spucke wegbleibt. Da werden Stripperinnen mit zerbrochenen Flaschenhälsen massakriert, die Polizei darf live mithören, wie ein weiteres Opfer per Rasierklinge ins Jenseits befördert wird (wobei Fulci nicht mit Details spart - da bekommt Buñuels Augenschlitzerszene aus dem "andalusischen Hund" ein Exploitation-Upgrade, bzw. Downgrade, je nach Geschmack), und einmal glotzt die Kamera wie zu besten Edgar Wallace-Zeiten aus einer durchtrennten Kehle hinaus ins Freie. Mit Spannung hat es Fulci nicht sehr am Hut, weswegen der NEW YORK RIPPER als Giallo nur bedingt funktioniert und den Filmen Dario Argentos, mit denen er sich stets messen musste, wie immer unterlegen ist.

Trotzdem sollte man den NEW YORK RIPPER nicht unterschätzen oder als frauenfeindliches Gewaltspektakel abschreiben (nebenbei bemerkt, ist diese Frauenfeindlichkeit nicht nur Fulci zuzuschreiben, denn er arbeitet hier mit einem Drehbuch zweier Autoren, die bereits die Vorlagen zu ähnlich kontroversen Filmen abgeliefert haben). Neben der zynischen Weltsicht, die durchaus etwas für sich hat und zumindest Fulcis Standpunkt vermittelt (was mehr ist als andere Vertreter des Genres bieten, deren Handlungen sich in einem entfernten Nirgendwo abspielen, das vage an die Realität erinnert), bleibt die Kraft seiner Bilder lange im Gedächtnis, so unschön sie auch sein mögen. Fulci war nie ein Meister der Spannung, aber er hat ein Auge für grandiose Set Pieces und Atmosphäre. Statt Lovecraft'schem Surrealismus besticht der NEW YORK RIPPER durch die realistische Großstadtatmo, die es so nur in den 70ern und frühen 80ern gab. Fulcis New York ist ohne jeden Glamour, ein Vorort der Hölle aus Pornoschuppen, Hinterhöfen, Mülldeponien und einem leeren Kino - für Kunst ist kein Platz in dieser Welt. Und die Sequenz, in der unsere Ehebrecherin versucht, sich aus den Fesseln zu befreien, mit denen sie ans Bett gebunden ist, ohne dass der neben ihr schlafende, mutmaßliche Mörder wach wird, ist absolut schweißtreibend.

So springt der Film von einem spektakulären Mord zum nächsten und serviert am Ende eine alberne, aber doch überraschende Auflösung. Wenn man bereit und in der Lage ist, jede politische Korrektheit und alle Regeln des Anstands außer acht zu lassen, kann man den NEW YORK RIPPER genießen, und mir ist - ehrlich gesagt - ein derart anstößiger Film, der alle Hemmungen ablegt und dafür weltweiten Protest (inklusive Ablehnung der eigenen Anhängerschaft) in Kauf nimmt, hundertmal lieber als auf Sicherheit bedachte Streifen, die niemandem weh tun wollen. Ein Film wie DER NEW YORK RIPPER konnte nur in den 80ern entstehen, als die Kinozuschauer begeistert waren von den blutigen Tricks der Maskenbildner, und als Political Correctness gerade noch kein Thema war. Das gilt nicht nur für den Horrorfilm. Mit dieser Schroffheit war es dann auch bald vorbei, und nicht umsonst sind die 90er das wohl langweiligste und belangloseste Jahrzehnt der Filmgeschichte.

Nach dem NEW YORK RIPPER hat Lucio Fulci keinen wirklich guten Film mehr gemacht, und das lag sicherlich auch an den Reaktionen auf seinen bissigen Schlitzerfilm. Die Horror-Fans, die er damals verschreckt hat, haben sich in den Jahren wieder an den NEW YORK RIPPER angenähert. Er ist immer noch nicht sonderlich beliebt, und man schämt sich doch ein wenig, ihn zu verteidigen, aber neben den Zombie-Meisterwerken der frühen 80er gehört er zu Fulcis besten und eindrucksvollsten Filmen. Er profitiert übrigens von mehrfachem Sehen. Wenn man die überlauten Momente des Schreckens und des Splatters einmal hinter sich hat, fallen einem plötzlich die Details auf, die den Film doch weit über das Schundmaß heben. Und davon gibt es viele.

09/10

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