Sonntag, 15. April 2012

Das Geheimnis der blutigen Lilie (1971)

Spielen wir kurz 'Erkennen Sie den Film': In einem modernen Apartmenthaus wird eine attraktive, blonde Frau im Fahrstuhl von einer Gestalt im schwarzen Regenmantel mit einem Skalpell ermordet, während sein nächstes Opfer bereits ein paar Stockwerke höher auf den Fahrstuhl wartet. Als sich dort die Fahrstuhltüren öffnen, befindet sich lediglich die blutüberströmte Leiche des Mordopfers im Fahrstuhl.

Wer jetzt für "Dressed to Kill" (1980) ist, hebt bitte die Hand - und liegt falsch. Es handelt sich nämlich um den zehn Jahre zuvor entstandenen Giallo DAS GEHEIMNIS DER BLUTIGEN LILIE (Perché quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer?), der auch unter den Titeln "Der Satan mit dem Skalpell" und "Drops of Blood" vertrieben wird. Brian De Palma wird zwar oft als Hitchcock-Epigone bezeichnet, aber beim Ansehen der ersten Minuten der BLUTIGEN LILIE bleibt einem doch die Spucke weg, wie ähnlich der spätere Fahrstuhl-Mord an Angie Dickinson hier ausgeborgt wurde, und zwar bis hin zu Einstellungsdetails und Musikuntermalung. Ist ja nicht weiter schlimm, denn die BLUTIGE LILIE bedient sich selbst heftig bei anderen Gialli, wie etwa Bavas "Blutige Seide" (1963), aber man darf doch anmerken, dass eine der besten Szenen aus dem Oeuvre des amerikanischen Thriller-Meisters aus diesem obskuren italienischen Werk entliehen wurde. Dass "Dressed to Kill" ansonsten in jeder Beziehung hochklassiger ist, muss nicht extra erwähnt werden.

Zum Inhalt: nachdem besagte junge Frau im Fahrstuhl ins Jenseits befördert wurde, muss auch bald ihre Mitbewohnerin dran glauben. In die somit frei gewordene Wohnung der Mordopfer zieht das Fotomodell Jennifer (Edwige Fenech) zusammen mit einer Freundin. Doch nun ist der Killer hinter Jennifer her. Steckt etwa der Architekt des Gebäudes (George Hilton) hinter den Morden? Oder die seltsame alte Frau von nebenan, die immer Horror-Comics kauft und in ihrem Kleiderschrank einen grässlich entstellten Sohn versteckt? Dann wäre da noch der Geige spielende Herr aus dem gleichen Stockwerk, dessen lesbische Tochter Sheila ( Annabella Incontrera) Jennifer Avancen macht. Oder ist der Täter der mysteriöse Anführer einer Sekte, aus dessen Fängen Jennifer vor kurzem entkommen ist, und der ihr dauernd Lilien vor die Füße wirft? Fragen über Fragen...

DAS GEHEIMNIS DER BLUTIGEN LILIE gehört dank seines exemplarischen Charakters zu den sehenswertesten Gialli, jenem italienischen Genre, in dem schwarzbehandschuhte Killer aus überwiegend sexuellen Störungen heraus junge Frauen ermorden. Praktisch alle typischen Elemente sind hier vorhanden - der Mörder mit dem Regenmantel, originelle Mordsequenzen, eine hübsche Heldin in Lebensgefahr, ein dubioser Lover, jede Menge Verdächtige, reichlich 70er-Großstadt-Atmosphäre inklusive scheußlicher Modeverirrungen, sowie ein schmissiger Soundtrack mit Ohrwurm-Qualität von Bruno Nicolai, der zu meinen liebsten iPod-Nummern gehört. Mit dieser Musik im Ohr geht man einfach beschwingt durchs Leben und missachtet schon mal eine rote Ampel.

Die Hauptrolle spielt die wunderbare, atemberaubend schöne Edwige Fenech ("Five Dolls For an August Moon", 1972), die wie ihr Co-Star George Hilton Kultstar in zahlreichen Eurotrash-Filmen der 70er war. Regisseur Giuliano Carmineo, der im Vorspann als Anthony Ascott aufgeführt wird, bietet ihr reichlich Gelegenheit, den perfekten Körper zur Schau zu stellen. Sie betritt den Film mit einem Outfit, das lediglich auf ihren Körper aufgemalt ist (!), bekommt mehrere Nacktszenen und findet zwischen den Angriffen auf ihre körperliche Unversehrtheit immer genug Zeit, sich in ausgefallene Kostüme zu kleiden, die ihr dann regelmäßig durch den Killer wieder vom Leib gerissen werden. Tatsächlich wird ihr so oft die Bluse heruntergerissen, dass es schon hysterische Ausmaße annimmt, und der beste Moment des Films ist wohl der, wenn Edwige sich vor dem Angreifer in eine Nachbarswohnung flüchtet, in der die ebenso hübsche, lesbische Sheila wohnt, die nach Edwiges Schilderung der versuchten Vergewaltigung nur lüstern sagt: "Kein Wunder, du würdest jeden in Versuchung bringen!" Nicht gerade sensibel, aber was soll's?

Man sieht schon, mit der Glaubwürdigkeit ist es hier - wie in vielen Gialli - nicht weit her. Dazu gehört auch der Kommentar der Mordzeugin (und besten Freundin des Mordopfers), die sich nicht weiter um die gerade entdeckte Leiche im Fahrstuhl kümmern kann, weil sie dringend zu einem Termin muss ("Ich muss weg!"). Noch mehr Comic Relief kommt von Edwiges WG-Partnerin, die zu jeder Situation einen dummen Spruch auf Lager hat ("Bei Orgien werde ich seekrank!") und ihrer Freundin nebst Lover einen Riesenschreck einjagt, als sie sich als Leiche in der Badewanne ausgibt, um das zu Tode verängstige Pärchen dann auszulachen - was ihr eine saftige Ohrfeige von George Hilton einbringt (mit Soundeffekt á la Bud Spencer/Terence Hill - Kawusch!). Jaja, die 70er, da konnten kesse Frauen nur mit der flachen Hand zur Raison gebracht werden...

Neben diesen eher unfreiwillig komischen Momenten sorgt der Briefmarken sammelnde Inspektor zusammen mit seinem trotteligen Assistenten für etwas gewollten Humor. Der cartoonhafte Assistent darf das heimliche Liebesspiel von Hilton und Fenech beobachten ("Das sieht nicht nach Leichen, sondern nach Nachwuchs aus!"), und der Zuschauer bekommt als Bonus eine Rückblende in Edwiges Sekten-Vergangenheit, in der sie sich nackig unter Lilien räkelt, bevor der Gruppensex beginnt. Was bitte will man mehr vom Kino? Und wo sind Filme wie dieser geblieben?

Wirklich spannend ist DAS GEHEIMNIS DER BLUTIGEN LILIE nicht, aber er ist extrem kurzweilig, weil ständig etwas passiert. Keine der Figuren verhält sich wie ein intelligentes menschliches Wesen, der skurrile Modefotograf ist (natürlich) schwuler als die Polizei erlaubt, und die Aufklärung des Mordes ist so absurd, dass man nicht zwei Sekunden darüber nachdenken muss - im Rückblick und mit dem Wissen um die Identität des Mörders macht übrigens die erwähnte Eingangsszene gar keinen Sinn mehr.
Bis dahin hat man sich aber ausgezeichnet unterhalten, wenn man ein Faible für diese Art Trash hat. Als Nostalgiker mag ich die BLUTIGE LILIE sehr, weil ich diese Sorte Kino von Herzen vermisse. Die Gialli von Argento, Bava oder Martino sind um Längen und Klassen besser, aber bei Carmineo sitzen alle Giallo-Elemente so schön an ihrem Platz. Wenn man jemandem erklären wollte, was einen Film dieses Genres ausmacht, dann wäre die BLUTIGE LILIE ein gutes Beispiel. Wer mit dem nichts anfangen kann, wird sich wahrscheinlich auch nicht für die anderen begeistern.

08/10


Kommentare:

  1. Schöner Film, allerdings erschließt sich mir bis heute nicht, was alle so an der ollen Hedwig fasziniert. Ich finde sie weder hübsch (von schön garnicht zu sprechen) noch attraktiv, und Talent hat sie eher von der Sorte, die Rainer Brüderle zu schätzen wüsste... Ich weiß, sie hat Heerscharen von Fans, aber mich nervt sie zumindest immer dann, wenn sie die Hauptrolle besetzt. In "Signora Wardh" und "Farben der Nacht" denke ich immer schon nach zehn Minuten, wann räumt die endlich jemand aus dem Weg? Wo ist der Killer, wenn man ihn braucht??

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  2. :-))
    Och, attraktiv finde ich sie schon, ganz besonders hier mit dem Body-Makeup, aber schauspielerisch... nun ja, sagen wir mal, sie hat andere Vorzüge. Sie kann halt sehr gut ausgefallene Outfits tragen (für die paar Minuten, bevor sie ihr vom Leib gerissen werden). Und sie ist sehr schön gealtert, ich fand, sie war das Beste an "Hostel 2".

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