Samstag, 21. April 2012

Asphalt Kannibalen (1980)

Damals, während des Vietnamkriegs. Ein Hubschrauber-Einsatzkommando entdeckt zwei US-Soldaten, die von Vietkong gefangen gehalten wurden und sich von Menschenfleisch ernähren. Jahre später leidet einer von ihnen (John Saxon) an grauenvollen Alpträumen, wenn er nicht gerade die lüsterne Nachbarstochter mit hungrigem Blick angiert und an deren Bauch knabbert. Sein ehemaliger Kumpel (John Morghen) wird hingegen gerade aus der Psychiatrie entlassen und durch einen Kriegsfilm animiert, über eine Frau herzufallen. Als die beiden Ex-Soldaten aufeinander treffen, haben sie bereits mehrere Menschen mit dem Kannibalenvirus angesteckt, und gemeinsam mit weiteren Menschenfressern fliehen sie nun vor der Polizei...

Sagen wir, wie es ist: der Einfall, dass Menschen sich mit Kannibalismus ähnlich wie mit einem Virus anstecken und die Infizierten selbst Hunger auf lecker Menschenfleisch entwickeln, ist unglaublich bescheuert. Auf der anderen Seite - ist ein rumänischer Graf, der sich nachts in eine Fledermaus verwandelt und das Blut von Jungfrauen trinkt, nicht auch etwas absonderlich, wenn man drüber nachdenkt? Regisseur Antonio Margheriti jedenfalls hält sich nicht lange mit derlei Logikproblemen auf, er hat viel mehr damit zu tun, sämtliche erfolgreichen Filme und Genres der späten 70er zusammenzuwerfen und darauf einen todsicheren Hit zu basteln.

Deshalb ist ASPHALT KANNIBALEN (Apocalypse Domani) sowohl Vietnamkriegsdrama, Kannibalensplatter, Zombie-Schocker, Polizeifilm und Epidemie-Thriller. Von Romeros "Zombie" (1978) übernimmt er gleich mehrere Set Pieces und die Spezialeffekte (die natürlich weit weniger gelungen sind als im Vorbild), dazu bedient er sich reichlich bei Cronenbergs "Rabid" (1977) sowie den Kannibalenfilmen seiner Landsmänner Deodato und Lenzi, wobei er gnädigerweise auf deren Hang zu Tiersnuff und Rassismus verzichtet. Immerhin sind die Kannibalen hier alle US-Bürger und keine angeblichen 'Wilden' aus dem Amazonasgebiet, mit Mehl im Haar und Maden im Gesicht.

Das Ganze nennt man Exploitation-Cinema, und das konnte keiner besser als die Italiener Anfang der 80er. Und so ist auch ASPHALT KANNIBALEN über weite Strecken sehr unterhaltsam, auf eine trashige Art. Die Hauptrolle ist mit dem Genre-erprobten John Saxon, der schon weiland unter Bava spielte, gut besetzt, und daneben erkennen wir einen der meistbeschäftigten Männer des Italo-Horror-Kinos, John Morghen (aka Giovanni Lombardo Radice). Morghen trägt hier den interessanten Rollennamen Charles Bukowski, und man würde glauben, dass darüber mehrere Witze gemacht werden, aber tatsächlich scheint keiner Figur aufzufallen, dass er einen berühmten Namensvetter hat.
Wie dem auch sei, der arme John verlässt den Film mit dem besten Splattereffekt, den Margheriti vorweisen kann, ihm wird von einem Polizeitrupp in der Kanalisation ein so großes Loch in den Bauch geschossen, dass wir staunend hindurch sehen können. Nicht sehr glaubwürdig, aber ein Hingucker, im wahrsten Sinne. - Wohl kaum ein zweiter Darsteller wurde so oft im Kino dahingemetzelt wie John Morghen. Ihm wurde der Kopf mit einer Bohrmaschine durchstoßen ("Ein Zombie hing am Glockenseil", 1981), er bekam ein Messer in den Bauch ("Der Schlitzer", 1980) oder fiel selbst gemeingefährlichen Kannibalen zum Opfer, die ihm Geschlechtsteile, Augen und Gott-weiß-was aufschlitzten ("Die Rache der Kannibalen", 1981). Morghen nimmt es stets mit Humor und liefert in ASPHALT KANNIBALEN seine wahrscheinlich beste Leistung ab. Er wirkt ebenso psychotisch wie bemitleidenswert und spielt zurückhaltender als gewöhnlich. John Saxon hingegen war gar nicht glücklich über seinen Einsatz und wusste angeblich nicht, dass der Film derlei derbe Splattereinlagen beinhalten würde. Nun ja. Vielleicht wirkt er deswegen etwas steif.

Die Mischung aus Action, Geballer und Splatter ist durchaus gekonnt und wird lediglich durch die Tatsache geschwächt, dass es keinen wirklichen Sympathieträger im gesamten Film gibt. Die Hauptfiguren sind Kannibalen - was man durchaus als ungewöhnlich bezeichnen kann, immerhin waren sie bislang im Genre stets die Antagonisten. Identifikationsfiguren sind sie leider trotzdem nicht. Und die Polizei bleibt charakterlos und uncharismatisch. Auf wessen Seite man steht, spielt keine große Rolle.
Für Liebhaber des italienischen Horrorkinos ist ASPHALT KANNIBALEN so eine Art Muss. Alle, die mit Trashkino dieser Art nichts anfangen können, sollten eine großen Bogen um den Film machen - was nicht schwer sein dürfte, denn er ist ohnehin nur Fans bekannt.

07/10

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