Sonntag, 8. April 2012

Anatomie eines Mordes (1959)

Otto Premingers ANATOMIE EINES MORDES (Anatomy of a Murder) genießt den Status als verdienter Klassiker des Gerichtsdramas. Sieht man von einigen wenigen Längen und Geschwätzigkeiten ab, kann er seinem Ruf dank eines hervorragenden Drehbuchs, kluger Regie und exzellenter Darsteller heute noch gerecht werden.

Der Kleinstadtanwalt Paul Biegler (James Stewart) übernimmt in einem Mordprozess die Verteidigung des Army-Lieutenants Frederick Manion (Ben Gazzara), der den Vergewaltiger seiner Ehefrau Laura (Lee Remick) erschossen hat und sich dafür im Recht wähnt. Da es kein moralisches Recht auf Mord gibt, rät Biegler ihm, auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren. Bald aber kommen Biegler Zweifel an der Geschichte des Angeklagten. Hatte die sorglose Gattin vielleicht ein längeres Verhältnis mit dem Ermordeten? Und geschah der Mord weniger aus heißblütigen denn kaltblütigen Motiven? Wird die Gerichtsverhandlung tatsächlich die Wahrheit ans Licht bringen?

Otto Preminger gehört noch immer zu den großen unterschätzten Regisseuren Hollywoods, der stets in der Lage war, ein hochklassiges Gesamtpaket aus guten Darstellern und interessanten Themen zu schnüren, dem die Anerkennung als Künstler aber verwehrt blieb, obwohl er von Filmschaffenden und Cineasten in aller Welt verehrt wird. Zu sehr scheint er - da ist er Hitchcock durchaus ähnlich - auf Mainstream-Unterhaltung abonniert zu sein. Wie schwierig gute Unterhaltung ist, das hat sich leider immer noch nicht überall herumgesprochen.

ANATOMIE EINES MORDES ist ein gutes Beispiel für fesselndes Unterhaltungskino mit Anspruch und von hoher Kunstfertigkeit und Detailbesessenheit. An der Oberfläche ein weiteres Gerichtsdrama von so vielen, besticht der Film doch durch seine formale Geschlossenheit und einen ungewöhnlichen Realismus. Preminger verzichtet während der Gerichtsverhandlung auf jeden melodramatischen Effekt, Tränenausbrüche und Überraschungszeugen, die in letzter Sekunde ein neues Licht auf die Verhandlungssache werfen. Das Drehbuch bedient sich dazu einer klinisch genauen Juristensprache. In dieser Sprache tauchen auch Wörter wie Sperma und Orgasmus auf, was für einen Film der späten 50er äußerst ungewöhnilch scheint und besonders die Synchronfassung heftig ins Schwitzen bringt. Tatsächlich wurde der Film seinerzeit kontrovers diskutiert wegen jener Begrifflichkeit. Heute gilt er zusammen mit Hitchcocks "Psycho" (1960) und Wilders "Manche mögen's heiß" (1959) als Mitbegründer einer neuen Offenheit im Hollywood-Film, die den verstaubten 'Hays Code', Hollywoods moralische Zensurinstanz, außer Kraft setzte. ANATOMIE EINES MORDES war auch einer der ersten Filme mit reinem Jazz-Soundtrack. Duke Ellington persönlich zeichnete für die Musik des Films verantwortlich. Preminger setzte hier - wie so oft - neue Maßstäbe.

Mehr noch als die für damalige Verhältnisse schockierende Sprache aber fasziniert der Film durch die Genauigkeit, mit der die juristischen Mechanismen einer Gerichtsverhandlung beleuchtet werden - insofern ist der Titel sehr passend gewählt. Nach einer Wahrheit wird hier längst nicht mehr gesucht, vielmehr sucht man nach der bestmöglichen Taktik und effektivsten Manipulation aller Beteiligten. Die sexy Gattin wird vom Anwalt des Ehemannes in Brille und konservative Kleidung gesteckt, damit die Geschworenen ihre Vergewaltigung ernster nehmen (nach der gängigen Doppelmoral ist die Vergewaltigung einer aufreizenden Frau weniger anstößig). Dem Gatten selbst wird die Verteidigung auf Unzurechnungsfähigkeit praktisch in den Mund gelegt. Die Staatsanwaltschaft hingegen schafft einen instruierten Häftling als angeblichen Zeugen herbei, der für Aussicht auf Strafmilderung alles mögliche gegen den Angeklagten aussagt. Niemand versucht ernsthaft, ein Verbrechen aufzuklären und einen Schuldigen zu finden, "Recht" zu sprechen, sondern jedem geht es nur darum, das Beste für sich, seinen Mandanten oder seine Karriere herauszuholen. Da ist es am Ende auch egal, wie der Prozess endet - was wirklich passierte, wird man ohnehin nie erfahren.

Dargeboten wird dieses intelligente Kammerspiel von einem hervorragenden Ensemble, das von James Stewart gewohnt souverän angeführt wird. Die wahrscheinlich brillanteste Leistung zeigt der einzigartige George C. Scott (wer sonst?) als Vertreter der Anklage, der mit kleinsten Gesten (etwa, wenn er sich am Kopf kratzt oder seine Fingernägel betrachtet) maximale Effekte erzeugt. Er ist dabei so klug, seinen Staatsanwalt nicht zwingend unsympathisch anzulegen oder zu dämonisieren. Trotzdem geht von ihm eine konstante Gefahr für unseren Helden Stewart und dessen Verteidigung aus.
Einer der interessantesten Aspekte ist dabei, wie sehr man als Zuschauer auf Seiten James Stewarts steht, weil er als klassischer Protagonist und Identifikationsfigur funktioniert - selbst als ernsthafte Zweifel an der 'Unschuld' des Angeklagten aufkommen. Dass womöglich Staatsanwalt George C. Scott auf der richtigen Seite steht, wenn er den Verbrecher hinter Gitter bringen will, das mag man kaum wahr haben.
Der junge Ben Gazzara ist in der Rolle des zwielichtigen Mandanten wunderbar ambivalent, er bleibt undurchschaubar. In Nebenrollen glänzen Lee Remick als dauerflirtendes Weibchen, Arthur O' Connell als versoffener Anwaltsgehilfe und Eva Arden als Stewarts sarkastische Sekretärin.

Die einzige Schwäche des Films ist ein vielleicht etwas zu behäbiger Anfang, der mit sehr viel Dialog die von James Stewart verkörperte Figur einführt. Sobald Stewart aber den Fall übernimmt, läuft das Drama auf Hochtouren bis zum Ende, das beim ersten Sehen vermutlich aufgrund seiner Nüchternheit enttäuscht, das aber thematisch genau richtig ist.

ANATOMIE EINES MORDES erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Lobeshymnen. Bei der Oscar-Verleihung ging er trotz siebenfacher Nominierung (u.a. Film, Regie, Haupt- und Nebendarsteller) überraschend leer aus. Trotzdem gilt er heute als einer der besten Vertreter eines ur-amerikanischen Genres.

09/10

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