Dienstag, 27. März 2012

Wer hat Tante Ruth angezündet? (1971)

Der britische Horrorfilm WER HAT TANTE RUTH ANGEZÜNDET? (Whoever Slew Auntie Roo?) stammt - der Originaltitel weist deutlich darauf hin - aus der Zeit nach "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" (1961), als die alten, teilweise vergessenen Diven des Kinos mit Messern und Äxten bewaffnet auf die Leinwand zurückkehrten. Dieses Subgenre hat mehrere Namen, wird aber oft als 'Grande Dame Guignol' bezeichnet. Regisseur Curtis Harrington hatte im selben Jahr mit Hauptdarstellerin Shelley Winters den exzellenten "Was ist denn bloß mit Helen los?" (1971) inszeniert, der ebenfalls zu diesem Zirkel gehört.

WER HAT TANTE RUTH ANGEZÜNDET? ist dabei weniger Schocker als Märchenfilm mit makaberen Gruselelementen. Winters spielt die wohlhabende Witwe Rosie Forrest, die jedes Jahr aus dem benachbarten Waisenhaus eine Gruppe Kinder zum Weihnachtsfest einlädt, wo sie die lieben Kleinen mit Geschenken überhäuft, Geschichten vorliest und singt. In diesem Jahr sind auch die beiden Kinder Christopher und Katy dabei, deren Anwesenheit ein paar schreckliche Erinnerungen in Mrs. Forrest auslöst. Vor Jahren ist ihre eigene Tochter beim Spielen von der Treppe gefallen und verstorben. Durch den Tod wahnsinnig geworden, versucht sie nun, die junge Katy als Tochterersatz bei sich zu behalten. Dabei schreckt sie vor nichts zurück...

Schon sehr früh im Film wird die Parallele zu "Hänsel und Gretel" bespielt, wobei man diese als Zuschauer weniger entdecken darf, als dass man sie um die Ohren geklatscht bekommt. Nicht nur wird das Märchen explizit vorgetragen, es finden auch überdeutliche Verweise statt, etwa, wenn Mrs. Forrest den Finger der kleinen Katy nimmt und meint, sie müsse noch zunehmen. Das große alte Haus der verrückten Lady mit den seltsamen Bediensteten gehört natürlich zum Standardrepertoire dieser Art von Schockern und steht im Märchensinne für das Knusperhäuschen, Winters als böse Hexe. Tatsächlich sollte der Film ursprünglich "The Gingerbread House" heißen, man entschied sich dann aber für den an "Baby Jane" angelehnten "Whoever Slew Auntie Roo?".

Sehenswert an WER HAT TANTE RUTH ANGEZÜNDET? ist in erster Linie Shelley Winters, die hier einmal nicht die schlampige Matrone spielen muss, als die sie in der späteren Phase ihrer Karriere oft besetzt wurde. Als Mrs. Forrest ist sie gleichzeitig liebenswert als auch zum Fürchten irre. Winters gehört zwar zu den Schauspielerinnen, die oft over the top gehen, bleibt unter der Regie Harringtons aber - wie schon zuvor in "Was ist denn bloß mit Helen los?" - kontrolliert und über weite Strecken zurückgenommen. Man sieht ihr einfach gern zu. Auch die Nebenrollen sind mit Ralph Richardson als zwielichtigem Medium und Michael Gothard als fiesem Butler hervorragend besetzt. Die Kinderdarsteller machen ihre Sache ebenfalls gut, trotzdem erhalten die Kleinen zu viel Raum, weswegen der Film mehr wie ein Weihnachts-Kinderfilm als ein Horror-Beitrag wirkt und letztlich auch vollkommen harmlos bleibt. Curtis Harrington streut hier und da einige makabere Einfälle ein, zu denen besonders das alte Kinderzimmer im Haus der Mrs. Forrest gehört, in dem Winters ihre mumifizierte Tochter aufbewahrt und ihr Kinderlieder vorsingt. Trotzdem ist WER HAT TANTE RUTH ANGEZÜNDET? insgesamt zu nett und plüschig, um wirklich Angst zu machen, zumal man immer ahnt, dass die Kinder den Film wohl heil überstehen werden und so auch nie echte Spannung aufkommt.

Was die 'Grande Dame Guignol'-Filme anbelangt, bewegt sich Harringtons Werk im Mittelbereich. Mit den Glanzstücken "Baby Jane" oder "Wiegenlied für eine Leiche" (1964) kann er nicht mithalten, ist dafür aber sorgfältiger und aufwändiger produziert als etwa die Billig-Schocker von William Castle. Für Fans sicher einen Blick wert, alle anderen können diesen doch obskuren Titel getrost überspringen.

6.5/10

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