Mittwoch, 7. März 2012

Untraceable (2008)

Im Jahr 2008 agieren nicht nur Verbrecher vermehrt im Internet, auch die zuständigen Sicherheitsbehörden machen es sich zunehmend hinter ihren PCs bequem, um die Bösen zu stellen. So auch FBI-Agentin Jennifer (Diane Lane), ein Ass im Aufspüren von Cyberkriminalität. Als sie aber eine Webseite entdeckt, auf der live eine Katze zu Tode kommt, und die sie weder sperren noch zurückverfolgen kann, ahnt sie, dass bald Menschen an Stelle des Haustieres dran glauben müssen. Und tatsächlich, schnell sitzt das erste menschliche Opfer auf der Folterbank. Die anonymen User sind herzlich eingeladen, mitzumachen, indem sie die Seite aufrufen. Je mehr Klicks diese verzeichnet, desto schneller wird das Opfer ins Jenseits befördert...

Klingt doch nach einem tollen PC-Game, oder? Der US-Thriller UNTRACEABLE (Untraceable) verbindet den 90er-Profiler-Thriller à la "Se7en" (1995) oder "Copycat" (1995) mit den grausamen Folterszenarien des Torture Porn im Stil von "Saw" (2004). Als Thriller funktioniert UNTRACEABLE dabei über weite Strecken leidlich gut, ist routiniert in Szene gesetzt, und Diane Lane verkörpert die alleinerziehende Ermittlerin mit Attraktivität und Glaubwürdigkeit, obwohl die Rolle nicht viel von dieser ausgezeichneten Schauspielerin erfordert. Der Film wird zudem von der Musik Christopher Youngs veredelt.
Sensationen oder überraschend originelle Einfälle gibt es wenig bis gar nicht, und ohne die guten Darsteller und Production Values hätte dies auch ein Direct-to-Video-Produkt sein können. Diane Lanes Filmassistent zum Beispiel ist so deutlich vom ersten Moment an als Opfer des Killers gekennzeichnet, dass er genau so gut ein Schild um den Hals tragen könnte: "Ich erlebe das Ende dieses Films nicht mehr." Damit das Duell Agentin/Killer zum Höhepunkt kommt, muss Diane Lane natürlich im Finale selbst im Folterkeller landen, und das passiert durch eine wirklich armselig konstruierte Szene, in der Lane alle Intelligenz über Bord wirft und sich so dumm verhält wie die Teenager in einem x-beliebigen Slasherfilm. Gut, wir alle machen Fehler.

Was aber ganz und gar nicht stimmt an UNTRACEABLE, das ist die inhaltliche Intention. Dort haben wir es mit einer abgeschmackten Doppelmoral zu tun, die einen ganz üblen Nachgeschmack verursacht. Neben seinem Unterhaltungsanspruch (der schwer genug zu erfüllen ist), möchte der Film auch noch den gesellschaftlichen Verfall von Moral und Anstand anprangern, indem er die Internet-Gemeinde als Heer abgestumpfter Schaulustiger zeichnet, die begeistert eine Seite anklicken, vor der sie das FBI ausdrücklich warnt. Ginge es nach der Moral des Films, sind diese User mindestens so skrupellos wie der Täter selbst.
Dessen Motivation wird durch einen Vorfall begründet, der mit eben jener Schaulust zu tun hat, der allgemeinen Geilheit nach Sensationen und makabere Szenarien, möglichst echt, live und in Farbe. Nun gibt es viele Möglichkeiten (und Gründe), Verrohung und Sensationslust zu kritisieren, aber wie glaubwürdig ist es, dies mit einem Thriller zu erledigen, der genau auf eben jene Art von Grausamkeiten setzt, um Zuschauer ins Kino zu locken? Zwar ist UNTRACEABLE nicht übermäßig brutal in der Gewaltdarstellung, aber seine Set Pieces sind ohne Frage die Folter- und Todesszenen, die selbstverständlich vom Killer mit perfider Menschenverachtung ausgetüfelt sind. Das ist, als würde Altbundeskanzler Helmut Schmidt eine Anti-Raucher-Kampagne anführen. Mit einem Wort: lächerlich.

Und damit keine Missverständnisse aufkommen - ich finde auch vieles pervers, was sich Leute im Internet ansehen oder einstellen, aber schlechter Geschmack ist noch lange nicht kriminell. Das sage ich als überzeugter Fan von "Showgirls" (1995), und dabei bleibe ich auch.

So wird die Moralkeule, die UNTRACEABLE heftig schwingt, nicht nur unglaubwürdig, sie wird zum Bumerang. Sie passt aber zu der 'Law & Order'-Mentalität, die sich überall im Film findet. Seit wann eigentlich sind FBI-Agenten, die vom Büro aus fröhlich die Privatsphäre von Internet-Usern überwachen und im Zweifelsfall ein Überfallkommando losschicken, um "ein paar Türen einzutreten" (wie Diane Lane zu Beginn lächelnd verkündet), positive Helden? Da wundert man sich doch über so manche Jubelrezension zum Film, verfasst von Menschen, die es bestimmt nicht lustig finden, wenn die Rollkommandos vor der eigenen Tür auftauchen und den PC beschlagnahmen.

Aber auch das ist ein Zeichen der Zeit. Im Kino der 70er wären Filmfiguren wie die von Diane Lane ganz klar die Bösen gewesen, Befehlsempfänger eines Überwachungsstaates, der die Freiheit jedes einzelnen einschränken will. Heute ist sie die hübsche, mütterliche und kuschelige Identifikationsfigur, die den üblen Kätzchenmörder jagt. Fehlen nur noch US-Präsidenten, die persönlich Jagd auf außerirdische Invasoren machen. Ach ja, die hatten wir ja auch schon...

04/10

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