Sonntag, 4. März 2012

Inside Deep Throat (2005)

Er kostete ungefähr 25.000 Dollar und spielte über 600 Millionen Dollar ein. Er macht den Porno zum gesellschaftlichen Ereignis, sorgte für mehrere Skandale, Gerichtsverhandlungen und brachte den klitoralen Orgasmus der Frau (Bemerkung am Rande: der Blogger-Rechtschreibprüfung ist der weibliche 'klitorale Oragsmus' immer noch nicht bekannt...) ins öffentliche Bewusstsein. Sein Name: "Deep Throat". Seine Geschichte erzählt INSIDE DEEP THROAT (Inside Deep Throat), ein Dokumentarfilm von Fenton Bailey und Randy Barbato, produziert von Hollywood-Größe Brian Grazer.

Der Porno-Klassiker "Deep Throat" (1972) entstand als Underground-Film in sechs Tagen in einem Hotel in Miami und handelt von dem, was der Titel verspricht - einer Frau, deren Klitoris tief im Rachen sitzt. Dargestellt wird sie von Linda Lovelace, die durch "Deep Throat" zu Berühmtheit gelang. Der Film, der expliziten Sex und Humor miteinander verband (und der nicht besonders gut war, wie alle Beteiligten inklusive Regisseur anmerken) wurde schnell zu einer Sensation und fand den Weg in Mainstream-Kinos. Es war "schick", sich "Deep Throat" anzusehen, er spielte Unmengen an Geld ein und lockte Menschen aller gesellschaftlichen Schichten ins Kino, die sich normalerweise niemals in der Nähe eines Hardcore-Streifens sehen lassen würden.
Da der im Film praktizierte Oralverkehr aber in mehreren Bundesstaaten selbst unter Eheleuten strafbar war (und heute noch ist), rief er auch die Zensurbehörden und Moralapostel auf den Plan. Zudem war die Mafia am Verleih des Films beteiligt und kassierte den Großteil der Einnahmen. Aufgrund des Skandals wurde unter Führung von Richard Nixon ein neues Gesetz zur Sittenwidrigkeit erlassen, das es einem Staatsanwalt erlaubte, den Hauptdarsteller von "Deep Throat", der eigentlich nur ein Produktionsassistent war und aufgrund seines Talents zur spontanen Erektion als Darsteller eingesetzt wurde, vor Gericht zu bringen und zu verurteilen. Dass ausgerechnet Nixon später aufgrund der Aussage eines Informanten namens 'Deep Throat' im Watergate-Skandal von seinem Amt zurücktreten musste, ist nur eine der vielen ironischen Spitzen, die den Hintergrund der Dokumentation so unterhaltsam und amüsant machen.

Der Dokumentarfilm INSIDE DEEP THROAT lässt die meisten Beteiligten zu Wort kommen, ebenso Zeitzeugen der sexuellen Revolution und des Underground-Kinos. John Waters, Hugh Hefner, Larry Flynt, Ruth Westheimer, Camille Paglia, Dick Cavett und andere erzählen zumeist heitere Anekdoten und versuchen, das gesellschaftliche Ereignis "Deep Throat" zu verdeutlichen. Interessanter aber sind die direkt am Film Beteiligten, insbesondere der schlecht gelaunte Locationmanager, der den Film für Mist hält.

INSIDE DEEP THROAT gehört zur Generation der 'Michael Moore'-Dokumentarfilme. Er ist witzig, temporeich, wird mit allerlei technischen Gags aufgehübscht (neben Ausschnitten aus "Deep Throat" gibt es Szenen aus Aufklärungsfilmen), und der poppige Soundtrack sorgt für durchgehende Wohlfühlatmosphäre. Man kann sich entspannt zurücklehnen, schmunzeln und den Kopf über Doppelmoral und die amerikanische Hysterie in Sachen Sex schütteln. In die Tiefe geht INSIDE DEEP THROAT (leider) nie. Die Feminismus-Bewegung etwa, die gegen Pornofilme auf die Straße ging, wird schnell als Spielverderberei abgehandelt, weil sie die angeblich angesteuerte sexuelle Revolution, die durch Filme wie "Deep Throat" stattfand, im Keim erstickte. Auch die tragische Lebensgeschichte der Linda Lovelace, die sich später vom Film distanzierte und gegen Pornos zu Felde zog, um dann - verarmt in ihren 50ern - erneut erotische Fotos machen zu lassen, hinterlässt kaum Eindruck, weil der Dokumentarfilm nicht zu deprimierend sein möchte. Auch de große Bogen, den er gerne spannen würde, von den Independent-Filmen der 70er bis zur heutigen Porno-Industrie, bleibt nur behauptet (da erfährt man in P.T. Andersons "Boogie Nights" mehr). Viele der Interviews sind zu kurz, und interessante Gesprächspartner wie Feministin Camille Paglia, die Pornos nicht negativ gegenübersteht, könnten viel mehr erzählen, wenn ihnen der Film die Zeit dafür geben würde.

Trotzdem ist INSIDE DEEP THROAT sehenswertes Doku-Kino. Aus dem Original-"Deep Throat" gibt es übrigens nur einen expliziten Hardcore-Ausschnitt, der Linda Lovelace bei Ausübung ihrer speziellen Fähigkeit zeigt. Wegen dieser kurzen Szene erhielt der Dokumentarfilm in den USA ein NC-17-Rating - was beweist, dass sich trotz sexueller Revolution wenig in den USA verändert hat. Oder wie es der damals ermittelnde Staatsanwalt am Ende des Films (sinngemäß) ausdrückt: "Wenn sich die Terroristen aus dem Land verziehen würden, könnte man sich endlich darauf konzentrieren, das wirkliche Übel, nämlich den Verfall der Sitten, zu bekämpfen." Hallelujah!

08/10

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