Samstag, 10. März 2012

Ich spuck auf dein Grab (1978)

Hier haben wir einen echten Skandal-Klassiker aus dem Jahr 1978, der für heftige Reaktionen sorgte, einen berühmt-berüchtigten Verriss des US-Kritikers Roger Ebert provozierte, weltweit zensiert, verboten und beschlagnahmt wurde, und bei dem sich die Meinungen teilen, ob er einfach übler, frauenverachtender Schund ist - oder ein feministisches Mahnmal.

ICH SPUCK AUF DEIN GRAB (I Spit on Your Grave) gehört zum Genre des 'Rape & Revenge'-Movies, das sich durch seinen Namen selbst erklärt, und viel mehr erzählt der Film auch nicht. Die junge Autorin Jennifer (Camille Keaton) fährt aus New York in die Wildnis, um dort in der Ruhe und Abgeschiedenheit an einem Waldsee ein Buch zu schreiben. Dabei erregt sie das Interesse einiger männlicher Hinterwäldler, die Jennifer aufreizend finden und sie an einem Sommertag mehrere Stunden lang brutal vergewaltigen. Halb tot zurückgelassen, rappelt sich Jennifer wieder auf und nimmt gnadenlos Rache an ihren Peinigern...

Auf den ersten Blick wirkt der Film des israelisch-amerikanischen Regisseurs Meir Zarchi tatsächlich wie Hinterhof-Schund. Es gibt keine Filmmusik, der Ton ist so schlecht aufgenommen, dass man ihn stellenweise kaum versteht, Dialoge sind nur minimal vorhanden. Nach kurzer Einführung der Charaktere beginnt auch schon Jennifers Martyrium, und das wird so ausgedehnt (auf ca. eine geschlagene halbe Stunde ), dass es tatsächlich schwer zu ertragen ist. Die mehrfachen Vergewaltigungen durch die Männergruppe schildert Zarchi mit der Nüchternheit eines Dokumentarfilmers, in Echtzeit, ohne Verharmlosung, Erotisierung oder Emotionalisierung - so wie es Gaspard Noé später in "Irréversible" (2002) ebenfalls tun sollte (mit ähnlichen Reaktionen). Weidet sich der Film nun an den Qualen von Jennifer, wie die Zensoren unterstellen? Oder ist dies viel mehr die einzig 'richtige' Art, eine Vergewaltigung darzustellen? Ist das Ausbeutung oder Realismus? ICH SPUCK AUF DEIN GRAB macht es dem Zuschauer wahrlich nicht leicht. Man fragt sich beim Zusehen, warum man sich das überhaupt antut, aber das ist ein durchaus legitimer Gedanke, den der Film provoziert. Den wollte auch ein Haneke mit "Funny Games" (1997) auslösen. Nichts wäre doch fataler, als wenn eine Vergewaltigungsszene unterhaltsam, spannend oder - Gott bewahre - sexy wäre (wie in Peckinpahs ebenso umstrittenen "Straw Dogs", 1971). Insofern macht Zarchi hier aus meiner Sicht vieles richtig. Die wutschnaubenden Reaktionen kamen mit Ansage, und sie sind Zarchi auch bewusst.

Der letzte Teil des Films beschreibt Jennifers Rache an den Männern, die von ihr erhängt, in der Badewanne kastriert und mit einem Motorboot über den Haufen gefahren werden. Auch hier gibt es einen Aufreger, der besonders die Feministinnen auf die Barrikaden gehen rief. Um den Anführer der Gang in die Badewanne zu locken, spielt Jennifer diesem sexuelles Interesse vor, zieht sich verführerisch an und macht ihm eindeutige Angebote. Viele Rezensenten nahmen Jennifers Umgarnung nicht als Teil des Racheplans wahr, sondern als ehrliche Werbung. Das gibt der Film nun in keiner Weise vor, und man muss schon sehr blind sein, um das nicht zu begreifen. Viele Kritiker aber schäumten bereits beim Filmtitel vor Wut. Ursprünglich lief er übrigens unter dem vom Regisseur gewünschten Titel "Day of the Woman" mehr schlecht als recht in den Kinos, bis er 1980 unter dem neuen, deutlich sleazigeren Titel noch einmal aufgeführt wurde und wie eine Bombe einschlug.

Das völlige Fehlen von Justizorganen und moralischen Instanzen macht ICH SPUCK AUF DEIN GRAB natürlich angreifbar, aber genau das hatte Meir Zarchi auch vor. In den späten 70ern war ein Film wie dieser ein bewusster Affront. Der Regisseur behauptete in allen Interviews, dass es ihm nicht um den Exploitation-Faktor ginge, sondern um das 'Empowering' einer weiblichen Hauptfigur, die aus ihrer Opferrolle hinaustritt. Das macht die Einordnung des Films auch so schwierig, denn es gibt Belege für Zarchis Intention, und Reaktionen wie die Roger Eberts wirken bei genauer Betrachtung oberflächlich und sind sämtlich zu kurz gegriffen.
Interessanterweise widmet die Filmwissenschaftlerin Carol J. Clover in ihrem Standardwerk über den Horrorfilm, "Men, Women and Chainsaws" (1992), dem Film ein ganzes Kapitel und verteidigt ihn gegen die Angriffe. Sie vergleicht ihn mit Jonathan Demmes "Angeklagt" (1988), der mit ähnlicher Thematik den komplett entgegengesetzten Weg geht und den Stoff vom menschlichen Drama weg zu einer Justizfrage macht und statt der Geschichte eines Vergewaltigungsopfers die Geschichte einer Anwältin erzählt, an deren Ende die Justiz (denkbar unglaubwürdig) siegt und die Ordnung wieder hergestellt ist, während ICH SPUCK AUF DEIN GRAB (fast) nie die Protagonistin verlässt und nicht im Gerichtssaal endet, sondern in der Wildnis, mit einer Großaufnahme Camille Keatons. Daran zeigt sich, wie verschieden lesbar Zarchis Film ist, und dass es kein abschließendes Urteil geben kann und wird.

ICH SPUCK AUF DEIN GRAB hat - ob die Kritiker das wollen oder nicht (und sie haben in erster Linie dazu beitragen) - seinen festen Platz in der Geschichte des Horrorfilms eingenommen und ist daraus nicht wegzudenken. Wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet von diesem kleinen, obskuren Film einmal eine Millennium-Blu-Ray-Disc geben wird, mit Audiokommentaren von Regisseur und Filmautoren? Das hat "Angeklagt" noch nicht geschafft.
Im Jahr 2010 entstand ein obligatorisches Remake, das dem Original weitgehend folgt, aber ohne jeden gesellschaftlichen Kontext auskommen muss und nicht nur deshalb komplett scheitert. Meir Zarchis Film ist zum vieldiskutierten Kultfilm geworden. Ist er unterhaltsam? Mit Abstrichen. Ist er gut? Ja. Die Atmosphäre ist durchweg creepy, gerade durch das Fehlen jeglicher Filmmusik. Er ist zudem gut gespielt. Camille Keaton zeigt eine großartige Leistung als Opfer und als Rächerin. In der zweiten Hälfte ist sie tatsächlich eine völlig andere Person. Ist er ein Horrorfilm? Definitiv. Allein die Badewannen-Kastration ist in ihrer Aussparung Hitchcocks Duschmord beinahe ebenbürtig. Gefällt er mir? Bedingt. Ich bin der festen Überzeugung, dass er besser als sein Ruf und auf keinen Fall dummer Trash ist. Spaß macht er nicht, aber das soll er auch nicht.

07/10

Mit Axt und Motorboot auf Männerjagd
Camille Keaton in "I Spit on Your Grave"

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