Dienstag, 13. März 2012

I Spit on Your Grave (2010)

Die Tatsache, dass Hollywood seit Jahren nur noch grünes Licht für Produktionen gibt, die auf bereits erprobten Formaten beruhen, direkte Sequels sind oder sich eines zumindest bekannten Titels bedienen, muss hier nicht mehr ausdiskutiert werden. So traurig das auch ist, so läuft es nun einmal.
Regisseur Steven Monroe sagte über sein Remake des 'Video Nasty'-Klassikers "Ich spuck auf dein Grab" (1978), dass er dem Original keine Schande antun wollte. Das hat er auch nicht, so viel darf man sagen. Verbessert oder neu interpretiert hat er es allerdings auch nicht, und verstanden, warum das Original so gut funktionierte, hat er offenbar ebenfalls nicht.

Erzählt wird die gleiche Geschichte. Die Autorin Jennifer (Sarah Butler) will in einem abgelegenen Holzhaus am See einen Roman schreiben, erregt dabei die Aufmerksamkeit und den Zorn einer Gruppe Hinterwäldler, welche sie in einer grausamen Aktion vergewaltigen und demütigen. Am Ende des Gewaltaktes landet Jennifer im Fluss, und die Halunken wähnen sie tot. Doch Jennifer kehrt zurück und nimmt grausam Rache an ihren Peinigern...

I SPIT ON YOUR GRAVE (I Spit on Your Grave) beginnt atmosphärisch und durchaus ansehnlich. Wie schon zuvor verzichtet der Film auf jede Vorgeschichte und springt gleich hinein in die Handlung. Das Setting stimmt, die schauspielerischen Leistungen sind in Ordnung, natürlich sind die Hauptdarsteller deutlich jünger und attraktiver als im Original, das gehört zum Trend. Ob es auch hilft, dass der Obervergewaltiger wie ein H&M-Model aussieht, ich weiß es nicht, es schadet aber auch nicht. Um den Film für jüngere Zuschauer (die ihn aufgrund der Gewaltdarstellung eigentlich ohnehin nicht sehen dürfen, wenn es nach den Bewertungsstellen ginge) aufzupeppen, werden einige technische Neuerungen eingebaut. So filmen die Vergewaltiger ihre Taten mit dem Camcorder, und Jennifer schreibt selbstverständlich nicht auf einer Schreibmaschine, sondern auf einem Laptop. Das war's auch schon. Die wenigen Charakterisierungen, mit denen Meir Zarchi im Original auskam, werden im Remake noch einmal reduziert. So erfahren wir über die Hauptfigur Jennifer in der Tat gar nichts, weder über ihr Vorleben, noch über ihren Roman oder sonst etwas. Die Vergewaltigung wird in Sachen Grausamkeit noch um ein paar Einfälle erweitert, mit denen die Männer ihr Opfer zusätzlich quälen und demütigen. Das ist im 'Rape'n Revenge'-Genre ganz normal, es würde nicht funktionieren, wenn die Zuschauer den Tätern nicht einen qualvollen Tod an den Hals wünschen würden.

Wo das Remake sich vom Original unterscheidet ist die zweite Filmhälfte. Nach der grausamen Tat entkommt Jennifer, indem sie kopfüber in den Fluss springt. Das macht sie effektiv mit einer christlich-mythologischen Geste, die für ihre Figur keinen Sinn macht (in der Realität würde sich Jennifer sicher nicht noch schnell als Todesengel inszenieren, bevor sie ihr Leben rettet), und die man schon in etlichen anderen Filmen gesehen hat. Schaut halt gut aus. Und das bringt uns auch zum Hauptproblem des Films, welches in der Natur der Sache liegt: er stellt alles nur nach. Als Remake fehlt ihm jeder neue Zugang zum Stoff, er kaut nur wieder und hübscht Jennifers Rache mit ein paar grausam eingefädelten Folterszenarien auf, mit denen sie die Täter um die Ecke bringt. Natürlich versucht der Film dadurch, sein junges Publikum zu befriedigen, das mit 'simplen' Mordszenen nicht mehr hinter dem Ofen vorzulocken und durch jede Menge 'Torture Porn' ganz andere Schreckensszenarien gewohnt ist.
Insofern macht Regisseur Monroe nur das, was man von ihm verlangt. Aber er entmenschlicht dadurch auch seine Protagonistin. Er wechselt nicht nur den Standpunkt vom Opfer zu den Tätern, sondern er verwandelt die gequälte Frau in eine gnadenlose Killermaschine, ein übermenschliches Wesen, das in jeden Slasherfilm passen würde. Jennifers Mordmethoden sind unrealistisch (wo hat sie die ganzen Utensilien, die Kenntnisse her, wo hat sie überhaupt ihre Kleider her, nachdem sie nackt den Brutalos entkommen ist?), unsinnig und rein auf Effekt für den Zuschauer angelegt. Lediglich die Brutalitäten werden angezogen, und das so ausufernd, als wolle der Film mit Gewalt eine ähnliche Reaktion hervorrufen wie das Original.

Nur, das Original war eben nicht (nur) wegen der Gewaltdarstellung anstößig, sondern wegen seiner Beobachtung von Geschlechterrollen, wegen der Ablehnung eines moralischen Standpunktes und wegen der Beschreibung einer Vergewaltigung, wie man sie niemals im Mainstream-Kino sehen würde. Zudem beschrieb der Vorgänger Jennifer als sexuell befreite Frau, die von den konservativen Hinterwäldlern als Bedrohung angesehen wird. Es handelte vom Clash der Kulturen, Geschlechter, Settings und Zeitgeister. "Ich spuck auf dein Grab" war in Zeiten des Feminismus' und der männlichen Angst vor dem Feminismus ein bewusster Affront, ein Statement. Nicht umsonst hat er Filmkritiker und Filmwissenschaftler dermaßen gespalten und über Jahrzehnte beschäftigt.
Das Remake hat ebenfalls die Zensoren beschäftigt, aber lediglich aus Gründen der Darstellungsweise. Dem deutschen Kinopublikum wurden ca. 13 Minuten Demütigung und Rache vorenthalten, darunter eine Szene, in der Jennifer dem Oberfiesling den Penis mit einer Heckenschere abschneidet und ihn damit füttert, während seinem Kumpel die Augen von Krähen ausgepickt werden. Wenn Steven Monroe gehofft hat, mit seinem Film einen ähnlichen Sturm der Entrüstung auszulösen wie seinerzeit Meir Zarchi, dann hat er sich gründlich geschnitten. Sein Remake löst bestenfalls Schulterzucken aus. Zu sehr ist man harte Stoffe heute gewöhnt, zu wenig kontrovers ist die 'Rape'N Revenge'-Formel heute noch.

Meir Zarchi wollte 1978 mit seinem Film ein Erlebnis verarbeiten, das ihn nie losgelassen hat (er hat zusammen mit seiner Tochter und einem Freund im Wald eine von zwei Männern vergewaltigte Frau aufgegriffen und zur Polizei gebracht, wo sie durch die Ignoranz der Behörde ein weiteres Mal gedemütigt wurde - wer die ganze Geschichte hören will, sollte sich den Audiokommentar des Regisseurs auf der aktuellen DVD/Blu-Ray anhören). Steven Monroe wollte mit einem berüchtigten Titel und Anleihen beim Folterkino die schnelle Kohle machen. Dagegen ist nichts zu sagen, aber genau so sehen die Filme dann auch aus. Der eine ist ein umstrittener Klassiker, der andere gerade mal eine Fußnote.

03/10

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