Donnerstag, 29. März 2012

Die Haut, in der ich wohne (2011)

Der brillante Chirurg Robert Ledgard (Antonio Banderas) arbeitet mit Hingabe an der Entwicklung einer künstlichen, widerstandsfähigen Haut, die er seiner Patientin und Geliebten Vera (Elena Anaya) verpflanzt. Vera wird in Roberts abgelegenem Anwesen, in dem sich außer den beiden nur die Haushälterin Marilia (Marisa Paredes) aufhält, praktisch gefangen gehalten - warum, das wissen nur Robert und Vera. Eine tragische Vorgeschichte liegt dieser Situation zugrunde, die sich nach und nach enthüllt...
Um die vielen Wendungen und Überraschungen der Geschichte, die den Blick auf immer tiefere seelische und moralische Abgründe freigeben, nicht zu verraten, spare ich mir eine ausführlichere Nacherzählung.

Mit DIE HAUT, IN DER ICH WOHNE (La Piel Que Habito) hat Pedro Almodóvar seinen ersten Horrorfilm abgeliefert, der aber noch genügend Elemente des Melodrams enthält, die man von dem spanischen Meisterregisseur und Geschichtenerzähler gewohnt ist. Es gibt bizarre Verwandtschafts- und Geschlechterkonstellationen, tragische Lebensbeichten, Mord, Selbstmord, Vergewaltigung, schrille Kostüme und seltsamen Sex. Also eigentlich alles wie gehabt, nur ernster und düsterer. Das konkrete Vorbild für den Film ist zweifellos der französische Klassiker "Augen ohne Gesicht" (1960), den Almodóvar oft als einen seiner Lieblingsfilme bezeichnet hat. Die Parallelen sind unübersehbar. Hier wie da geht es um einen Chirurgen, der in einem abgelegenen Haus mit seiner Haushälterin und einer maskierten Bewohnerin zusammenlebt, der er eine neue Haut schenken möchte, wofür er über Leichen geht. Almodóvar bereichert diese simple, aber effektive Story um zahlreiche Backstories und krempelt sie einmal von innen nach außen, sozusagen.

Zum ersten Mal spielt Antonio Banderas seit dem gemeinsamen "Fessle Mich!" (1990) wieder in einem Almodóvar-Werk die Hauptrolle und zeigt eine intensive Darstellung, die noch einmal beweist, was wir längst wussten, nämlich, dass Banderas in fast sämtlichen Hollywood-Filmen, die er gemacht hat, fehlbesetzt war. Beinahe ausschließlich als Latin Lover mit Olivenöl im Haar besetzt, hat keiner der amerikanischen Regisseure seine echten Stärken genutzt, die Dunkelheit und Abgründe hinter der attraktiven Fassade, die wahnsinnige Besessenheit, die traurige Obsession. Banderas kann charmant, liebenswert und gefährlich sein, Protagonist als auch Antagonist (wie in "Fessle mich" oder "Das Gesetz der Begierde", 1987), alles zur selben Zeit. Er ist deutlich älter geworden, hat sein Talent aber glücklicherweise in Hollywood nicht verloren. Ihm zuzuschauen stellt den eigentlichen Reiz des Films dar, der ansonsten immer interessant, aber auch stellenweise fad und gelegentlich langatmig ist.

Zwar sind die expressiven Bilder, die atmosphärische Musik und die Darstellerleistungen sämtlich hervorragend, aber die Geschichte weist einige Längen auf. Hat man z.B. verstanden, wer sich unter der Haut von Elena Anayas Vera wirklich verbirgt, ist man dem Film weit voraus, der zu viel Zeit mit Rückblenden und Erklärungen verplempert. Ebenso enttäuschend ist die kurze Strecke, in der Roberto Álamo als verrückter Sohn von Haushälterin Marisa Paredes ins Haus des Doktors eindringt, seine Mutter in der Küche fesselt und knebelt und dann die eingesperrte Anaya vergewaltigt. Diesen Komplex hat Almodóvar bereits 1992 in "Kika" erzählt, und zwar beinahe 1:1 (wenngleich sehr viel komischer - dort war es ein irrer Pornostar, der die Hauptfigur Kika vergewaltigte). In Almodóvars Oeuvre kommt es oft zu Überschneidungen (wir erinnern uns an die identischen Organspendesequenzen aus "Alles über meine Mutter", 1999, und in "Sprich mit ihr", 2002), aber selten waren sie so plump wie hier. Da hilft auch das Tigerkostüm des Vergewaltigers nicht, das zwar ein wenig Skurrilität ins Spiel bringt, aber mehr auch nicht.

Wirklich großartig ist hingegen der letzte Akt des Films gelungen, wenn die Konflikte so hochgekocht sind, dass sie nur noch mit Gewalt ausgeräumt werden können und Almodóvar einen Höhepunkt nach dem nächsten inszeniert, bevor er zu einer emotionalen letzten Szene ansetzt, die man nicht so schnell vergisst. Dennoch braucht er einfach lange, um in Fahrt zu kommen, und manche Figurenmotivationen holpern (die Beziehung Robert/Vera ist extrem sonderbar und macht nur Sinn, wenn man sie schlichtweg akzeptiert). Da die Geschichte - anders als vielleicht sämtliche früheren Almodóvars - nichts mehr mit irgendeiner Art von Realität zu tun hat, die wir kennen, ist es leichter, den Film für seine technische Virtuosität zu bewundern als wirklich zu mögen.

Unterm Strich ist DIE HAUT, IN DER ICH WOHNE ein weiterer sehenswerter Beitrag aus dem Schaffen des spanischen Autorenfilmers, dessen Filme stets unverwechselbar sind, selbst wenn er komplette Handlungsabläufe anderer Filme verwendet. Sie werden doch immer zu seinen eigenen. Es lässt sich aber auch nicht leugnen, dass etwas fehlt. Vielleicht ist es der spezielle Humor, der hier nur selten zum Tragen kommt. Vielleicht sind es die liebenswerten Figuren, von denen es hier nur eine einzige (Marisa Paredes) gibt. DIE HAUT, IN DER ICH WOHNE ist ein sehr kalter, akademischer Film, trotz aller Schicksale, von denen er erzählt. Als solcher bleibt er stets distanziert und artifiziell. Mir sind die Filme Almodóvars lieber, die mein Herz erwärmen. Insofern, alles schön und gut, aber beim nächsten Mal würde ich gern wieder herzhaft lachen und weinen anstatt die perfekte Form zu bewundern. Man darf wie immer gespannt sein, was als nächstes kommt.

7.5/10

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