Freitag, 16. März 2012

Blade Runner (1982)

Ein Film, über den so viel geschrieben wurde, dass es überflüssig scheint, noch ein weiteres Wort zu verlieren. Mit BLADE RUNNER (Blade Runner) wollte Ridley Scott an seinen Welterfolg "Alien" (1979) anknüpfen. Die Erwartungen waren enorm, die Enttäuschung, als der Film herauskam, war groß. Aus heute kaum noch nachvollziehbaren Gründen war BLADE RUNNER ein Misserfolg an den Kinokassen. Zu schwermütig, zu langsam, zu intellektuell verwirrend und spannungsarm schien den Zuschauern Scotts Zukunftsvision. Kritiker monierten, dass Regisseur Scott das visuelle Design mehr interessiere als die Handlung. Heute weiß man, das visuelle Design ist die Handlung.

Im Los Angeles des Jahres 2019 regnet es unaufhörlich, auf den Straßen herrscht Überbevölkerung, an jeder Ecke weisen grelle Leuchtreklamen darauf hin, dass der Kapitalismus alles kontrolliert. Die Menschen sind lediglich Arbeitstiere, und zu deren Verbesserung wurden gleich künstliche geschaffen. Diese sogenannten 'Replikanten' sollen fremde Planeten erforschen und leben nur vier Jahre, dann müssen sie sterben. Doch damit finden sich einige nicht ab. Als eine Gruppe von ihnen auf die Erde zurückkehrt, um eine Verlängerung ihrer Lebenszeit von ihrem Schöpfer einzufordern, wird der Polizist Deckard (Harrison Ford), ein 'Blade Runner', auf sie angesetzt, um sie aufzuspüren und zu töten. Die Begegnung mit dem Anführer der Replikanten aber zwingt ihn, seine eigene Existenz anzuzweifeln. Ist Deckard vielleicht selbst ein Replikant? Und was ist das, was wir 'menschlich' nennen?

Die Besetzung mit Action-Held Harrison Ford und die Nachwirkung von "Alien" ließen alle auf einen Suspense-Marathon hoffen. Sie bekamen einen nachdenklichen Film Noir im futuristischen Gewand, ein perfekt komponiertes Fest für Augen, Ohren und Hirn, brillant fotografiert, opulent ausgestattet und so düster, wie man die Zukunft noch nie gesehen hat. Humor ist in dieser Welt der Entfremdung nicht vorhanden, hier möchte man ums Verrecken nicht leben. "Star Wars" (1977), dessen Fortsetzung "Das Imperium schlägt zurück" (1980) und zahllose Epigonen hatten 1982 das Publikum fest in der Hand. Science Fiction-Kino war laut, bunt, familienfreundlich und spektakulär. Steven Spielbergs "E.T." (1982) räumte im Jahr von BLADE RUNNER alles ab. Dass die Zuschauer kein Interesse an intellektuellen, abgründigen Sci-Fi-Werken hatten, die es deprimiert wieder aus dem Kino entließen, das musste auch John Carpenter mit seinem fantastischen Remake "Das Ding" (1982) im selben Jahr erfahren. Beide Filme sind heute rehabilitiert und als Meisterwerke anerkannt, weil sie so viel mehr bieten als oberflächlichen Thrill. Die beide in ihrer bewussten Entschleunigung einen Kontrapunkt zum aktuellen Kino setzen wollten und gescheitert sind.

Für Ridley Scott schrillten bereits vor dem Kinostart die Alarmglocken. Die Dreharbeiten waren extrem belastend für alle Beteiligten, der Film fiel bei einer Testvorführung durch und wurde auf Druck der Geldgeber gegen Scotts Willen verändert. Ein Voice-Over wurde eingefügt, der die verwirrende Handlung erklären sollte, und das offene Ende wurde mit Material, das Stanley Kubrick für seinen "Shining" (1980) gedreht und nicht verwendet hatte, zugunsten eines optimistischeren Finales aufgegeben. Erst 1992 konnte Ridley Scott einen Director's Cut erstellen, den er 2000 noch einmal überarbeitete und dank digitaler Technik die letzten Schnitzer (wie ein offensichtliches Double mit schlechter Perücke) beseitigen konnte. So ungern ich zustimme, wenn Regisseure nachträglich ihre Filme ändern, wurde in diesem Fall BLADE RUNNER tatsächlich immer besser, und heute erstrahlt er in genau dem Glanz, den er verdient - als zeitloses Kunstwerk, das immer so aussieht, als sei es gestern gemacht worden. Bis auf das jugendliche Aussehen Harrison Fords weist nichts darauf hin, wie viele Jahrzehnte der Film schon auf dem Buckel hat.

Action-Fans kommen übrigens nach wie vor nicht auf ihre Kosten bei BLADE RUNNER. Je schneller das aktuelle Kino in seiner Schnittfrequenz wird, desto langsamer wirkt BLADE RUNNER. Dabei ist der Film in jeder Hinsicht herausragend, von der sphärischen Filmmusik Vangelis' über die Bezüge zum Film Noir (der tragische Held, der mehr über sich selbst erfährt als ihm lieb ist), mit Anleihen beim Frankenstein-Mythos (das Geschöpf wendet sich gegen seinen Schöpfer), bis zur Besetzung. Rutger Hauer besitzt eine überirdische Präsenz als Replikanten-Anführer Batty, der verzweifelt gegen die Zeit ankämpft, die ihm bleibt - und der deshalb ebenso menschlich ist wie wir alle. Der vieles gesehen hat und alles mitnimmt ins Reich des Todes, wo die Erinnerungen verblassen wie "Tränen im Regen" (Ridley Scotts leichter Hang zum Kitsch, der besonders in der Einhorn-Symbolik des Films zum Tragen kommt, ist vielleicht die einzige, aber verzeihliche Schwäche von BLADE RUNNER).Und die oft gescholtene Sean Young begeistert als berückend schöne, künstliche Kreation in bester 'Femme Fatale'-Manier des klassischen Hollywood-Kinos.

BLADE RUNNER ist ein Film, der entweder sofort begeistert, nie begeistert oder nach und nach ans Herz wächst. In den 80ern brauchte ich auch einige Anläufe, um mit ihm warm zu werden, zu fremd und unnahbar wirkte er damals. Heute kann ich ihn immer wieder sehen und jedes Mal Neues und Aufregendes entdecken. Das ist intelligentes, visionäres und bis ins Detail ausgeklügeltes Science-Fiction-Kino, wie es nicht mehr existiert, und neben "Alien" Ridley Scotts zweifelsohne bester Film.

10/10

L.A., 2019: Fantastische Welten - "Blade Runner"

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