Samstag, 18. Februar 2012

Blutrausch - Eaten Alive (1977)

"My name is Buck, and I'm here to fuck!"

Unsterbliche Worte, mit denen Tobe Hooper seinen zweiten Spielfilm beginnt, und diese weisen auch den Weg in das Labyrinth dieses Schmuddel- und Horrorklassikers, der zwar nicht die Qualitäten seines Vorgängers "Blutgericht in Texas" (1974) aufweist, aber ein bizarres, unvergessliches Filmerlebnis bietet, wenn man in der richtigen Stimmung ist. Um ehrlich zu sein, war ich beim ersten Sehen des Films - irgendwann in den 80ern - nicht in der passenden Stimmung und fand ihn grauenhaft. Das hierzulande erteilte Verbot der Videokassette war der einzige Grund, mir diese Perle aus dem Untergrund überhaupt anzutun. Erst Jahre später wusste ich BLUTRAUSCH (Eaten Alive) zu würdigen, der so viel mehr zu bieten hat als man auf den ersten Blick erkennt.

Die Vorlage von BLUTRAUSCH (Eaten Alive) ist - wie so oft - Hitchcocks "Psycho" (1960). Ich weiß nicht mehr, wie oft ich diesen Satz schon geschrieben habe, er beweist immer wieder, wie unglaublich einflussreich dieser Klassiker war und bis heute ist.
Statt eines Motels an der Landstraße haben wir es hier mit einem heruntergekommenen Hotel in den Südstaaten zu tun, wo Regisseur Hooper die meisten seiner Schreckensfantasien ansiedelt. Der Hotelbetreiber Judd hat mindestens doppelt so viele Schrauben locker wie Norman Bates und wird von Neville Brand dermaßen over the top gespielt, dass man sofort glaubt, er wäre wirklich geisteskrank. Bei Hooper braucht es keinen Psychiater, der die Leidensgeschichte des armen Irren erklärt, da reichen ein paar Anspielungen auf Vietnam und ein so gemeingefährliches Gehabe, dass dem Zuschauer die Haare (und Ohren) zu Berge stehen.

Wenn Judd nicht gerade seine Gäste mit einer Sense ermordet, verfüttert er selbige an das Krokodil, das er sich als Touristenattraktion hält, und das auch schon mal einen Pudel verspeist. Süße Vierbeiner oder Kinder, niemand ist vor diesen beiden Mordmaschinen sicher. Tobe Hooper macht sich einen Spaß aus dem Vorbild und zitiert es ausgiebig. Anders als unbegabtere Regisseure, die Hitchcock lediglich imitieren, stellt Hooper die Bezüge aber immer wieder auf den Kopf, so dass BLUTRAUSCH eher wie eine "Psycho"-Travestie wirkt. Marilyn Burns, die Hauptdarstellerin aus "Blutgericht", die hier erneut eine zentrale Rolle spielt, wird von Judd in einen Duschvorhang gewickelt und ans Bett gefesselt, und der Film beginnt mit einer Prostituierten, die Zuflucht im Hotel sucht und noch ermordet wird, bevor sie das Zimmer erreicht. Dass sie eine offensichtliche Perücke trägt, die klar an Janet Leighs Frisur in Hitchcocks Film erinnern soll, gehört zum schrägen Spaß dazu.

Leider muss Marilyn Burns die meiste Filmzeit gefesselt und geknebelt verbringen, was die Möglichkeiten einer Darstellerin doch ziemlich einschränkt. Schade, weil Burns eine ungewöhnliche Leinwandpräsenz und Schönheit besitzt, die Hooper in "Blutgericht" kongenial nutzte. An ihrer Seite agiert Hollywood-Star Mel Ferrer, bei dem sich wahrscheinlich viele gefragt haben, warum er in diesem Film mitspielt (als er 1980 in "Großangriff der Zombies" auftauchte, wird sich das kaum noch jemand gefragt haben). Er muss auch den blutigsten Tod des Films erleiden, bei dem sich Hoopers ganze Kraft zeigt. Eben wie Hitchcock in "Der zerrissene Vorhang" (1966) will er zeigen, wie schwer es ist, jemanden umzubringen - weswegen die Sense, die der irre Judd benutzt, erst einmal in Ferrers Hals stecken bleibt und nicht mehr herauswill, während beide Männer darum rangeln. Wie einige seiner Regie-Kollegen der 70er geht es Hooper durchaus darum, Gewalt immer im Kontext zu zeigen (eine Herangehensweise, die heute kaum noch existiert). Bei Hooper sind die Tode grausam, schmutzig und unappetitlich. Aus diesem Grund wurde BLUTRAUSCH auch in vielen Ländern indiziert, aber es stellt sich schon die Frage, was moralisch einwandfreier ist - Mord als schnelle, schmerzlose Angelegenheit (à la James Bond) zu zeigen, oder als widerliche, abstoßende Schwerstarbeit, die jeden ästhetischen Reiz vermissen lässt. Eine uralte Frage, über die Zensoren offensichtlich nie nachgedacht haben, weil sie nicht müssen.

Das Hotel im Nirgendwo wurde komplett im Studio gebaut, und Tobe Hooper verlässt dieses Set nach dem kurzen Auftakt in einem Bordell nie wieder. Das und die grelle Ausleuchtung verstärken den künstlichen, theaterhaften Eindruck des Films. Eigentlich müsste sich zu Beginn ein Vorhang heben - stattdessen öffnet Robert 'Freddy Krueger' Englund als sexgeiler Cowboy seine Hose und spricht den oben zitierten Satz. Wie er haben sämtliche Charaktere in BLUTRAUSCH ordentlich einen an der Klatsche, was dazu führt, dass man sich als Zuschauer mit niemandem anfreunden kann. Überhaupt, ein Film, in dem William Finley ("Sisters", 1973) einen Familienvater spielt, kann nur durchgeknallt sein. So bleibt das Publikum immer außen vor und wird nie in das Geschehen einbezogen. Tobe Hooper macht es doppelt schwer, indem er einen experimentellen Score komponiert, der hart an der Grenze zur Körperverletzung vorbeischrammt, und das ständige Gebrüll der Figuren - besonders im letzten Teil - endet erst mit dem Abspann, den man sich nach dieser filmischen Tortur redlich verdient hat.

Tobe Hooper verließ übrigens vorzeitig den Dreh, nachdem er sich mit den Produzenten überwarf, die von ihm immer mehr Sex und Gewalt verlangten, was nicht Hoopers Intention für den Film war. BLUTRAUSCH wurde ohne ihn fertig gestellt und geschnitten, danach wurde er unter so vielen Titeln aufgeführt (u.a. "Death Trap", "Horror Hotel", "Starlight Slaughter" und viele andere), dass der Fan vollkommen die Übersicht verlor. Geld hat er trotzdem kaum eingespielt. Es war die erste von vielen Demütigungen und Enttäuschungen, die der gebeutelte Regisseur in seiner Karriere hinnehmen musste. Er hat sich nie mit dem Hollywood-System anfreunden können, wurde mehrfach gefeuert, verließ freiwillig Produktionen oder wurde in dem wohl berüchtigsten Fall ("Poltergeist", 1982) von seinem eigenen Produzenten Steven Spielberg demontiert, der die öffentliche Frage aufwarf, wer genau bei diesem Hit eigentlich Regie geführt hatte, wovon sich Hoopers Ruf lange nicht erholen konnte.

Trotz der Probleme ist BLUTRAUSCH aber ein 'echter' Hooper. Da mag das Krokodil noch so künstlich aussehen, es sind die vielen bizarren Einfälle, die den Film so einzigartig machen. Zumindest fällt mir kein einziger Film ein, der BLUTRAUSCH auch nur annähernd ähnlich wäre. Leider ist er wenig unterhaltsam und überhaupt nicht spannend. Als Trash-Kunstwerk, als "Psycho"-Parodie oder als "Blutgericht"-Nachfolger hat er aber seine eigenen Reize. Er war lange beschlagnahmt, ist aber mittlerweile wieder freigegeben und kann bei uns in einer sehr guten Special Edition auf DVD bewundert werden, für die der Film komplett neu synchronisiert wurde. Wer es abseitig mag, sollte ruhig mal für eine Nacht einchecken in diesem Hotel des Grauens.

07/10

"Immer diese Gäste mit ihren Sonderwünschen - jetzt wollen sie auch noch am Leben bleiben!"
Neville Brand als irrer Hotelbetreiber Judd in "Blutrausch"


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