Donnerstag, 5. Januar 2012

Stadt Land Fluss (2011)

Im ländlichen Brandenburg macht der junge, verschlossene Marko (Lukas Steltner), der aus einem problematischen Elternhaus kommt, eine Ausbildung zum Landwirt. Der Praktikant Jacob (Kai Michael Müller) kann Marko ein wenig aus seiner Außenseiterrolle herausholen, zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte. Für eine Nacht fliehen sie nach Berlin und erleben die Großstadt. Aber kann auch auf dem Land ein Paar aus ihnen werden?

Wer hier ein 'Brokeback Brandenburg' mit knackigen Bauernjungs in Overalls und Gummistiefeln vermutet, liegt fast richtig. STADT LAND FLUSS ist aber mehr, eine ungewöhnliche Mischung aus Coming Out-Story und Dokumentarfilm. Regisseur Benjamin Cantu siedelt seine Liebesgeschichte in einer realen Umgebung an, der Agrargenossenschaft EG "Der Märker", und außer seinen beiden Hauptdarstellern sind alle übrigen Mitwirkenden authentisch. Viele Szenen sind improvisiert, es gibt kaum geschriebene Dialoge, nur Skizzen, umso natürlicher (und manchmal verstotterter) agieren die Laien, von denen insbesondere die Ausbilderin Frau Thymian mit Dialekt und regionalem Schalk im Nacken überzeugt. Die Arbeiten im landwirtschaftlichen Betrieb, die die Jungs verrichten müssen, haben deshalb auch nichts von geschönten Bauerndramen. Es ist harte Arbeit, die nur manchmal Raum für melancholische Bilder lässt - etwa, wenn Kai Michael Müller durch die Feldbewässerung läuft (immerhin, kein schwuler Film wäre komplett ohne ein Schnuckel, das sich nass macht). Auch Humor ist vorhanden, wenn Kühe plötzlich durchs Autofenster schauen und Zäune Stromschläge an naive Praktikanten austeilen. Dass diese gern mal ihr T-Shirt ausziehen und sich zum Sonnenbaden in den Sand legen, gehört dabei mehr zum Genre als zum Dokuteil und erfüllt die Zuschauererwartungen.

Der Dokupart verstärkt auf jeden Fall den fiktiven Teil, weil dieser durch die reale Einbettung extrem glaubwürdig daherkommt. Umgekehrt kann die Liebesgeschichte der Dokumentation aber nichts hinzufügen. Diejenigen, die mehr Lovestory erwarten, werden womöglich enttäuscht sein von der ersten Filmhälfte, die lediglich den Arbeitsalltag im Betrieb schildert. Die sparsam eingesetzten Landschaftsaufnahmen - dafür muss man den Film uneingeschränkt loben - werden nie kunstgewerblich. Die Geschichte beginnt spät und wird mehr über Blicke und Gesten geschildert, klappert aber letztlich doch alle Stationen ab, die man im Genre immer wieder sieht. Die Jungs baden im nahe gelegenen Waldsee, der zaghafte erste Kuss wird durch Scham und Komplexe unterbrochen, es folgen Schweigen und Ablehnung, der Trip nach Berlin aber bringt Zusammenhalt und womöglich Liebe.
Das wäre alles sehr klischiert, wenn nicht die Darsteller ihre wortkargen Figuren so eindringlich echt spielen würden (und sich damit dem dokumentarischen Stil des restlichen Films anpassen). Hübsch anzuschauen sind sie sowieso, und die Annäherung ist von starker (auch erotischer) Spannung. Leider endet STADT LAND FLUSS, wenn er seinen interessantesten Punkt erreicht, was doppelt schade ist, weil er dafür ein etwas abgenutztes Bild verwendet, das wir schon in "Beautiful Thing" (1996) und anderen Filmen zum Thema gesehen haben. Schön und herzig zwar, aber nicht neu.

Sehenswert ist STADT LAND FLUSS allemal, auch wenn ich für mehr Drama und Charakterhintergrund (die private Situation der Jungs wird nur angedeutet und beschränkt sich auf Formeln wie "Problemfamilie") gern auf einige dokumentarische Szenen verzichtet hätte. Dennoch, ein Film, der ans Herz wächst, weil er so glaubwürdig ist. Auf schwul-lesbischen Festivals kam STADT LAND FLUSS gut an, und er profitiert von mehrfachem Sehen. Regisseur Jan Krüger ("Rückenwind", 2009) jubelt im Trailer und auf dem Plakat, dass er sich 'in diesen Film verliebt hat'. Kann man verstehen.

8.5/10

Eine Liebe in Brandenburg -
Lukas Steltner und Kai Michael Müller in "Stadt Land Fluss"

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...