Samstag, 21. Januar 2012

Pink Flamingos (1972)

"One of the most vile, stupid and repulsive films ever made" wetterte die Daily Variety bei Erscheinen von PINK FLAMINGOS - was Regisseur John Waters nur als Kompliment auffassen konnte, denn genau das war seine Absicht.

In Waters' wohl größtem Underground-Erfolg spielt Drag Queen Divine die Trailerpark-Diva Babs Johnson, die wegen Mordes und anderer Scheußlichkeiten von der Polizei gesucht wird und mit ihrer degenerierten Familie in einem Campingwagen lebt, dessen Vorgarten die titelgebenden rosa Plastikflamingos zieren. Das Auge wohnt ja schließlich auch mit. Als ein örtliches Schmierblatt Divine zur "Filthiest Person Alive" (widerlichste lebende Person) erklärt, weckt das den Zorn der Marbles (Mink Stole und David Lochary), ein ebenso verabscheuungswürdiges Pärchen, das einen erfolgreichen Adoptionsservice betreibt, hinter dessen Kulissen Frauen entführt, künstlich befruchtet und deren Babys an lesbische Paare verhökert werden. Bald beginnt eine Schlammschlacht um den Titel "Filthiest People Alive" zwischen den Familien, in deren Verlauf es zu jeder Menge Ekel, Mord und Totschlag kommt...

Nein, hübsch anzuschauen ist dieser Trash nicht, der weder für schwache Mägen noch für sensible Gemüter und schon gar nicht für politisch korrekte Zeitgenossen geeignet ist, was ironischerweise den Schock-Faktor in den Jahren nur erhöht hat. Je braver die Zeiten werden, umso mehr wächst das Potential von PINK FLAMINGOS, sein Publikum zu verblüffen und abzustoßen. Waters selbst nannte seinen Film einen 'Anti-Hippie-Film für Hippies', die PINK FLAMINGOS in den Mitternachtsvorstellungen zum Renner machten. Wie üblich kennt Waters dabei keine Geschmacksgrenzen. Seine Vorbilder sind Kenneth Anger, Hershell Gordon Lewis und die Filme der Warhol-Factory. 12.000 Dollar standen Waters zur Verfügung für seine Ode an den Brechreiz, das Geld stammte von Papa Waters, der das Werk seines Sprösslings aber nie gesehen hat, worüber der berühmte Sohn heute noch froh ist.

Um in der Sprache von PINK FLAMINGOS zu bleiben: Waters legt seinen Finger nicht auf die Wunden Amerikas, sondern steckt ihn tief in Amerikas Po. Als Entertainer bewegt sich Waters zwischen Rummelplatz-Freakshow und Arthouse-Satire, seine Darsteller sind zu jeder fröhlichen Abscheulichkeit bereit. Divine stiehlt ein Steak im örtlichen Kaufmannsladen, indem sie es sich unter den Rock und zwischen die Schenkel steckt, später uriniert sie in einen Vorgarten und leckt die Möbel der verhassten Marbles ab, um sie mit einem Fluch zu belegen - was sie so erregt, dass sie ihrem Sohnemann (Danny Mills) gleich an Ort und Stelle einen bläst. Divines Mama (Edith Massey) hockt den ganzen Tag in einem Baby-Laufgitter und treibt es mit dem Eiermann, der ihr jeden Tag frische Eier bringt. Die Marbles schicken Divine Fäkalien im Geschenk-Karton, lutschen sich gegenseitig an den Zehen und befruchten die gefangenen Frauen in ihrem Kellerverlies mit Sperma-Injektionen. Auf einer Gartenparty tritt ein nackter Beatnik auf, der Kunststücke mit dem nackten Anus vorführt, eine Gruppe Polizisten wird von Divines Gang ermordet und verspeist (in einer blutigen Hommage an Romeros "Nacht der lebenden Toten", 1968), und nach einer Spontan-Gerichtsverhandlung werden die Marbles geteert, gefedert und standrechtlich erschossen.
Berühmt-berüchtigt aber wurde PINK FLAMINGOS vor allem durch die letzte Szene, in der Divine einen frischen Hundehaufen verspeist, den der Pudel von Casting-Frau Pat Moran auf den Gehsteig setzt. Der Film endet mit einem strahlend-braunen Lächeln ('A Shit-Eating Grin', wie Waters es nannte) der Drag Queen nach getaner Arbeit.

Dass die Filme von John Waters nicht jedermanns Geschmack sind, das muss man nicht mehr erwähnen. Seine Underground-Werke sind bewusste Angriffe auf das Mainstream-Kino und das Nervenkostüm der Zuschauer. Die einen zeigten sich begeistert und verhalfen PINK FLAMINGOS zu einem fantastischen Ruf, die anderen überschlugen sich mit Zensur, Verboten und Verrissen. Kalt hat der Film niemanden gelassen, und auch heute, 40 Jahre später, hat er nichts von seiner Wirkung verloren, im Gegenteil. Dass er technisch stümperhaft ist und mehr als eine Länge aufweist, mindert seinen ruppigen Charme nur wenig. Und wer genug hat von gepflegter Langeweile im Arthouse-Kino oder politisch korrektem Stumpfsinn im Mainstream, der wird sich bei diesem Klassiker des subversiven Kinos zünftig unterhalten fühlen.

08/10

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