Freitag, 13. Januar 2012

Paranoid Park (2007)

Der introvertierte, 16-jährige Alex (Gabe Nevins) ist begeisterter Skater. In seinem Leben passiert nichts Aufregendes, bis er im berüchtigten Eastside Skate Park, der von den Skatern 'Paranoid Park' genannt wird, fährt und ein Unglück geschieht. Durch Alex' Schuld kommt ein Wachmann ums Leben. Diese Tat verfolgt den Jungen. Die Polizei kommt in die Schule und verhört alle Skater. Alex zieht sich immer mehr in sich selbst zurück. Um mit seiner Schuld umzugehen, schreibt er einen Brief, den er danach verbrennt. Das Leben geht weiter. Unaufgeregt. Ereignislos...

Gus Van Sant macht wieder Arthouse-Kino mit großem 'A', das Einblick in Portlands Jugendkultur vermittelt, die fernab von Ideologie, Engagement oder Interessen jenseits des eigenen Alltags nur um sich selbst kreist. Ein unbeabsichtigter Mord geht scheinbar ebenso spurlos an seinem Protagonisten vorbei wie alles andere. Innerlich ist er schon zerwühlt, aber man sieht es ihm kaum an. Das liegt auch an der Besetzung mit Laiendarstellern, die Gus Van Sant hauptsächlich über Internet-Portale wie "Myspace" zusammengesammelt hat. So kann man in Hauptdarsteller Gabe Nevins zwar viel hineinlesen, eine wirklich klare Emotion kann er aber nicht spielen. Bezeichnend ist eine Sequenz, in der er während einer Autofahrt verschiedene Musiktitel aus dem Radio hört und dabei unterschiedliche emotionale Zustände zeigen soll, tatsächlich schaut aber immer auf die gleiche Art bedröppelt aus der Wäsche. Die Beschränkung auf Laiendarsteller sorgt so zwar für ein starkes Gefühl der Authentizität, verhindert aber Identifikation und differenzierte Auseinandersetzung. Alex bleibt ein Rätsel - für den Zuschauer, seine Umgebung und für den Film.
Mich hat PARANOID PARK (Paranoid Park) an den deutschen Arthouse-Beitrag "Bungalow" (2002) erinnert, in dem auch ein 'echter' Skater statt eines gelernten Schauspielers die Hauptrolle übernommen hat, und der ebenfalls von der 'Generation Ziellos' handelt. Hier wie da überwiegen Zustandsbeschreibungen, die außer dem Realitätsgehalt kaum unter die Oberfläche gelangen. So bleibt der Blick Van Sants durchweg dokumentarisch. Dabei hätte er eigentlich alle Zutaten für ein saftiges Jugenddrama zur Hand, aber das interessiert ihn nicht weiter.

Fantastisch hingegen ist die Kameraarbeit von Christopher Doyle, mit ihren hypnotischen Bildern. Auch die Musikauswahl Van Sants ist gelungen. Wie schon in "Elephant" (2003) folgt die Kamera dem Protagonisten wie ein unsichtbarer Schatten, und die Szenen der Skateboarder sind weniger modern-aufgeregt als vielmehr psychedelisch. Hier schweben die Kids in ihren ganz eigenen Sphären. Dass der Film sich in diesen melancholischen Momenten verliert, ist verständlich, aber auch schade. Die artifizielle Erzählweise mit ihrer verschobenen Chronologie suggeriert Komplexität, führt aber zu keiner neuen Deutungsebene, und die Langsamkeit wirkt - ebenso wie die endlosen Skater-Szenen - auf Dauer ermüdend, weil sie keine neuen Türen öffnet. Durchbrochen wird dieser Schwebezustand nur durch den Moment der Gewalt. Die Szene mit dem von einem Zug zweigeteilten Wachmann, der mit losgelöstem Oberkörper und anklagendem Blick auf Alex zukriecht, ist in ihrer Drastik allerdings unfreiwillig komisch.

Es stellt sich die Frage, für wen PARANOID PARK gemacht ist. Die Generation, die er darstellt, dürfte sich bei der filmischen Aufarbeitung ihrer Befindlichkeiten eher langweilen, das erwachsenere Klientel muss schon viel guten Willen mitbringen, um sich für eine Studie desinteressierter Jugendlicher, die in ihrem eigenen Kosmos gefangen sind, zu begeistern. Die Kritiken zum Film reichen von 'todlangweilig' und 'prätentiös' bis 'Meisterwerk'. Meine Einschätzung liegt irgendwo dazwischen. Mich hat Van Sants Film nie wirklich erreicht oder gepackt, sehenswert ist er wegen seiner formalen Virtuosität aber trotzdem.

05/10

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