Samstag, 7. Januar 2012

Ein Richter sieht rot (1982)

Aufgrund von Verfahrensfehlern und illegal beschaffter Beweismittel durch die Polizei werden immer wieder überführte Verbrecher auf freien Fuß gelassen. Das lässt den jungen Richter Hardin (Michael Douglas) langsam am Sinn des amerikanischen Rechtssystems zweifeln. Sein Mentor und Kollege Caulfield (Hal Holbrook) weiht ihn daraufhin in ein streng gehütetes Geheimnis ein - in der 'Star Chamber' haben sich Richter zusammengefunden, die Urteile fällen, vollstrecken und Killer auf freigelassene Täter ansetzen, um den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Hardin zögert zunächst, schließt sich dann aber der Gruppe an. Als er merkt, dass zwei von der 'Star Chamber' verurteilte Kriminelle unschuldig sind, will er das Verfahren stoppen, doch der Killer ist bereits unterwegs...

Schwund ist immer. Das ist ungefähr die Haltung der 'Star Chamber' und ihrer Mitglieder zum Thema "unschuldig zum Tode verurteilt". Und damit sind die Herren und Damen Richter auch nicht besser als das marode Rechtssystem oder die Kriminellen, auf die sie zur Jagd blasen. Dass man es schwer mitansehen kann, wenn überführte Täter auf freien Fuß kommen, das nutzt Regisseur Peter Hyams in seinem Thriller EIN RICHTER SIEHT ROT (The Star Chamber) gnadenlos aus und präsentiert sämtliche vor Gericht stehende Verdächtige als widerlichen, kiffenden Abschaum (zumeist von ausländischer Herkunft oder dunkler Hautfarbe), die Opfer dagegen als brave, aufrechte (zumeist weiße) Bürger, die - wenn sie das Gesetz in die eigene Hand nehmen - den Beifall des Publikums verdienen (sollen). Fast rührend naiv werden dem Zuschauer die Taten der Verbrecher als besonders verabscheuungswürdig vorgeführt. Zwei von ihnen vergewaltigen und töten Kinder, einer bringt ältere Damen um, die gerade ihre kleine Rente von der Bank geholt haben, als sie gemeuchelt wurden. Wohlgemerkt eine kleine Rente, so viel Zeit muss sein.

Dass man bei so grobschlächtiger Vorgehensweise nicht wirklich etwas Differenziertes zum Thema Selbstjustiz sagen kann (oder will), dürfte klar sein. EIN RICHTER SIEHT ROT weist bereits alle Charakteristika des 80er-Jahre-Films auf. Komplexe Themen, die in den 70ern noch zu prallem, intelligentem Kino geführt hätten, verkommen hier zu bloßem Emotionshintergrund für einen stilisierten Thriller, der immer schön an der Oberfläche bleibt. So ist dann auch das letzte Drittel, in welchem Michael Douglas die Mühlen der Selbstjustiz aufhalten muss, sehr spannend geraten, der Film als Ganzes lässt aber jede ernsthafte Auseinandersetzung vermissen. Das wird am deutlichsten in der Tatsache, dass unser Held erst am fragwürdigen System der privaten Verurteilung zweifelt, als wieder Unschuldige dran glauben müssen. Womit der Film klarstellt, dass wahrscheinlich niemand ein Problem mit der Rächer-Organisation bekommen hätte (Douglas eingeschlossen), wenn sie tadellos 'funktioniert' hätte. Der Fehler liegt also im menschlichen Versagen, nicht in der Sache selbst. Das ist dann gerade schon erstaunlich blind gegenüber offensichtlicher Fragen nach Recht und Unrecht.

Michael Douglas ist als verzweifelter Held natürlich die Idealbesetzung für so eine Rolle. Man nimmt es ihm nicht übel, wenn er sich auf die 'dunkle Seite' schlägt, man leidet mit ihm, wenn er Verbrecher gehen lassen muss, und man ist bei ihm, wenn er sich selbst in Gefahr begibt. Auch die Nebendarsteller sind hervorragend. In den ersten Dritteln wird deutlich zu viel geredet, was daran liegt, dass jede Information und Gefühlsäußerung mindestens dreimal ausgesprochen wird ("Ich weiß nicht mehr, was richtig und falsch ist. Was ist aus unserem Rechtssystem geworden? Gibt es überhaupt Gerechtigkeit?" und so weiter). Das letzte Drittel ist dagegen äußerst sehenswert wegen einiger packender Set-Pieces.

Man kann EIN RICHTER SIEHT ROT ganz gut mit dem Grisham-Thriller "Die Firma" (1993) vergleichen. In beiden Filmen wird ein junger Held in düstere Machenschaften gezogen, denen er sich anschließen oder widersetzen kann (Zufall, dass Hal Holbrook in beiden Filmen mitspielt?). In der "Firma" zieht sich der Protagonist weitaus raffinierter aus der Affäre, nachdem auch er um sein Leben rennen musste. Wo Michael Douglas schlussendlich von der Polizei gerettet wird (was bedeutet, dass man den Staatsorganen immer noch trauen kann, wenn auch nur den offiziellen), rettet Tom Cruise seine Haut selbst. Da braucht es doch schon einen Sydney Pollack im Regiestuhl (und eine gute Vorlage).
Peter Hyams ist kein Künstler, das weiß man, aber er kann mit der Kamera umgehen (er fotografiert die meisten seiner Filme selbst), und er kann spannende Geschichten erzählen. Mehr als passable Unterhaltung ist EIN RICHTER SIEHT ROT daher nicht geworden. Sein Film erfreut sich allerdings großer Beliebtheit.

06/10

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