Mittwoch, 4. Januar 2012

A Dirty Shame (2004)

Willkommen zum Aufklärungsunterricht mit John Waters.
Das heutige Thema: Sex-Fetische.

Die mürrische Hausfrau Sylvia Stickles (Tracey Ullman) hat von Fetischen noch nichts gehört, auch wenn ihre Tochter Caprice (Selma Blair) ihre überdimensionalen Brüste gern als Stripperin namens Ursula Udders vorführt und deswegen Hausarrest bekommen hat. Sylvias Gatte (Chris Isaak) spürt noch fleischliches Verlangen, aber Sylvia hat zu viel mit dem Haushalt zu tun, um sich darum zu kümmern. Als Sylvia aber dem Automechaniker Ray-Ray (Johnny Knoxville) begegnet und von einem vorbeifahrenden Rasenmäher eins über den Kopf bekommt, wird aus der züchtigen Verklemmten plötzlich eine lüsterne Sexbestie. Offensichtlich ist Ray-Ray ein Heilsbringer in Sachen Sex und verantwortlich für die spontane Wandlung der halben Baltimore-Bevölkerung. Während die Sex-Süchtigen mit all ihren Vorlieben die Stadt übernehmen, wagen ein paar aufrechte Spießbürger, die 'Neuters', den Widerstand...

Nachdem die letzten Filme von Bad-Boy Waters doch recht züchtig und massentauglich ausfielen, hat er mit A DIRTY SHAME (A Dirty Shame) in gewisser Weise zu seinen Wurzeln zurückgefunden, auch wenn der Film professionell produziert ist und daher wenig ästhetische Ähnlichkeit mit dessen rohen Underground-Werken besitzt. Was sein Thema angeht, kennt Waters aber keine Scham- oder Geschmacksgrenzen und ist in den USA dafür mit einem NC-17-Rating geohrfeigt worden, was den finanziellen Reinfall des Films praktisch garantierte. Und das, obwohl es keinen einzigen Sexualakt im Film zu sehen gibt - was John Waters zu der berechtigten Frage veranlasste, ob man nicht mal mehr über Sex reden dürfe. Dem scheint so zu sein. Haben in den 90ern zumindest noch Erotik-Thriller wie "Basic Instinct" (1991) für ein wenig Knistern auf der Leinwand gesorgt, ist der Sex inzwischen fast spurlos aus dem amerikanischen Kino verschwunden, wenn man von einigen nackten Brüsten in pubertierendem Zielgruppen-Trash wie "Piranha 3-D" (2010) absieht. Dass dies einem John Waters nicht gefällt, ist logisch.

Waters zielt mit seiner Satire auf die Spießbürgerlichkeit und Doppelmoral ab, will aber dem Publikum dazu noch sämtliche Unterarten des fleischlichen Vergnügens beibringen. Falls Sie nicht mit "Sploshing", "Teabagging", "Upper Deckern", "Plate Jobs" oder "Felching" vertraut sind, Herr Waters steht mit Rat und Tat zur Seite. Neben den verschiedenen Fetischen (ein älterer Herr im Babykostüm ist auch dabei, ebenso ein junger Mann, der gern an Dreck schnüffelt) präsentiert uns Waters auch jede umgangssprachliche Beschreibung von Sexpraktiken, wobei er gerade für den 'Cunnilingus' (die orale Befriedigung der Partnerin) mit besonders blumigen Ausdrücken um sich wirft (wie "Yodeling in the Canyon").

Seine Besetzung macht jeden versauten Spaß fröhlich mit. Tracey Ullmann zeigt in der Hauptrolle bemerkenswerten Mut, wenn sie sexgeil in Abfallcontainern nach aufreizenden Fummeln sucht und während einer Tanzveranstaltung im Altersheim eine Wasserflasche aufhebt, ohne die Hände zu benutzen (und stattdessen ihr Allerheiligstes). "Jackass"-Star Knoxville - selbst ein Bad Boy des Kinos - ist die Idealbesetzung für den Sex-Prediger Ray-Ray. Die Waters-Stammschauspieler Mink Stole und Patricia Hearst sind natürlich ebenfalls mit von der Partie. Suzanne Shepherd, die Ullmans Mutter und Anführerin der Sexgegner spielt, hatte übrigens für den Film zugesagt, ohne das ganze Drehbuch zu kennen und war außer sich, als sie zum Dreh anreiste und feststellen musste, dass es im ganzen Film nur um eines geht. Unter Tränen und Nervenzusammenbrüchen reiste sie wieder ab, konnte aber von John Waters besänftigt werden. Ein weiteres 'Highlight' des Films sind die unglaublichen Brustprothesen, die Selma Blair tragen muss, und die ebenso absurd wie täuschend echt wirken. Hier zollt Waters Russ Meyer, einem weiteren 'Wilden' der Filmbranche, seinen Tribut.

Darüber hinaus gibt es massenhaft Anspielungen auf die Melodramen Douglas Sirks und - im späteren Verlauf - Romeros "Die Nacht der lebenden Toten" (1968), wenn die Sexsüchtigen die Stadt übernehmen und aus Mülltonnen und Büschen nach den unschuldigen Mitbürgern grapschen. An dieser Stelle geht Waters' Ode an die Freizügigkeit klar nach hinten los, weil er die sexuelle Befreiung nur anhand offensichtlich durchgeknallter Irrer vorführt, die nun wirklich nicht als Rollenvorbild dienen (mit Ausnahme eines knuddeligen und sympathischen Trios schwuler 'Bären'). Waters' Botschaft ist so simpel wie einfach: so lange niemand zu Schaden kommt, hat jeder ein Recht auf seinen Fetisch, auch wenn er sich im Supermarkt mit Ravioli aus der Dose einschmiert oder Exkremente in Handtaschen älterer Damen hinterlässt. Auto-Strangulation mit der Telefonschnur während der Selbstbefriedigung ist nichts, dessen man sich schämen müsste.

Schade nur, dass der Film nach den ersten, sehr vergnüglichen 40 Minuten dramaturgisch zum Stillstand kommt und sich sämtliche Charaktere durch ständige Gehirnerschütterungen abwechselnd in 'Sex-Addicts' oder 'Neuters' verwandeln, bis alles in einer chaotischen Massenorgie endet, zu der sich auch digitale Eichhörnchen und obszön geformte Bäume gesellen. Da wirkt der Spaß dann doch arg bemüht. Der finale Einfall, mit 'Headbanging' eine neue Sexpraktik zu efinden, kommt dann nur noch aus der Ha-ha-Ecke. Es zeigt sich, dass der gute Wille allein nicht reicht.

A DIRTY SHAME rotzt der amerikanischen Verklemmtheit ungehemmt ins Gesicht, geht dabei aber nie wirklich dahin, wo es weh tut, sondern bleibt der private Spaß eines Spätpubertierenden (sehr spät, Waters ist mittlerweile Mitte 60). Das ist über weite Strecken witzig (in der besten Szene kommt es zu einer 'emotionalen' Annäherung von Mutter und Tochter Stickles, die mit Tracey Ullmans Jubelruf: "Let's go down to the Holiday House and fuck the whole bar!" endet - wollen das nicht alle jungen Mädchen von ihrer Mutter hören?), dürfte aber nur wenigen gefallen. Aber schön zu sehen, dass John Waters nach mehreren Jahrzehnten den Provokateur in sich noch nicht vergessen hat.

07/10


Mutter-Tochter-Ausflug ins 'Holiday House' -
Tracey Ullmann und Selma Blair in "A Dirty Shame"


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