Montag, 5. Dezember 2011

X-Ray - Der erste Mord geschah am Valentinstag (1982)

Der Valentinstag ist nicht nur eine saudumme Erfindung von Blumenläden, um den Absatz zu steigern, er sorgt auch für regelmäßigen Frust bei den Abgewiesenen und den Einsamen, die gelegentlich überschnappen und sich ihre Herzen auf andere Weise holen - siehe "Blutiger Valentinstag" (1981) oder das Remake "My Bloody Valentine 3-D" (2009).

In Boaz Davidsons X-RAY - DER ERSTE MORD GESCHAH AM VALENTINSTAG (Hospital Massacre) treibt sich auch so ein Irrer herum, der ein ganzes Krankenhaus in Angst und Schrecken versetzt.

"I'll Be Right Back", sagt die attraktive, geschiedene Susan Jeremy (Barbi Benton) zu beginn des Films, und der erfahrene Filmfreund weiß, dass dieser Satz im Horrorfilm nur Unheil bedeutet. Susan will nur kurz ins Krankenhaus, um die Ergebnisse eines Routine-Checkups abzuholen. Dabei wird sie von einem geisteskranken Mitarbeiter erkannt, der seit Kindheitstagen in Susan verliebt ist. Am Valentinstag vor 19 Jahren hat er ihr einen Liebesbrief geschrieben, wurde aber von der dummen Göre ausgelacht und hat dafür ihren kleinen Bruder am Kleiderhaken aufgespießt. Kinder können so grausam sein. Das Wiedersehen mit Susan lässt erneut alle Sicherungen durchbrennen, und er startet ein Blutbad sondergleichen...

X-RAY ist auf den ersten Blick ein zusammengeschusterter, trashiger Horror-Schocker, der auf der Slasher-Welle mitreitet und seine Hauptdarstellerin als Final Girl durch seinen begrenzten Schauplatz jagt, bis sie sich endlich zur Wehr setzen kann. Die Produktion ist so billig wie möglich, das Krankenhaus sieht merkwürdig verranzt aus, keine Figur erhält auch nur ansatzweise so etwas wie Charakter, und das einzige, was Hauptdarstellerin Barbi Benton vorzuweisen hat, ist ihre ansehnliche Oberweite, die man weiland schon auf dem Playboy-Cover bewundern durfte (ihr Gesicht wirkt allerdings so künstlich, dass sie zwischendurch wie eine Schaufensterpuppe aussieht). Die Effekte sind deftig, das Blut spritzt in großen Fontänen, und der irre Arzt, der sich hinter Mundschutz und Kappe versteckt, killt alles, was ihm in die Quere kommt. Dabei geht er außerordentlich fantasievoll vor und benutzt Stethoskope, Säurebäder und Knochensägen.

Das Krankenhaus selbst ist so schlecht ausgeleuchtet wie das in "Halloween 2" (1981), die Charaktere tapsen in stockfinsteren Räumen herum, und außer einem besoffenen Patienten, der mit seinen "unerwarteten" Auftritten schnell auf die Nerven geht, sowie drei alten Schachteln (von denen eine von einem Kerl gespielt wird, warum auch immer), scheint es keine Patienten in dem ganzen Laden zu geben. Ärzte und Krankenschwestern halten unsere Protagonistin gegen ihren Willen fest, verpassen ihr Spritzen und Drogen, damit sie endlich Ruhe gibt und hauen ihr auch schon mal eine runter, wenn sie nach Hause will. Es merkt auch niemand, dass ein Angestellter nach dem anderen ins Jenseits befördert wird. Während sich die Leichen in den Schränken stapeln, machen alle fröhlich weiter ihren Dienst. "Alle" meint in diesem Fall die drei Ärzte und zwei Schwestern, die wir immer wieder sehen, weil das Budget des Films nicht mehr Personal zulässt.

Tatsächlich ist X-RAY stellenweise so absurd, dass er schon surreale Qualitäten entwickelt und man ihn durchweg als Alptraum wahrnehmen kann. Als solcher aber funktioniert er ziemlich gut. Und das ist noch nicht alles. Im Grunde wird hier die Geschichte einer Frau erzählt, die ins Krankenhaus geht und nicht wieder rauskommt. Der Killer metzelt sich nicht nur durch das Gebäude, er verfolgt auch einen perfiden Plan, seine Angebetete dort zu behalten, indem er ihre Röntgenbilder und Krankenberichte fälscht und so den Eindruck erweckt, sie habe eine tödliche Krankheit. Das ist, wenn man mal die ganzen Morde weglässt, eine Schreckensvision, die unsere Urängste anspricht. Wer hat nicht Angst davor, in einen medizinischen Teufelskreis zu geraten, bei dem eine Untersuchung auf die nächste folgt und die Ergebnisse immer bedrohlicher werden? Das ist echter Horror, und ich kann mich an keinen zweiten Film erinnern, der diesen in ähnlicher Form behandelt.

Dabei werden Krankenhäuser gern als Schauplatz im Horror-Genre benutzt ("Das Horror-Hospital", 1982). Das Unwohlsein bezüglich medizinischer Untersuchungen und Gerätschaften, die eigene Verwundbarkeit und das Ausgeliefertsein, das sind Dinge, vor denen wir uns mehr fürchten als vor einem maskierten Psychopathen - weil sie real sind. X-RAY weiß das und treibt ein ebenso gemeines Spiel mit dem Zuschauer wie mit seiner Heldin, das muss man ihm anrechnen. Dazu gehört auch, dass Barbi Benton von den Ärzten nie eine Antwort erhält, wenn sie nach der Diagnose fragt, sie erntet nur mitleidige und besorgte Blicke. Das sind Situationen, bei denen es mir kalt den Rücken runterläuft.

Zusammen mit dem schundigen Look (ich würde bezweifeln, dass der Film mit besseren Production Values ähnlich effektiv wäre) erzeugt Regisseur Boaz Davidson einen Schocker, der weit über die Slasher-Formel hinausgeht und in das Unterbewusstsein eindringt, lächerliche Einfälle hin oder her. Von der billigen Machart sollte man sich nicht täuschen lassen. Zudem gelingen ihm groteske Bilder, etwa wenn der Killer-Arzt mit vorgehaltenem Bettlaken eine Krankenschwester durch die finsteren Korridore jagt. Auch wenn man diese deutliche Anspielung auf "Halloween" (1976) erkennt, besitzt sie immer noch Kreisch-Potential. In einer anderen Szene gerät Benton auf der Flucht vor dem Killer in ein Zimmer, in dem drei Patienten von Kopf bis Fuß bandagiert wie Mumien an Apparaturen hängen und wie Marionetten herumzappeln. Noch ein Beispiel für die Hilflosigkeit, mit denen wir der Medizin ausgesetzt sind.

X-RAY ereilte hierzulande das Schicksal vieler Horrorfilme, als er Mitte der 80er aus dem Verkehr gezogen wurde. Er ist bis heute beschlagnahmt. Man fragt sich, warum, denn er ist nicht blutiger als ein "Freitag der 13." (1980). Vielleicht ist es doch dieses subversive Spiel mit unseren Urängsten, der verstörende Subtext. Who Knows?

Für mich ist X-RAY der Beweis, dass man den Horrorfilm nie unterschätzen sollte, weil er die Möglichkeit hat, unsere tief verwurzelten Ängste ans Tageslicht zu befördern und uns zwingen kann, diesen ins Auge zu sehen. Insofern ist X-RAY zwar ohne Zweifel abstruser Trash, aber als Horrorfilm erfüllt er mehr als nur seinen Zweck. Mehrfaches Sehen lohnt sich.

08/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...