Dienstag, 13. Dezember 2011

Serial Mom (1994)

Beverly Sutphin (Kathleen Turner), Zahnarztgattin und Vorzeige-Hausfrau, liebt ihre Familie und ihr hübsches Zuhause in Baltimore über alles. Was sie gar nicht liebt, sind Nachbarn, die ihren Müll nicht trennen, Lehrer, die sich über ihren Sohn (Matthew Lillard) beklagen, oder Typen, die ihre Tochter (Ricki Lake) für eine sexy Schnitte (Porno-Queen Traci Lords) sitzen lassen. Dann greift sie zu Messer, Schürhaken, Flammenwerfer oder Lammkeule und bringt jeden um, der sich nicht an die Regeln hält. Die Familie ahnt zunächst nichts von Beverlys Treiben, doch Mutters Massaker bleibt nicht lange unentdeckt. Mom kommt vor Gericht, wo sie eine Menge Fans und Medienaufmerksamkeit findet, und wo sich entscheiden muss, wer wirklich im Recht war...

John Waters, der 'King of Trash', setzte mit seiner Satire SERIAL MOM (Serial Mom) der amerikanischen Serienkiller-Verehrung ein bissiges Denkmal. Die Hauptrolle sollte ursprünglich Susan Sarandon spielen, die aber zu teuer war. Kathleen Turners Karriere hingegen stagnierte gerade, weswegen Waters erstmals mit einem "echten" Hollywood-Star arbeiten konnte. Die Freude über diese Besetzung ist dem Film in jeder Minute anzumerken, und die wundervolle Turner, die nichts mehr zu verlieren hatte, gibt alles, um die durchgeknallte Vorort-Mama so verrückt wie möglich zu gestalten und dabei immer sympathisch zu bleiben. Wenn sie den untreuen Ex ihrer Tochter aufspießt und angewidert ein Stück seiner Leber entfernt, das an der Mordwaffe hängen geblieben ist, oder wenn sie die trutschige Nachbarin Dottie Hinkle (Waters-Veteranin Mink Stole) mittels anonymer Anrufe mit wüsten Schimpfwörtern bombardiert ("Pussy-Face" ist mein Favorit), weil diese es wagte, ihr einen Parkplatz vor der Nase wegzuschnappen, da geht einem das Herz auf. Dafür muss man Beverly Sutphin und Kathleen Turner lieben.

John Waters, der seinen Ruf mit anarchistischen Underground-Grotesken zementierte und sich Mitte der 80er immer mehr in Richtung Mainstream bewegte, schafft in SERIAL MOM die perfekte Verbindung von Hollywood- und Anti-Hollywood-Kino. Sein Film ist gewohnt derb, roh, geschmacklos und blutig, glänzt aber mit guten Production Values, hochklassigem Soundtrack und Stars, die sich neben den üblichen Waters-Verdächtigen (Ricki Lake, Mink Stole) in Nebenrollen tummeln. Einen gelungenen Gastauftritt hat Suzanne Somers (die dumme Blondine aus "Three's Company" und Teleshopping-Millionärin), die während der Gerichtsverhandlung auftritt und die Rolle der mordenden Beverly in einer Mini-Serie spielen soll. Und kurz vor Schluss bekommt Patricia Hearst (ja, die Patricia Hearst - wer sie nicht kennt, bitte googeln) ihre obligatorische Waters-Gastrolle, ironischerweise als Geschworene im Prozess gegen Beverly, die natürlich auf Freispruch plädiert und von Beverly vermöbelt wird, weil sie weiße Schuhe nach dem 'Labour Day' trägt. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss die Konsequenzen tragen.

Neben allem schwarzhumorigen Spaß (und Anspielungen auf Trash-Klassiker wie "Andy Warhols Frankenstein", 1973) bearbeitet John Waters aber auch ein durchaus anspruchsvolles Thema, in diesem Fall die Besessenheit der amerikanischen Bevölkerung mit Serienkillern und den von Andy Warhol beschriebenen '15 Minuten Ruhm', hinter denen jeder her ist. Waters erklärte selbst, dass es nur in einer oberflächlichen Pop-Kultur wie der amerikanischen möglich sei, Verbrecher zu Medienstars zu machen. Während der Gerichtsverhandlung im letzten Akt kommen etwa die Opfer überhaupt nicht mehr zur Sprache, während Turners Beverly sowohl im Blitzlichtgewitter steht als auch Unmengen an Fürsprechern findet, obwohl ihre (Un-)Taten bewiesen sind. Fans bitten um Autogramme und Widmungen "für die zukünftige Serial Mom", was bedeutet, dass die irre Beverly nicht nur Anhänger, sondern auch Nachahmer inspiriert. Wenn es keine positiven Helden mehr zu verehren gibt, nimmt man eben die negativen. Beverly selbst hat ein signiertes Foto von Serienkiller Richard Speck unterm Bett.

Diese scharfsinnige Analyse gelingt Waters hervorragend, und die Häme, die er über Medien und Öffentlichkeit ausschüttet, ist mir hundertmal lieber als die Hysterie von Oliver Stones - im selben Jahr entstandenen - "Natural Born Killers" (1994), dessen ähnliche Botschaft nach hinten losgeht. Für Waters sind die Serienkiller und vor allem deren Jünger nur lächerliche Ausgeburten einer kranken Gesellschaft, die man für Freiheit und Demokratie in Kauf nehmen muss. Und so lange Muttis Auflauf schmeckt, ist doch alles in Ordnung.

Waters, dessen Herz immer für die gesellschaftlichen Außenseiter und gegen jede Form von Autorität und Bevormundung schlägt, singt mit SERIAL MOM auch ein Loblied auf das jugendliche Recht auf Splatter-, Trash- und Erotikfilme. Die unfreundliche Nachbarin, die sich Disneys "Annie" (1982) anschaut und sich dazu von ihrem Hund die Füße lecken lässt, kriegt dafür eins mit der Lammkeule übergebraten, und wenn Polizei und Nachbarschaft ins Schlafzimmer des jungen Justin Whalin einbrechen, der sich gerade unter der Bettdecke bei einem Busenfilm - äh, vergnügt, dann ist das nicht nur extrem komisch, sondern auch ein Kommentar auf staatliche Zensurstellen, die ins Private eingreifen und am liebsten noch unterm Bett herumschnüffeln würden.
Darüber hinaus sind kleinstädtische Spießigkeit, Doppelmoral und die verlogene Welt der angeblich 'heilen (und heiligen) Familie' Zielscheiben für Hohn und Spott. Bis heute glauben übrigens viele, der Film basiere auf wahren Begebenheiten, wie es eine Schrifttafel zu Beginn erklärt. Das ist natürlich reinster Unfug, zeigt aber, dass a) wir immer bereit sind, zu glauben, was uns Filme erzählen, und dass b) solch eine absurde Geschichte in einer medienbesessenen Gesellschaft wie unserer tatsächlich denkbar ist.

Das Massenpublikum hatte erwartungsgemäß einige Schwierigkeiten mit dieser boshaften, blutigen Satire, dennoch war SERIAL MOM für John Waters ein großer Erfolg. Interessanterweise erhielt er überwiegend negative Besprechungen (weil er den Finger doch zu tief in die Wunde legte?), genießt mittlerweile aber den ausgezeichneten Ruf als eines von Waters' besten Werken. Zu Recht.

10/10


Da klebt noch was...
Kathleen Turner nach erfolgreicher Arbeit in "Serial Mom"


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