Dienstag, 27. Dezember 2011

Polyester (1981)

Bevor John Waters mit "Hairspray" (1988) vom Underground zum Mainstream wechselte, inszenierte er mit POLYESTER (Polyester) eine Art Übergangsfilm, der schrill und geschmacklos ist wie seine frühen Werke, dabei aber auf besonders abstoßende Momente verzichtet und daher auch von Zuschauern goutiert werden kann, die weniger experimentelles Kino gewohnt sind. Hauptdarsteller(in) Divine muss hier keine Hundehaufen essen oder sich von gigantischen Hummern vergewaltigen lassen, sondern darf in bester Crawford-Tradition leiden, leiden und nochmals leiden.

Divine spielt in POLYESTER die verzweifelte Hausfrau Francine Fishpaw, deren vermeintlich friedliches Familienleben nach und nach zerbröselt. Ihr Ehemann (David Samson) betreibt ein Pornokino und hat eine Affäre mit seiner billigen Sekretärin (Waters-Stammschauspielerin Mink Stole im Bo Derek-Look), die gemeinsame Tochter zieht als hysterisches Flittchen durch die Gegend, und der drogensüchtige Sohn belästigt fremde Frauen, indem er ihnen auf die Füße tritt - was ihm einen sexuellen Kick verschafft, und weswegen er von der Polizei gesucht wird (als der "Baltimore Foot Stomper"). Francines ehemalige Hausangestellte (Edith Massey) führt nach einer Erbschaft ein Leben im Luxus und ist die einzige Freundin, die ihr geblieben ist. Als Francine sich in den attraktiven Todd Tomorrow (Tab Hunter) verliebt, ahnt sie nicht, dass er ein hinterhältiges Spiel treibt, welches zu Mord und Totschlag führt...

Viele Regisseure haben sich an einer ätzenden Satire über den 'American Way of Life' versucht, aber John Waters ist der ungekrönte König dieses Subgenres. In POLYESTER versucht er hingegen weniger, sein Publikum mit grotesken Scheußlichkeiten zu schockieren als es zum Lachen zu bringen. Neben den typisch schrägen Figuren gibt es jede Menge Dialogwitz ("Kürzlich eine interessante Toilette geschrubbt?") und skurrile Ideen - wie die Outfits von Edith Massey, die als White Trash mit kaputten Zähnen in eleganten Tennis-Outfits bei Divine vorbeischaut. Divine hingegen liefert eine echte schauspielerische Glanzleistung als gedemütigte Hausfrau ab.

Man braucht eine Weile, bis man erkennt, dass Waters hier ein lupenreines, klassisches Frauen-Melodram entwirft und gleichzeitig parodiert - eins, in dem Joan Crawford oder Lana Turner die Hauptrolle spielen und Douglas Sirk Regie führen würde. Waters zitiert die Vorbilder (inklusive 50er-Kostüme und farbenfroher Fotografie) und findet in der Überspitzung den bösartigen Witz. Wenn Divine sich in den abgetakelten Aufreißer Tab Hunter verliebt, beide in Zeitlupe durch den Herbstwald frohlocken und Pferde füttern (siehe unten), dann ist das nicht nur wegen der Besetzung schreiend komisch (Tab Hunter war der Frauenschwarm der 50er, der sich 2005 zu seiner Homosexualität bekannte), sondern weil Waters die filmischen Klischees ins Extrem treibt. Das Laub fällt stimmungsvoll wie in "In den Wind geschrieben" (1956), aber was bei Sirk noch berührt und bewegt, wird von Waters gnadenlos als banal entlarvt. Seine Liebe für diese Art Genrekino aber bleibt ungebrochen. Das ist subversives Kino vom Feinsten. Dazu gehört auch die Sequenz, in der Divine mit Freundin Massey ein Picknick im Wald veranstaltet, wo nach übertriebener Freundschaftsbekundung und Naturbewunderung eine Horde Ameisen über das Picknick herfällt und sich der schöne Schein in Ekel verwandelt.

Waters, der immer die Gimmicks eines William Castle schätzte, benutzte für die POLYESTER-Vorstellungen einen ganz ähnlichen Werbegag und erfand "Odorama", die Rubbelkarte mit Düften zum Film. Die Zuschauer mussten an bestimmten Filmstellen, die jeweils durch Nummerneinblendungen kenntlich gemacht wurden, ein Feld auf ihrer Karte freirubbeln, um den passen Geruch zur Szene schnüffeln zu können. So kommt das Publikum in den zweifelhaften Genuss, Rosenblüten, Achselhöhlen, Erbrochenes und andere Leckereien zu erschnuppern.

POLYESTER ist der Film, den Francois Ozon mit "Sitcom" (1998) gern gemacht hätte. Waters gibt die Frauenleiden ("Female Trouble" ist ein weiterer Titel aus dem Waters-Oeuvre) seiner Protagonistin der Lächerlichkeit preis und zieht das von Hollywood bis zum Abwinken propagierte Familienidyll in gewohnt bizarrer Weise in den Schmutz. Am Ende aber wird alles gut, weil man sich liebt. Herrlich!

09/10


Glücklich verliebt - Tab Hunter und Divine in "Polyester"

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