Freitag, 9. Dezember 2011

Pioniere in Ingolstadt (1971)

Ein Pionierbautrupp zieht in Ingolstadt ein, um eine Brücke zu bauen, und sorgt für reichlich Aufregung in der Provinz, besonders bei der Damenwelt. Das Dienstmädchen Berta (Hanna Schygulla) verliebt sich in den Soldaten Karl (Harry Baer), der will aber nur Sex und hat schon einige uneheliche Kinder auf seinem Lebenslauf. Fabian (Rudolf Waldemar Brem), der Sohn von Bertas Arbeitgeber, ist in Berta verliebt und macht sich ihretwegen zum Deppen. Die Dorfschlampe Alma (Irm Hermann) macht sich gleich an mehrere Soldaten heran, darunter auch den Feldwebel (Klaus Löwitsch), der sie wie Dreck behandelt Die anderen Frauen verachten Alma dafür, sind aber selbst nicht besser. Eine Brücke aus Holz wird gebaut, aber zwischenmenschliche Brücken gibt es keine.

PIONIERE IN INGOLSTADT entstand nach "Warnung vor einer heiligen Nutte" (1971), der den Schlussstrich unter Fassbinders erste Schaffensperiode zog, gehört aber inhaltlich und formal klar zu den frühen Fassbinder-Werken. Der Film basiert auf dem 1928 verfassten Bühnenstück von Marie Luise Fleisser, das bei seiner Uraufführung einen Skandal verursachte. Fassbinder verlegt das Stück in die Gegenwart, gestattet sich aber durch Ausstattung, Kostüm und Requisite so viele Freiheiten in der zeitlichen Einordnung, dass man nicht wirklich sagen kann, in welchem Jahr man sich befindet. Hanna Schygullas Berta zum Beispiel ist eine moderne Frau, die gegen ihren Dienstherren (Walter Sedlmayr) aufbegehrt und einen eigenen Willen hat, der - wie bei Fassbinder üblich - durch die Liebe gebrochen wird. Am Ende kann sie nur noch heulend im Gras liegen und ihrem davonlaufenden Soldaten nachtrauern. Die Liebe hat sie zu einem Haufen Elend gemacht.
Liebe ist ohnehin nicht möglich in dieser Umgebung. Die Soldaten haben alle romantischen Gefühlsregungen aufgegeben ("Als Mann musst du kalt sein in der Liebe", sagt Pionier Günther Kaufmann zu seinem Kollegen Harry Baer) und stapfen als emotionale Schlafwandler durch die Szenerie. Sie saufen, prügeln sich und suchen nach sexueller Entspannung. Die Frauen suchen Liebe, Absicherung oder einen Ausbruch aus der täglichen Langeweile, finden aber alle nicht, was sie suchen.

Das ist kein schönes Bild von der idyllischen Provinz, das Fleisser und Fassbinder da zeichnen, und ebenso spröde und kalt ist auch die Inszenierung. Die Kamera bleibt zumeist steif und unbeweglich, die Schauspieler (das Ensemble des 'antiteaters') agieren ebenso. Hanna Schygulla sieht spektakulär gut aus in ihrem Minikleid, Irm Hermann sorgt als kesses Flittchen für die lebendigsten Momente. Klaus Löwitsch wird als Feldwebel mit Macho-Komplex von Fassbinder persönlich synchronisiert, und Harry Baer besitzt die jugendliche Schönheit eines Stummfilmstars vom Schlage John Gilberts. Tatsächlich erinnert die erste Begegnung von Baer und Schygulla an Clarence Browns Stummfilmklassiker "Es war" (Flesh and the Devil), mit Gilbert und Greta Garbo, der interessanterweise aus dem Jahr 1926 stammt - das Jahr, in dem die Handlung von Fleissers Bühnenstück angesiedelt ist. Hier wie dort wird zwischen den Protagonisten bei ihrer ersten Begegnung ein Streichholz entzündet. Während es bei Brown die romantische Liebe entfacht, verglüht es bei Fassbinder sofort und wird achtlos weggeworfen.

Fassbinder konzentriert sich in INGOLSTADT auf die artifizielle Sprache Fleissers, die einige tiefsinnige Dialoge der Desillusionierung und Entmenschlichung verfasst hat. Eine Geschichte erzählt er nicht, auch die dramatische Zuspitzung bleibt unbefriedigend. Dennoch sind die Themen immer noch frisch - man staunt, wie scharfsinnig Frau Fleisser bereits 1928 die Unmöglichkeit der Liebe und die Geschlechterrollen beobachtet hat. Dass Dienstherren wie selbstverständlich sexuelle Bereitwilligkeit von Angestellten erwarten, Männer sich nicht trauen, Gefühle zu zeigen, weil sie vor ihren Kumpels wie Idioten dastehen könnten, und dass weibliche Solidarität nur so weit reicht, bis man sich bei der Männerwahl ins Gehege kommt (und darauf von den Freundinnen nur noch als "Sau" tituliert wird, wenn man es wagt), daran hat sich nichts geändert. Fassbinder und Fleisser zeigen ein ritualisiertes Dasein von Männern und Frauen, die in ihren Konventionen gefangen sind und alle nicht aus ihrer Haut können. Mitgefühl wird aber nicht verlangt oder erwartet.

PIONIERE IN INGOLSTADT wurde für das ZDF produziert und 1971 im Fernsehen ausgestrahlt. Der Film gilt mehr oder weniger als zu vernachlässigende Fingerübung Fassbinders, die man nur gesehen haben sollte, wenn man sich für das Gesamtwerk des Regisseurs interessiert. Die sprachliche Kunst und die Darsteller machen ihn immer noch sehenswert. Ich mag ihn.

07/10

Das erste Rendezvous - Hanna Schygulla und Harry Baer
"Pioniere in Ingolstadt" (1971)

Das erste Rendezvous - Greta Garbo und John Gilbert
"Flesh and the Devil" (1926)


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