Dienstag, 6. Dezember 2011

Mutter Küsters' Fahrt zum Himmel (1975)

Emma Küsters (Brigitte Mira) steht vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens. Ihr Ehemann Hermann hat an seinem Arbeitsplatz - einer Reifenfabrik - einen Mord begangen und sich dann selbst getötet, nachdem er von geplanten Massenentlassungen hörte. Die Presse stürzt sich auf die bedauernswerte Emma, die nicht weiß, wie ihr geschieht. Der Sohn (Armin Meier), ein Metzger, fährt lieber mit seiner schwangeren Frau (herrlich zickig: Irm Hermann) in den geplanten Urlaub, als Mama beizustehen. Emmas Tochter Corinna (Ingrid Caven) sieht in der Tragödie ihre Chance, die eigene Karriere als Nachtclubsängerin voranzutreiben, indem sie sich an den Reporter Niemeyer (Gottfried John) heranmacht. Von allen allein gelassen, findet Emma nur Verständnis bei einem netten Ehepaar (Karlheinz Böhm und Margit Carstensen), das sich um sie kümmert, doch auch diese beiden haben eigene Pläne. Sie brauchen für ihre Partei, die DKP, ein Vorzeigeschicksal wie das von Emma, um Mitglieder zu werben und auf sich aufmerksam zu machen. Emma tritt in die Partei ein, wird aber wieder nur enttäuscht. Schließlich wendet sich ein linker Anarchist (Matthias Fuchs) an Emma, mit dem Vorschlag, durch einen Terrorakt zu Ehren ihres toten Gatten die Gesellschaft aufzurütteln...

Inspiriert vom sozialkritischen Filmdrama "Mutter Krausens Fahrt ins Glück" von 1929 inszenierte Rainer Werner Fassbinder MUTTER KÜSTERS' FAHRT ZUM HIMMEL, eine Glanzrolle für die wunderbare Brigitte Mira, die hier wie in "Angst essen Seele auf" (1974) eine schlichte, warmherzige und extrem liebenswerte Protagonistin spielen darf und dem Zuschauer sofort ans Herz wächst. Fassbinder wurde oft als einer der politischsten Filmemacher der Bundesrepublik bezeichnet, doch schießt er nur satirische und bittere Spitzen in alle Richtungen (ähnlich wie in dem späteren "Die dritte Generation", 1979), während sein Interesse in erster Linie der privaten Tragödie gilt. Alle Handlungen von Emma geschehen aus Einsamkeit, dem Wunsch, mit jemandem zu sprechen, sich anzuvertrauen. Von den erwachsenen Kindern erhält sie weder Liebe noch Unterstützung, weil alle nur an sich denken. Fassbinder bezeichnete sich selbst als "romantischen Anarchisten", wenn er nach seiner politischen Ausrichtung gefragt wurde, das kommt in MUTTER KÜSTERS gut zum Ausdruck.

Fassbinders Satire richtet sich auch gegen den klassischen Familienverbund, der den Menschen angeblich Halt in der Not geben soll, in dem aber vor lauter Neid, Missgunst, Desinteresse und Egoismus nur Kälte herrscht, die das Unglück verschlimmert. Als wäre der Tod des Mannes noch nicht schlimm genug, muss Emma nun auch noch mitansehen, wie sich die Kinder von ihr abwenden. So ist Mutter Küsters ein williges Opfer für Manipulationen von allen Seiten. Nachdem sie der DKP beigetreten ist, erklärt sie bei einer Versammlung, dass sie von Politik nichts versteht und nur Menschen gesucht hat, die ihr mal zuhören, bei denen sie sich aufgenommen fühlt. Man möchte gar nicht genau wissen, auf wie viele Mitglieder - egal welcher Partei - das zutrifft. Man ahnt es.

Die politische Linke fühlte sich vom Film dann auch umgehend denunziert. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Fassbinder hier den Kommunisten vorwirft, sich nicht besser als die Boulevardpresse zu verhalten, die auch nur nach Opfern für ihre Zwecke sucht. Ebenfalls interessant ist die Besetzung des Kommunisten-Ehepaars mit Karlheinz Böhm und Margit Carstensen, die zuvor in Fassbinders "Martha" (1974) ein sadomasochistisches Ehepaar spielten. Von denen ist weder Glück noch Wärme zu erwarten, da braucht es gar keine Erklärungen. Fassbinder vertraut auf den Wiedererkennungseffekt. Es sind diese Querverweise und Anspielungen, die Fassbinders Gesamtwerk immer wieder so faszinierend machen.
Zusätzlich gibt er die Kommunisten noch der Lächerlichkeit preis. Wenn Böhm und Carstensen der armen Brigitte Mira ihre kommunistischen Ideale näher bringen, geschieht das in ihrer noblen, mit kostbaren Antiquitäten ausgestatteten Wohnung. Der Tee wird in Silberkannen serviert, die Manieren sind perfekt. In Mutter Küsters wird nicht etwa ein politisches Bewusstsein geweckt. Sie wird nur aufgrund der Enttäuschungen immer verbitterter.

Neben Brigitte Mira glänzt vor allem Ingrid Caven in einer ihrer besten Fassbinder-Rollen. Als aufreizende Barsängerin weiß sie genau, was sie will, lässt sich medienwirksam als trauernde Tochter am Grab des Vaters von der schönsten Seite fotografieren und hier und da ihren nackten Busen aus dem Dekolleté rutschen. In ihren eleganten Kostümen scheint sie direkt aus einem Douglas Sirk-Melodram zu kommen, aber dafür ist sie viel zu wahrhaftig.

Gegen Ende der Dreharbeiten ging Fassbinder das Geld aus, weswegen die letzte Sequenz, in der eine Protestaktion von Emma in einem Gewaltakt eskaliert, lediglich in Form von Texttafeln über eingefrorenen Bildern zu sehen ist. Da Fassbinder schon zu Beginn den Amoklauf und Selbstmord des Ehemannes Hermann ins Off legt und diesen lediglich über die Nachrichten verkünden lässt, schließt sich hier formal durchaus der Kreis, denn dies ist keine Geschichte über Mord und Totschlag, sondern die Tragödie einer Hausfrau. Für den amerikanischen Markt drehte Fassbinder allerdings ein alternatives Ende, in dem Emma eine Sitzblockade veranstaltet, von ihren Mittätern (wieder mal) allein gelassen wird und sich einem Hausmeister anschließt, der ein gutes Herz zu besitzen scheint und für sie 'Himmel und Erde' kocht. Damit hat Emma endlich einen Ausweg aus ihrem Kummer gefunden und braucht keine Partei mehr, um sich zugehörig zu fühlen. Wirklich gelernt hat sie in beiden Fällen nichts.

Fassbinder gelingt die Balance zwischen Sozialdrama, Tragödie und Satire in MUTTER KÜSTERS' FAHRT ZUM HIMMEL perfekt. Sein Film ist ebenso ergreifend wie komisch, scharfsinnig und intelligent, er hat ein soziales und politisches Bewusstsein und ist wunderbar gespielt. Für mich eines von Fassbinders besten Werken.

09/10

Glamour im Arbeitermilieu -
Ingrid Caven als Corinna in "Mutter Küsters' Fahrt zum Himmel"


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