Dienstag, 20. Dezember 2011

Hairspray (1988)

Baltimore, 1962, die Zeit schrill-bunter Kostüme und turmhoher Frisuren. Das gehänselte Pummelchen Tracy Turnblad (Ricki Lake) liebt die lokale TV-Tanzshow "The Corny Collins Show", in der die hübschen Teenager der Stadt zu den aktuellen Charthits tanzen und zu Idolen der Jugend werden. Gegen den Willen ihrer Mutter (Divine) bewirbt sich Tracy selbst bei der Show, wird über Nacht zum umjubelten Star und verliebt sich in einen Traumboy (Michael St. Gerard). Als Tracy bewusst wird, dass schwarzen Teenagern der Zugang zur Show verwehrt wird, entwickelt sie dazu ein politisches Bewusstsein und kämpft für die Aufhebung der Rassentrennung. Das gefällt weder dem rassistischen Senderboss (wieder Divine) noch der goldlockigen, durch Tracy in den Hintergrund gedrängten Schönheit Amber (Colleen Fitzpatrick), die mit Hilfe ihrer verrückten Eltern einen Bombenanschlag auf die übergewichtige Tanz-Queen startet...

Wenn sich ein subversiver Filmemacher mit eigener Fangemeinde und ultra-trashigen Underground-Werken, in denen er die Grenzen des guten Geschmacks austestet, plötzlich dem Mainstream zuwendet und einen jugendfreien, kunterbunten Film für die ganze Familie inszeniert, verliert er normalerweise viele seiner Anhänger. John Waters aber sind die meisten treu geblieben, so wie der Regisseur sich selbst in HAIRSPRAY (Haispray) treu geblieben ist.
HAIRSPRAY
besitzt trotz aller Gute-Laune-Stimmung und einem hohem Kuschelfaktor so viel skurrilen Witz, böse Ironie und schräge Figuren, dass man eine allgemeine Harmlosigkeit gerne in Kauf nimmt bei so viel liebevoller Nostalgie.

HAIRSPRAY
ist kein Seelen-Ausverkauf an den Massengeschmack, sondern eine durch und durch persönliche Liebeserklärung an die eigene Jugend, an die Heimatstadt Baltimore (mit der Waters eine Hassliebe verbindet), an die "Buddy Deane-Show", die er als Teenager täglich schaute, sowie die Hits und Tänze der 60er. Seine Helden sind die Übergewichtigen, die Außenseiter, die Unterdrückten, seine Protagonistin Tracy - wunderbar in ihrer ersten Rolle von Ricki Lake gespielt - entschuldigt sich bei niemandem für ihr Aussehen, erobert die Tanzfläche und die Herzen der Zuschauer (und des Traumprinzen) und sorgt für ein freieres, toleranteres Baltimore. Sie muss weder abnehmen, um am Ende geliebt zu werden, noch muss sie ihr Leben ändern. Lächerlich sind bei Waters immer nur die 'Akzeptierten', die Rassisten, die Schönheitsköniginnen, die konservativen Eltern. Wenn die Mutter von Tracys Freundin ins "Negerviertel" fährt und sich dort hysterisch an ihre Handtasche klammert, weil jeder Schwarze natürlich ein Straßengangster sein muss, dann wird man das Gefühl nicht los, diese Szene könnte sich heute noch genau so überall abspielen. Und dass die Elterngeneration stets die Musik der Kinder ablehnt, war schon immer so und wird auch immer so sein.

Damit man neben allem Spaß nicht vergisst, dass man es mit einem John Waters-Film zu tun hat (wie könnte man?), muss eben auch mal eine Ratte über Tracys Füße huschen ("Ist das nicht romantisch hier?"), und die blonde Schönheit darf sich zünftig auf dem Rummelplatz übergeben. Hauptsächlich ist es aber die Besetzung, die dem Film den Waters-Stempel aufdrückt. Sein Lieblings-Star Divine darf gleich eine Doppelrolle spielen (Divine wollte ursprünglich Mutter und Tochter Turnblad spielen und war etwas eifersüchtig auf den Neuling Ricki Lake) und bekommt Jerry Stiller ("Seinfeld") als Ehemann, die konservativen Eltern von Tracys Konkurrentin werden ausgerechnet von den Pop-Ikonen Sonny Bono und Deborah Harry gespielt. Michael St. Gerard, der danach in mehreren Filmen Elvis verkörperte, ist ein perfekter Mädchenschwarm (und bekommt seinen Joan Crawford-Moment, wenn er nach einer Massenschlägerei mit 'verkrüppelten' Beinen auf die Kamera zukriecht und verzweifelt nach Tracy ruft), und als wäre das noch nicht genug, zeigt Film- und Popsternchen Pia Zadora als Beatnik ("Let's get naked and smoke!") hier die beste Leistung ihrer ganzen Karriere (und das will was heißen! - siehe "The Lonely Lady", 1982).

John Waters selbst gönnt sich einen Auftritt als Psychiater, der Tracys Freundin per rotierender Hypnosescheibe und Elektroschocker davon abhalten will, sich in einen Schwarzen zu verlieben. HAIRSPRAY ist ein Film, der mit dem Vorspann (in dem es mehr zu lachen gibt als in kompletten anderen Filmen) umgehend in die Beine und ins Herz geht, der sofort gute Laune macht, und dessen Laufzeit wie im Flug vergeht.
Als John Waters 2002 gefragt wurde, ob er etwas dagegen hätte, dass HAIRSPRAY die Vorlage zu einem Broadway-Musical wird, erklärte er, dass dies eine ganz wundervolle Nachricht sei, wie oft sieht man schon einen Broadway-Hit mit dicker Heldin? -
So lieben wir ihn!

10/10


Eine schrecklich schräge Familie - Divine und Jerry Stiller in "Hairspray"

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