Freitag, 16. Dezember 2011

Flucht aus L.A. (1996)

15 Jahre vergingen, bevor John Carpenter endlich seinen Kulthelden Snake Plissken (Kurt Russell) zurück auf die Kinoleinwand schickte. Wie so oft, wenn eine Fortsetzung lange auf sich warten lässt, fiel diese dann eher enttäuschend aus, kann aber zumindest mit viel Action, Ironie und trashigem Charme aufwarten.

Wir befinden uns im Jahr 2013 (damals ein futuristisches Setting). Nach einem gigantischen Erdbeben samt Flutwelle hat sich Kalifornien vom Rest des Kontinents abgespalten und dient nun als Insel für Strafgefangene. Ein Revolutionär (Georges Corraface) entführt die Tochter des US-Präsidenten und mit ihr eine Superwaffe, mit der man die Elektronik kompletter Staaten auslöschen und diese damit in die Steinzeit zurückbefördern kann. Snake Plissken (Russell) wird erneut in die Höhle des Löwen geschickt, um die Waffe an sich zu bringen und das mittlerweile gehirngewaschene Präsidenten-Töchterlein auszulöschen. Dafür hat er zehn Stunden Zeit. Ein sich langsam in seinem Körper ausbreitendes Gift soll dafür sorgen, dass er sich beeilt. Die Kamikaze-Aktion kann beginnen...

Obwohl FLUCHT AUS L.A. (Escape From L.A.) zu keiner Zeit die Klasse des Originals erreicht, gelingt John Carpenter wenigstens ein rundum unterhaltsamer Popcorn-Streifen, in dem neben einiger Action auch viel gelacht werden darf - sowohl mit dem Film als auch über den Film (ganz besonders über einige haarsträubend schlechte Special Effects, die von Jahr zu Jahr absurder werden, je schneller die technische Entwicklung voranschreitet). Für das Sequel stand ihm nicht allzu viel Geld zur Verfügung, aber Carpenter macht das Beste daraus und sorgt für jede Menge Selbstironie. Handlungsmäßig folgt er dabei sklavisch dem Vorgänger und ersetzt jeden Einfall der "Klapperschlange" (1981) durch eine Variation. Aus dem Gladiatoren-Zweikampf wird ein Basketballmatch, aus dem brisanten Tape eine Superwaffe, aus der Dynamit-Kapsel das Nervengift, statt per Flugzeug wird Snake per U-Boot ins Ziel geschossen, etc., etc.
Sogar Details wie die Begegnung Plisskens mit einer unbekannten Schönen (damals Season Hubley, jetzt Valeria Golino) im ersten Akt werden kopiert. Diese Vorgehensweise bietet für den Fan natürlich den ständigen Wiedererkennungseffekt, auf der anderen Seite aber fordert Carpenter dadurch immer wieder den Vergleich heraus, und der fällt nicht zu Gunsten der Fortsetzung aus.

Obwohl das Ende von FLUCHT AUS L.A. weitaus nihilistischere Töne anschlägt als das Original, wirkt der Film im Ganzen sehr viel lockerer und heiterer. Die düstere, atemberaubende Spannung des Vorgängers weicht einem bissig-satirischen Ansatz, der Carpenter viel Gelegenheit bietet, mit Amerika und speziell Hollywood und Los Angeles abzurechnen. Der erzkonservative Präsident (Cliff Robertson) etwa fühlt sich von Gott berufen und ist ohne Zögern bereit, seine Tochter töten zu lassen, die sich in bester Patty Hearst-Manier in den Revoluzzer verliebt. In den Katakomben der Stadt leben die Opfer schief gegangener Schönheitsoperationen, die von einem plastischen Chirurgen (Bruce Campbell) mit Frischfleisch versorgt werden - eine geradezu prophetische Szenerie, in der alle durch Makeup entstellten Gesichter exakt so aussehen wie die meisten heutigen Hollywood-Stars...
Los Angeles liegt zwar in Schutt und Asche, aber "Map to the Stars" Steve Buscemi (in einer etwas nervigen Nebenrolle, von der man sofort weiß, dass sie ein doppeltes Spiel spielt) macht immer noch Führungen zu den Villen, bzw. Ruinen der Prominenz. Ein alter Weggefährte Snakes hat sich mittlerweile in eine Frau verwandelt und wird von Pam Grier gespielt, spricht aber noch mit männlicher Stimme. Vor diesen Ecken und schrillen Kanten wimmelt es geradezu im Film. Dass ausgerechnet das "Sündenbabel" Kalifornien durch eine biblische Flutwelle vom 'anständigen' Rest der Nation angekoppelt wurde, ist ein wunderbarer Einfall.

Die Fülle an Ideen ist absolut bemerkenswert, und dem Ensemble aus B-Ikonen sieht man die Spielfreude in jeder Minute an. Das gilt vor allem für Kurt Russell, dessen schweigsames Gehabe manchmal arg bemüht wirkt, der aber im besten Mannesalter noch für ordentlich Action sorgt und körperlich extrem gut beieinander ist. Die Lederkluft ist Geschmackssache, aber dass er zu Beginn noch sein Outfit aus der "Klapperschlange" trägt, das er offenbar in 15 Jahren nie abgelegt hat, sorgt für einen Schmunzler. Neben Russell überzeugt besonders Stacy Keach als rechte Hand des Präsidenten, und Russells Stelldichein mit Peter Fonda, mit dem er gemeinsam auf einer Flutwelle durch L.A. surft, muss man gesehen haben, um es zu glauben.

War Donald Pleasence im Original als Präsident noch eine Witzfigur, wird er von Cliff Robertson und Carpenter als zwar ebenso dumm und verlogen, aber deutlich gefährlicher angelegt. Und in Zeiten, in denen sogar Hollywood-Immigranten wie etwa Roland Emmerich oder Wolfgang Petersen den amerikanischen Hurra-Patriotismus in ihren Actionkrachern auf penetranteste Art und Weise feierten, ist es schön zu sehen, dass ein Carpenter immer noch keinerlei Respekt vor irgendwelchen Amtsinhabern und Würdenträgern hat.

Formal kann man - abgesehen von den veralteten Effekten - Carpenter nichts vorwerfen. Schon die Vorspannsequenz, zu der das modernisierte Musikmotiv der "Klapperschlange" hämmert, ist ein Grund zur Freude bei jedem Fan. Dafür hapert es gewaltig mit der Spannung, die nur rudimentär vorhanden ist. Wirklich fesselnd ist der Film nie, und der finale Massenfight schrecklich ermüdend. Carpenters Vorstellung vom Vorgehen der Terroristen (im schicken Che Guevara-Look) stammt noch aus Hitchcocks Zeiten. Die Schlusspointe ist dafür wieder äußerst gelungen.

Unterm Strich ist FLUCHT AUS L.A. für Carpenter-Fans natürlich ein Muss und funktioniert am besten mit heruntergeschraubten Erwartungen. Wer sich auf eine zweite "Klapperschlange" freut, dürfte schwer enttäuscht werden. Wer buntes, aber nie blödes B-Kino mit einem coolen Typen in der Hauptrolle erwartet, kriegt (einigermaßen), wofür er bezahlt. Eine Rückkehr zu alter Form aber sieht anders aus, und ein paar erzählerische Freiheiten oder Überraschungen hätten mir besser gefallen als eine schlichte Kopie. An den Kinokassen war Carpenters Sequel nicht sonderlich erfolgreich, möglicherweise kam es einfach zu spät.

05/10

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