Montag, 12. Dezember 2011

Der Schlitzer (1980)

Wenn die beliebtesten Filmpsychopathen genannt werden, hört man immer wieder Namen wie Anthony Perkins (als Norman Bates) oder Anthony Hopkins (Hannibal Lecter). Selten wird Schauspieler David Hess genannt, der nur einem kleinen Teil des Publikums bekannt sein dürfte. Was die Intensität seines Spiels angeht, steht er den genannten Herren aber in nichts nach. In Wes Cravens "The Last House on the Left" (1972) gab er einen furchterregenden, realen Bösewicht ab, und in Ruggero Deodatos DER SCHLITZER (House On the Edge of the Park) wiederholte er diese Rolle eindringlich.

In DER SCHLITZER spielt Hess den Automechaniker Alex, der in seiner Freizeit Frauen auflauert, sie vergewaltigt und tötet. Als er mit seinem Freund Ricky (Giovanni Lombardo Radice) gerade Feierabend machen will, kommt eine schicke Yuppie-Gang mit einer defekten Limousine in die Werkstatt. Die überheblichen Neureichen finden Gefallen an den ruppigen Mechanikern und laden sie auf eine exklusive Privatparty ein. Dort wollen sie sich über das Proletarier-Pack lustig machen, doch dafür haben sie sich die Falschen ausgesucht. Nach mehreren Demütigungen und Betrügereien zeigt Alex sein wahres Gesicht und startet eine Gewaltorgie, die für alle Beteiligten zur Tortur wird...

Mit "Nackt und zerfleischt" (1980) hat Regisseur Deodato einen der kontroversesten Horrorfilme seiner Zeit inszeniert, und den Erfolg versuchte er im Anschluss mit DER SCHLITZER zu toppen. Wie er selbst sagte, schien ihm das Drehbuch beim ersten Lesen zu verstörend (etwas merkwürdig für jemandem, der gerade einen Kannibalenfilm gedreht hat), aber Darsteller David Hess, der mit "The Last House on the Left" für Aufsehen gesorgt hatte, fand er die richtige Wahl, um dem Psychopathen Alex (sollte das womöglich eine Anspielung auf Kubricks "Uhrwerk Orange" sein?) Gesicht und Körper zu geben. Wie zu erwarten, wurde DER SCHLITZER alles andere als positiv aufgenommen. In England verweigerte man dem Gewaltspektakel eine Freigabe und zog das Video später im Zuge der "Video Nasties"-Kampagne ein. Das gleiche Schicksal widerfuhr ihm auch in Deutschland, wo er sich bis heute auf der Liste der beschlagnahmten Filme findet. Ziel erreicht, würde ich sagen.

Tatsächlich wird auch ein sehr wohlmeinender Rezensent Probleme haben, dem Film positive Aspekte abzugewinnen, denn er baut hauptsächlich auf Grausamkeit, und zwar von allen Seiten. Einen Unterhaltungswert hat DER SCHLITZER kaum, er besteht nur aus einer Abfolge sadistischer Situationen, nachdem in der ersten Hälfte hauptsächlich Langeweile überwiegt. Unangenehm wird es aber erst, als der Film fragwürdiges Terrain betritt und Alex eine Frau vergewaltigt, die - man ahnt es - Lust dabei verspürt. Und wer an dieser Stelle nicht angewidert abschaltet, darf noch zusehen, wie eine Minderjährige zufällig in die Party stolpert und gezwungen wird, sich auszuziehen und mehrere Quälereien mit Rasiermesser über sich ergehen zu lassen. Hier überschreitet der Film dann endgültig sämtliche Geschmacksgrenzen und freut sich drüber. Dass die Misshandelten danach zurückschlagen und selbst grausam Rache an den beiden Psychopathen nehmen, ist zwar nachvollziehbar, aber sehen will man das alles schon lange nicht mehr, zumal sich auch unter den Opfern niemand befindet, den man in irgendeiner Weise sympathisch finden kann.
Das ist deswegen so schwierig, weil der Film zu sagen scheint, dass die Yuppies es im Grunde auch nicht besser verdient haben, immerhin haben sie die beiden dummen Proletarier gereizt und provoziert. Deodato stellt sich trotz dessen Brutalität auf die Seite seines Antihelden Hess und suggeriert, dass dieser zumindest "ehrlich" und unverstellt in seinen Absichten ist und keine Spielchen spielt. Eine fragwürdige Haltung, bei der man sich nicht wundern muss, wenn die Zensurstellen Alarm schlagen.

Mit "Nackt und zerfleischt" hat Ruggero Deodato unter dem Mantel der Medienkritik einen sensationslüsternen und abstoßenden Film gemacht (obwohl ich ein bekennender Horror-und Splatterfilm bin, lehne ich die kurze Welle der Kannibalenfilme aus den späten 70ern/frühen 80ern aus verschiedenen Gründen ab - hauptsächlich wegen der unentschuldbaren Tierquälereien), in DER SCHLITZER ist das gleiche Vorgehen sehr viel durchsichtiger und plumper. Obwohl hier oberflächlich ein Kulturclash stattfindet und das Proletariat gegen das Establishment kämpft (und verliert), sind die Gewaltausbrüche durch nichts gedeckt, und jede Sozialkritik bleibt nur behauptet. Mit der Aussage, dass unter den entsprechenden Umständen jeder zivilisierte Mensch zu Grausamkeiten fähig ist, knüpft er an Cravens Mord- und Rachespektakel "The Last House on the Left an" an (was man überdeutlich am Titel merkt) und versucht, dem Film eine Position zu verleihen, doch das ist alles nur Fassade. DER SCHLITZER will mit möglichst vielen drastischen Szenen möglichst viel Aufmerksamkeit, das ist alles. Von Seiten der Zensurbehörden hat er diese auch bekommen.

Wenn man an DER SCHLITZER überhaupt etwas loben wollte, dann ist das zweifellos David Hess, der einen gemeingefährlichen Brutalo so überzeugend spielt wie kaum ein anderer. Und er hat sichtlich Spaß dabei. Seinen irren, aber sensibleren Kumpel spielt Giovanni Radice (auch bekannt als John Morghen), dessen Charaktere in zahlreichen italienischen Horrorfilmen ein böses Ende nahmen. Ihm wurden u.a. Bohrmaschinen durch den Kopf gejagt ("Ein Zombie hing am Glockenseil", 1981), und er wurde von Kannibalen kastriert und verspeist ("Die Rache der Kannibalen", 1981). Er ist der einzige in DER SCHLITZER, mit dem man so etwas wie Mitleid empfindet, aber vielleicht auch nur, weil seine Figuren in anderen Filmen so viel durchgemacht haben.
Filmisch bewegt sich das alles übrigens auf sehr uninteressantem Niveau. Lediglich der Einstieg, in welchem wir Alex bei einer Autofahrt durch die nächtliche Stadt begleiten, untermalt von einem beunruhigend süßlichen Schlaflied-Popsong, ist einigermaßen atmosphärisch.

Letztlich hat Deodato - nachdem ihm bei "Nackt und zerfleischt" schon subversive Qualitäten unterstellt wurden - mit DER SCHLITZER bewiesen, dass er nicht nur mit sehr abgestandenem Wasser kocht, sondern dass seine Masche, ausufernde Brutalität mit plakativer Polemik zu verbinden, lediglich die Tatsache verschleiert, dass er im Grunde gar nichts zu sagen hat. Und dass der Kaiser schon gar keine neuen Kleider trägt. Ich bin nach wie vor gegen jede Form von Zensur und Filmverbote, aber einen Film wie DER SCHLITZER braucht auch kein Mensch.

03/10

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