Freitag, 23. Dezember 2011

Cry-Baby (1990)

Baltimore, die frühen 50er. Die Teenager der Stadt teilen sich in "Drapes" oder "Squares". Die "Drapes", das sind die coolen Kids in Lederklamotten, mit Tätowierungen und rauen Manieren, angeführt von Heulsuse Wade 'Cry-Baby' Walker (Johnny Depp), der neben dem Rock'n Roll vor allem Alison (Amy Locane), das spießige "Square"-Mädel aus gutem Hause, liebt. Alison hat es satt, brav zu sein, serviert ihren hübschen, aber langweiligen Freund (Stephen Mailer, den ich persönlich jederzeit Johnny Depp vorziehen würde, aber das gehört vermutlich nicht hierher) ab und wechselt die Seiten.
Nach einer Rauferei zwischen den "Drapes" und den "Squares" landet Cry-Baby im Knast, doch, wie sagt schon seine Ziehmutter (Susan Tyrrell): "Seine Musik können Sie nicht einsperren!".

An dieser Stelle stoppen wir die Inhaltsangabe, denn im Grunde ist das, was auf der Handlungsebene passiert, nicht wirklich von Bedeutung. Mit CRY-BABY (Cry-Baby) unternimmt John Waters wieder eine nostalgische Zeitreise und setzt die Idole seiner Jugend zu den Hits der Zeit liebevoll in Szene. Nach dem großen Erfolg von "Hairspray" (1988) rissen sich die großen Studios um das neue Waters-Projekt, und niemals zuvor (oder danach) stand ihm ein ähnliches Budget zur Verfügung. Die Bedingung: CRY-BABY musste komplett jugendfrei sein. Waters nahm es gelassen und besetzte den Teenie-TV-Schwarm Johnny Depp, der sich hier über sein Image herzhaft lustig und einen ersten Schritt in Richtung ernst zu nehmender Schauspieler machen durfte. Um ihn herum versammelte Waters neben seinen Stammschauspielern die schrillsten, interessantesten und kontroversesten Figuren, die er finden konnte, von Porno-Darstellerin Traci Lords über den frisch vom Entzug kommenden Iggy Pop und Warhol-Legende Joe Dallesandro. Patricia Hearst spielte in CRY-BABY ihre erste Rolle in einem Waters-Film und trat seitdem in jedem weiteren auf. Waters' Vorgehen ist heute als 'Stunt-Casting' bekannt, damals aber war diese Art der ungewöhnlichen Filmbesetzung neu.

Anders als in "Haispray" geht es Waters in CRY-BABY nicht um den Kampf der Außenseiter, sondern um gesellschaftliche Klassen. Die "Drapes" gehören der arbeitenden oder kriminellen Unterschicht an, die "Squares" aus wohlhabenden Familien gehen zum Benimmunterricht und veranstalten Talentshows. Da passt natürlich eine 'Romeo und Julia'-Geschichte perfekt ins Bild. Auch wenn dem Film eine gewisse Belanglosigkeit gelegentlich im Weg steht, ist die gute Laune - wie schon in "Haispray" - garantiert. Glücklicherweise gelingt es John Waters, einen harmlosen, jugendfreien Stoff wie diesen zu seinem eigenen zu machen, indem er seine Markenzeichen, ein bisschen Geschmacklosigkeit und unzählige Details aus seiner Jugend einbaut, die den Film dann doch unverwechselbar machen. Einfälle wie das Waisenhaus, in dem die elternlosen Kinder wie in einer Zoohandlung hinter Glas sitzen (mit "Take Me Home"-Schildern) und als billige Haushaltskräfte angeboten werden, findet man eben nur bei Waters.

Leider verlangte das Studio Änderungen nach der Fertigstellung, so dass viele Szenen der Schere zum Opfer fielen, die man aber als 'Deleted Scenes' auf den DVD-Ausgaben findet. Dort kann man auch eine weitere typische Waters-Szene bewundern, in welcher der Jugendrichter (Robert Walsh) aus einem Hubschrauber heraus vollgekotzt wird. Neben der offiziellen Filmversion gibt es übrigens auch noch einen Director's Cut (in den USA und UK auf DVD erschienen, bei uns leider nicht).
Neben den knallbunten Kostümen und Sets ist es natürlich auch die Musik, die für die gute Stimmung sorgt. Die Originalnummern wurden für den Film neu eingespielt und eingesungen, die Texte leicht geändert, damit sie zur Handlung passen, und ein paar neue wurden ebenfalls geschrieben. Die Darsteller singen nicht selbst, ihre Lippensynchronität (für die es speziell einen Trainer gab) ist aber so makellos, dass man der filmischen Illusion sofort erliegt. Waters parodiert in CRY-BABY Musicals wie "Grease" (1978), verweist aber auch auf zahllose Klassiker wie "Gilda" (1946) oder "Denn sie wissen nicht, was sie tun" (1955), formal nimmt er dazu die Elvis-Filme auf die Schippe.
Filmdramen über jugendliche Kriminelle waren ein eigenes Subgenre der 50er. Sie drückten weniger das Freiheitsbedürfnis der Teenager aus als die Besorgnis der Erwachsenen, die mit Filmen wie "Live Fast, Die Young" (1958, aus dem sich Waters Hauptdarsteller Troy Donhahue geborgt hat) vor der Verrohung ihrer Kinder warnten. So wie es Polly Bergen in CRY-BABY als Leiterin der Benimmschule ausdrückt: Die können unmöglich gesund sein!"
Aus heutiger Sicht wirkt die 50er-Teenager-Rebellion mehr als nur ein bisschen naiv, und so benehmen sich auch alle Rowdies und Kriminelle in CRY-BABY äußerst höflich und liebenswert.

Im direkten Vergleich mit "Hairspray" schneidet CRY-BABY etwas schwächer ab, weil dem fröhlichen Musical als Satire Ziel und Biss fehlen. Doch als kunterbuntes Familienalbum voller Schönlinge, schräger Vögel und toller Musik kann man CRY-BABY immer wieder genießen. Im Kino war er seinerzeit nicht so erfolgreich wie erwartet (weswegen John Waters auch nie wieder ein ähnlich großes Budget bekam und bis heute keinen Studiofilm mehr machte), was vermutlich daran lag, dass die Johnny Depp-Fans nichts mit dieser skurrilen Parodie und schon gar nichts mit der 50er-Nostalgie anfangen konnten. Dennoch wurde - wie schon bei "Haispray" - ein Broadway-Hit aus dem Film, und heute kennt und mag ihn so ziemlich jeder.

09/10

Die "Drapes" -
Kim McGuire, Darren E. Burrows, Traci Lords, Johnny Depp und Ricki Lake

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