Sonntag, 4. Dezember 2011

Blumen der Nacht (1987)

Die Romanvorlage zu BLUMEN DER NACHT (Flowers in the Attic) von V.C. Andrews, eine Mischung aus Gothik-Melodram und Thriller, war in den USA lange ein Bestseller, weil sie ein Thema aufgriff, das immer noch zu den großen Tabus zählt - Inzest. Eine Verfilmung war bei dem Erfolg des Buches natürlich obligatorisch. Da es sich aber um eine amerikanische Produktion handelt, wurde das brisante Thema wohlweislich umgangen - weswegen der Film weder große Ähnlichkeiten mit dem Roman aufweist noch als eigenständiger Thriller sonderlich überzeugen kann. Er war ein Flop mit Ansage. Überrascht?

Worum geht es? Nach dem Tod des Familienvaters zieht die attraktive Witwe Corinne (Victoria Tennant) mit ihren vier Kindern (u.a. Kirsty Swanson) in das abgelegene Landhaus (da ist es wieder!) ihrer Eltern. Weil die Kinder aus einer inzestuösen Verbindung stammen, wurde Corinne vor vielen Jahren von der Familie verbannt. Nun versucht sie, die Beziehung zu ihren streng religiösen Eltern wieder aufzubauen, doch die Kinder muss sie auf Wunsch der Mama vor dem Papa auf dem Dachboden verstecken, während sie selbst Prügelstrafen über sich ergehen lässt. Die Kinder spielen mit, weil sie auf das große Erbe und eine glückliche Zukunft hoffen, sie richten sich eine eigene kleine Welt auf dem Dachboden ein. Doch als zwei von ihnen krank werden, kommt ihnen der Verdacht, dass man sie vielleicht für immer vor der Außenwelt verstecken will...

Ja, da steckt eine Menge Seltsames drin in dieser schmutzigen Geschichte aus dem Süden, die unter der Regie von Michael Haneke ein grimmiger, unangenehmer Film über religiösen Wahn und kranke Familienbande hätte werden können. Da aber Jeffrey Bloom Regie führt, der lediglich ein paar lahme Horror-Filme (wie "Blood Beach", 1980) auf dem Lebenslauf vorzuweisen hat, gerät das ganze Unternehmen in die Schublade "verquaster Blödsinn".
Man muss sich fragen, warum man einen Bestseller verfilmt und dann genau den Teil weglässt, der das Buch überhaupt zum Hit gemacht hat. Als würde man "Jaws" verfilmen, aber ohne den Hai! Zwar deutet der Film Inzest an, aber nur im Dialog und nicht im Bezug auf die dahinvegetierenden Kinder auf dem Dachboden, von denen zwei mitten in der Pubertät stecken und eine körperliche Annäherung zwecks mangelnder Partner von außen durchaus nachvollziehbar wäre. Das hätte man reißerisch oder sensibel angehen können, doch bei der lauwarmen Herangehensweise ist das alles weder Fisch noch Fleisch. Schon albern, dass man in Hollywood nie Probleme hatte, Gewalt ohne Ende und in jeder erdenkbaren Form im Film vorzuführen, aber beim Thema Inzest bekommen plötzlich alle kalte Füße, weil man das "nicht zeigen darf".

Das ist besonders schade, weil BLUMEN DER NACHT technisch und darstellerisch sehr viele Möglichkeiten hergibt. Das Setting ist gut gewählt, und die bombastische Filmmusik von Christopher Young viel zu gut für diesen Thriller. Die hätte er sich für eine bessere Produktion aufsparen sollen. Die Schauspieler sind ebenfalls durch die Bank überzeugend, auch wenn Louise Fletcher, unsere Lieblings-Krankenschwester aus der Hölle ("Einer flog übers Kuckucksnest", 1975), ein bisschen übertreibt als irre Großmama, die die eigene Tochter unter den Augen des Gatten auspeitscht, der süßen Enkelin die blonden Locken abschneidet und womöglich für die langsame Vergiftung der Kinder zuständig ist.

Was den Film aber so unsinnig macht, sind die schiefen Motivationen und vielen Unglaubwürdigkeiten. Die Kinder könnten zum Beispiel locker sowohl die Mama als auch die klapprigen Eltern und den Butler überwältigen, um aus dem Haus zu entkommen, es bleibt aber bei einem Versuch, des nachts das Haus zu verlassen, der von einer Alarmanlage und scharfen Hunden vereitelt wird. Die Kinder sind ohnehin nicht die hellsten und lassen sich über Wochen und Monate auf dem Speicher einsperren, nur weil ihre Mutter ihnen immer wieder vorgaukelt, sie würde erst alles mit ihren Eltern ins Reine bringen wollen (eine Szene, die sich ständig wiederholt, mit den immer gleichen Dialogen).
Selbst als die jüngeren Geschwister krank werden und ihnen auffällt, dass sie alle in letzter Zeit etwas blutarm und gespenstisch aussehen, kommt ihnen nicht der Verdacht, dass man sie vielleicht loswerden möchte, oder dass man eventuell mal den Opa besuchen sollte, um zu fragen ob er noch alle Tassen im Schrank hat. Das Schlimmste aber ist das verhuschte Ende, bei dem offenbar das Geld ausging (neben den Ideen) und das ganze Drama in wenigen Minuten durch einen völlig absurden Stunt beendet ist (für alle, die den Film jetzt noch sehen möchten, verrate ich das "überraschende Ende" nicht, gern geschehen), der nicht nur gar nichts mit der Romanvorlage zu tun hat, sondern auch Hauptdarstellerin Victoria Tennant so wütend machte, dass sie das Set verließ. Offenbar stand in ihrem Drehbuch ein anders Ende. Shit happens.

Neben solchem Quark verblassen leider die wenigen guten Sequenzen, wie der Filmanfang und die gescheiterte Flucht aus dem Haus. Was bleibt, sind noch ein paar makabere Einfälle (der tödliche Puderzucker, die geschaufelten Gräber für die Kinder), die den Film nicht aus der Mittelmäßigkeit herausreißen. Als ich BLUMEN DER NACHT zum ersten Mal 1987 sah, hat er mir aufgrund dieser Ideen ganz gut gefallen, weil die Geschichte im Grunde interessant und ungewöhnlich ist. Heute aber - im gereiften Alter und viele Filme später - kann ich meinen positiven Eindruck kaum noch nachvollziehen. In der Jugend ist man eben leichter zu beeindrucken - was wohl den Erfolg von Michael Bay erklärt.

BLUMEN DER NACHT hätte sowohl als geschmackloser Reißer wie als bitteres Drama funktionieren können. Mit einer weniger als halbherzigen Herangehensweise aber darf man sich nicht wundern, wenn am Ende nichts herauskommt. Die Autorin V.C. Andrews übrigens hat die Premiere des Films nicht mehr erleben können. Vielleicht ein Segen. BLUMEN DER NACHT ist ein gutes Beispiel, wie man es nicht machen sollte.

04/10

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