Freitag, 2. Dezember 2011

Angelockt (1947)

Im nebligen London geht mal wieder ein Frauenmörder um. Kurz vor den Morden erhält die Polizei, angeführt von Inspektor Temple (Charles Coburn), jedes Mal seltsame Gedichte des Täters. Die amerikanische Tänzerin Sandra (Lucille Ball), die mit dem letzten Opfer befreundet war, wird von Scotland Yard angeheuert, als Lockvogel zu fungieren. Da die ermordeten Frauen alle auf eine Kontaktanzeige antworteten und so ihrem Mörder begegneten, wird nun Sandra auf die Partnersuche geschickt, bei der sie unter anderem einem verrückten Modeschöpfer (Boris Karloff) und dem charmanten Nachtclubbesitzer Robert (George Sanders) über den Weg läuft, der sich in sie verliebt. Der Mörder aber hat sie ebenfalls bereits erspäht und plant sein nächstes Verbrechen...

Regisseur Douglas Sirk, der - in Hamburg geboren - unter seinem bürgerlichen Namen Detlef Sierck in Deutschland Filme drehte und dort unter anderem für den Aufstieg Zarah Leanders verantwortlich war, verließ 1937 sein Heimatland aufgrund des Nazi-Regimes und ging zunächst nach Frankreich, dann in die USA. In den 50ern wurde er berühmt für seine farbenfrohen Melodramen ("Solange es Menschen gibt", 1959, "Was der Himmel erlaubt", 1955, "In den Wind geschrieben", 1956), davor arbeitete er in verschiedenen Genres.

ANGELOCKT ('Lured', später geändert in 'Personal Column'), eine Mischung aus Thriller und Screwball Comedy, inszenierte Sirk ein paar Jahre nach seiner Ankunft in Hollywood. Hinter der Kamera stand William Daniels, einer der großen Meister seines Fachs, der schon Greta Garbo fotografierte wie kein anderer. Mit ihm entwirft Sirk das moderne London zwischen einsamen, vernebelten Gassen und lauten Nachtclubs als einen zwielichtigen Ort, an dem sich ein Jack the Ripper immer noch wohlfühlen würde. Geisterhafte Hände werfen Briefe in Postkästen, und Polizisten sind lediglich als Schattenriss erkennbar, wenn sie die Todesgedichte analysieren, die auf eine Leinwand projiziert werden. Das sind wundervoll expressionistische Bilder, die den Werken Siodmaks und Langs in nichts nachstehen.

Mit Lucille Ball stand Sirk eine Hauptdarstellerin zur Verfügung, die später einer der beliebtesten Komikerinnen der USA werden sollte und bereits hier mit scharfem Dialogwitz und selbstbewusster Attitüde (und hinreißenden Kostümen) begeistert. Ihre Sandra Carpenter ist kein hilfloses Opfer, das gegen ihren Willen als Köder benutzt wird, sondern macht beherzt mit bei der Mördersuche, die ihr auch noch die große Liebe beschert. Ob diese Liebe - gespielt vom gewohnt snobistischen, aber sympathischen George Sanders ("Rebecca", 1940) - ein Killer ist, das ist die große Frage, die sich auch Claudette Colbert in Sirks folgendem "Schlingen der Angst" (1948) stellen muss. Interessant ist dabei die Tatsache, dass Sanders mit seinem verschlossenen Assistenten (Sir Cedric Hardwicke, noch ein Hitchcock-Veteran) zusammenlebt und dieser offensichtlich mehr für seinen Boss empfindet. Natürlich befinden wir uns in den 40ern, weshalb es lediglich Andeutungen im Dialog gibt ("Die Tür zwischen unseren Büros war nie verschlossen"). Lucille Balls Sandra ist ein Eindringling in diese Männerbeziehung und spricht das auch aus.
Da passt es auch, dass Horror-Legende Boris Karloff nicht das Monster spielt, sondern einen leicht durchgeknallten Modedesigner, der sich noch immer in der Vergangenheit wähnt und Lucille Ball in festlicher Robe stolz einem nicht vorhandenen Publikum präsentiert. Hier spielt ANGELOCKT augenzwinkernd mit Karloffs Image und sorgt für die unterhaltsamste Sequenz des Films, die in ihrer Mischung aus Spannung und Komik deutlich an Hitchcock erinnert.

Als Thriller hat ANGELOCKT durchaus seine Schwächen, da die Balance zwischen Agatha Christie-Mörderspiel und Screwball nicht immer funktioniert. Im Mittelteil vergisst der Film völlig den Serienmörder und kümmert sich lieber um die Romanze zwischen Ball und Sanders, die als romantische Komödie erzählt wird. Daneben sorgen skurrile Auftritte schräger Nebenfiguren (wie Balls kurzsichtiger Sitznachbar im Konzertsaal, der zu spät kommt, seine Noten auspackt und anfängt, zu dirigieren, bevor er merkt, dass er auf dem falschen Platz sitzt) für reichlich Lacher. Gleichzeitig wird der Krimi-Plot extrem naiv geschildert. So braucht Charles Coburn gerade mal vier Minuten, um Lucille Ball als Lockvogel anzuheuern und steckt ihr auch gleich eine Waffe zu, ohne zu fragen, ob sie eventuell damit umgehen kann. Moralische Vorbehalte gegen eine so dreiste Polizeiarbeit hat auch niemand, und der Polizist, der zu Balls Schutz abgestellt wird, fällt eher in die "Trottel"-Abteilung - auch wenn es einen wunderbaren Moment zwischen ihm und Lucille Ball gibt, in dem sie sich gegenseitig die Waffen entwenden.

Unterm Strich ist ANGELOCKT gute, manchmal spannende, zumeist aber spaßige Unterhaltung mit einer quirligen Hauptdarstellerin und stimmungsvollen Bildern. Ich mag ihn lieber als Sirks "Schlingen der Angst", einen großen Klassiker sollte man aber nicht erwarten.

07/10

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