Samstag, 17. Dezember 2011

Andy Warhols Flesh (1968)

Der junge Stricher Joe (Joe Dallesandro) wird morgens per Kissenschlacht von seiner Frau (Geraldine Smith) geweckt. Er soll nicht den ganzen Tag pennen, sondern zur Arbeit gehen und 200 Dollar ranschaffen, die sie für die Abtreibung einer Freundin benötigt. Nach einem kurzen erotischen Intermezzo in den heimischen Laken macht sich Joe an die Arbeit auf der 42. Straße, findet ein paar Freier, gibt einem Neuling Tipps fürs Stricherdasein und kehrt schließlich wieder nach Hause zurück. Als seine Frau und deren Freundin mit Joe einen Dreier starten, schläft Joe wieder ein. Der Kreis schließt sich.

Die technischen Unzulänglichkeiten (Film- und Bildsprünge, Tonrauschen) von ANDY WARHOLS FLESH (Flesh), die von Regisseur Paul Morrissey bewusst eingesetzt werden, täuschen nicht darüber hinweg, dass wir es hier mit einem großen Underground-Werk zu tun haben, dessen sexuelle Freizügigkeit für weltweites Aufsehen gesorgt hat.
FLESH beginnt mit einer langen Einstellung des nackten, schlafenden Joe Dallesandro und schließt auch mit diesem Anblick. Man muss schon lange nachdenken, bis einem ein zweiter Film einfällt, der über die gesamte Spielfilmlänge ausschließlich die Schönheit und den Sex-Appeal seines männlichen Hauptdarstellers feiert, ja mehr noch, ihm verfallen ist, von der ersten Filmsekunde an.

Joe Dallesandro, der den überwiegenden Teil des Films nackt verbringt und damit nicht nur kein Problem hat, sondern sich dessen kaum bewusst zu sein scheint, strahlt eine so atemberaubend natürliche Erotik aus, dass man verstehen kann, warum FLESH in mehreren Ländern Polizei, Staatsanwaltschaft und Zensurstellen auf die Barrikaden brachte, obwohl es keinen pornografischen Akt im Film zu sehen gibt (lediglich eine kurze Erektion). In England stürmte tatsächlich ein Polizeiaufgebot eine Vorstellung, zog die Kopie ein und nahm die Daten der Anwesenden auf - ein bis dato einmaliger Vorgang, der, wie Joe Dallesandro später erklärte, von den Filmemachern selbst initiiert wurde, in dem diese gefakte Beschwerden bei den Behörden eingehen ließen, um für Wirbel zu sorgen. Ob das wahr ist, werden wir nie erfahren, so oder so hat der Skandal aber dem Film zu sehr viel Publicity verholfen.

Andy Warhol selbst hatte so gut wie nichts mit der Herstellung von FLESH zu tun, weil er sich im Krankenhaus von den Schüssen erholte, die Valerie Solanas auf ihn abgefeuert hatte. Warhol war darüber erbost, dass Regisseur John Schlesinger die Mitglieder seiner Factory für "Midnight Cowboy" (1969) ausleihen wollte, diese dann aber kaum verwendete und nach Warhols Meinung mit dem Mainstream-Stricherdrama in das Terrain des Underground-Filmers eindrang. Deshalb wurde schnell FLESH produziert, der "Midnight Cowboy" das Wasser abgraben sollte, weil er freier, unverklemmter und offenherziger sein konnte als Schlesingers Film. Obwohl die Kritiken gemischt ausfielen, wurde FLESH zu einem Riesenerfolg. In Deutschland (wer hätte das gedacht?) wurde er gar zum Phänomen und lief in mehreren Kinos über Monate hinweg vor vollen Häusern.

Heute kann man sich kaum vorstellen, dass ein Film wie FLESH überhaupt in die Kinos kommt, mit all den Kratzern, Überbelichtungen, Sprüngen und dem unverständlichen Gemurmel der improvisierenden Darsteller (Hauptdarstellerin Geraldine Smith kann sich in der ersten Szene vor Lachen kaum halten, und wenn man genau hinhört, kann man vor ihrem ersten Auftritt ihre Frage "Now?" aus dem Off vernehmen). Doch führt eben diese manchmal laienhafte Improvisation zu einer Authentizität, die man selten im amerikanischen Film findet. Die Darsteller spielen nicht, sie leben den Augenblick, und wir sind hautnah dabei. Die Szenen um Joes Freier sind gerade wegen der Ungeziertheit und des Verzichts auf sexuelle Handlungen realistisch und glaubwürdig. Wenn Joe seinen Stricherfreunden auf der Straße Ratschläge gibt, dann beobachtet die Kamera die Gruppe wie aus einem Versteck heraus, und wenn man es nicht besser wüsste, würde man denken, nichts davon sei gespielt.
Joe
Dallesandro, der in jeder Szene zu sehen ist und den Film allein mit seiner Persönlichkeit trägt, hat als Schauspieler einen natürlichen Instinkt und kann mehr überzeugen als so mancher Method Actor nach Wochen der Vorbereitung. Regisseur Morrissey sagte in einem Interview, dass er es nicht ausstehen könne, wenn er Schauspieler sagen hört, sie haben sich auf 'ihre Rollen lange vorbereitet', das sei nur 'Bullshit' von Stümpern. Für Morrissey muss der Schauspieler in dem Moment da sein, wenn er ihn braucht und das zeigen, was er in eben diesem Moment empfindet. Diese ungekünstelte Kraft des Augenblicks schafft er in jeder Einstellung. Damit bekommt man keine Oscars, aber einen Film, den es so zuvor nicht gegeben hat.

Man muss FLESH vor allem dafür feiern, dass er Nacktheit, Sexualität und das Stricherdasein von Joe niemals der Lächerlichkeit oder Peinlichkeit preisgibt und auch nie moralisch wertet. Simulierter Sex dient lediglich zur Beschreibung des Alltags seiner Protagonisten. Wenn Joes Ehefrau ihren Mann zur Arbeit schickt, ist das nichts anderes, als würde er ins Büro müssen. Seinen Kumpels erklärt er, dass es egal sei, ob man als schwul oder hetero gelte, die Hauptsache sei, das man für Frau und Kind sorge. Das einzige Problem, das Joe mit seinem Beruf hat, ist die Frage, ob er genug Geld nach Hause bringt. Seine Begegnungen mit Freiern sind weder hochdramatisch noch pervers. Ein älterer Freier ist so sehr von Joes Schönheit fasziniert, dass dieser nackt für ihn posieren muss, als Läufer und Diskuswerfer, wie eine griechische Statue.

Obwohl FLESH ohne Frage voyeuristisch ist (und zwar im ehrlichen Sinne, nicht im 'Basic Instinct'-Sinn - wobei die Worte 'Basic Instinct' und 'Sinn' irgendwie im Widerspruch zueinander stehen), wird er nie sensationsgeil. Wenn es so viel Unverklemmtheit im amerikanischen Kino insgesamt gäbe wie in FLESH, müsste man mit Sicherheit nicht im Jahr 2004 (fast 40 Jahre nach FLESH!) bei Janet Jacksons entblößter Brust eine nationale Krise ausrufen. In dem bemerkenswertesten Moment des Films spielt der nackte Joe mit seinem einjährigen Sohn auf dem Teppich. Morrissey hält die Situation als filmische Collage aus Standbildern fest, Bilder voll natürlicher Erotik, Zärtlichkeit und Hingabe. Man akzeptiert auch als Zuschauer schnell die Nacktheit seines Hauptdarstellers und folgt stattdessen seiner Geschichte. Das muss Paul Morrissey erst mal einer nachmachen.

09/10

Gesicht und Körper einer neuen Generation - Joe Dallesandro


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