Mittwoch, 7. Dezember 2011

Warnung vor einer heiligen Nutte (1971)

Ein Film über das Filmemachen, eine persönliche Aufarbeitung und ein Schlüsselfilm im Werk Rainer Werner Fassbinders ist WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE.

In einem schicken Hotel an Spaniens Küste warten Schauspieler und Crew einer Filmproduktion auf den Regisseur (Lou Castel), sowie Filmmaterial und Geld aus Deutschland. Die Wartezeit verbringt man mit Intrigen, Beziehungskrisen, Affären und die unzähligen Cuba Libres, die an der Bar weggesoffen werden. Als der Regisseur mit seinem Star (Eddie Constantine) endlich eintrifft, vergrößert sich das Chaos nur noch...

Mit der titelgebenden "heiligen Nutte" ist das Filmgeschäft gemeint, in dem die Kreativen immer vom Geld abhängig sind und Träume nur gegen Bezahlung ermöglicht werden. Abhängig sind alle Beteiligten als Gruppe vom Geld und von der Gunst ihres Regisseurs, abhängig ist auch jeder einzelne gegenüber den anderen der Gruppe. Abhängigkeiten haben Fassbinder stets fasziniert, und die Rolle des Außenseiters. Der Star Eddie Constantine ist der Außenseiter und kann mit all dem Sex und Chaos nichts anfangen, was ihn für den weiblichen Star (Hanna Schygulla), die ihn eigentlich lächerlich findet, attraktiv macht. Andere schauen neidisch zu, wie sich Partnerschaften bilden oder bekommen Nervenzusammenbrüche, wenn sich die Männer oder Frauen ihres Herzens wieder an andere heranmachen. Der despotische Regisseur versucht gar nicht erst, Ordnung zu schaffen, er kurbelt das Drama noch so richtig an. Als er vom Kamerateam zusammengeschlagen wird, hilft ihm keiner.

In WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE schildert Fassbinder das Geschehen hinter den Kulissen von "Whity" (1970), seinem künstlerisch gescheiterten und finanziell gefloppten Versuch eines bundesdeutschen Westerns, mit Günther Kaufmann als aufrechtem Helden und Hanny Schygulla als Barsängerin und Marlene Dietrich-Imitation, die ihrem Günther am Ende in die Wüste folgt, wie es Marlene in Josef von Sternbergs "Marokko" (1930) vorgemacht hatte. Leider wollte "Whity", der so viel Kraft gekostet hatte, niemand sehen, aber anstatt sich zu bemitleiden, arbeitete Fassbinder seine Erlebnisse filmisch auf. Man sollte sich die WARNUNG aber nicht ansehen, um herausfinden, wer hier wen spielt, das wäre ein müßiges Unterfangen.
Warum hingegen man sich die WARNUNG ansehen sollte, weiß ich selbst nicht genau. Die Hysterie der Charaktere, die Langsamkeit der Inszenierung, die mehr als einmal auf der Stelle tritt, das ganze Theater hat etwas von einer lustigen Anekdote, bei der man dabei gewesen sein muss, um sie ebenso komisch zu finden wie der Erzähler. Natürlich geht es hier um einen Insider-Blick, aber über den kommt der Film auch nicht hinaus. Eine Geschichte gibt es nicht, eine Entwicklung findet ebenfalls nicht statt. Das könnte trotzdem als skurrile Zustandsbeschreibung unterhaltsam sein, ist es aber nur bedingt. Reichlich zäh und sperrig spielen sich die Komödien, Tragödien und Dramen ab, und auch Fassbinders Betrachtungen über Gruppendynamik und Außenseitertum hat man schon besser gesehen. Sehenswert ist der Film wegen des Fassbinder-Ensembles, wobei es auch da Abstriche gibt. Der viel gelobte Lou Castel in der Rolle des Regisseurs kann mich nicht überzeugen. Die Kameraarbeit von Michael Ballhaus und das orginelle Setting schaffen immer wieder gute Momente, aber es gibt einfach zu wenige davon.

WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE fand keinen Verleiher und wurde erst 20 Jahre nach seiner Entstehung einem Publikum zugänglich gemacht. Er genießt einen gewissen Kultstatus und wird oft als Fassbinders "8 1/2" (1963) bezeichnet. Von diesem Meisterwerk trennen ihn dann aber doch ein paar Ecken. Auch Truffauts "Die amerikanische Nacht" (1973) ist um Längen besser.
Unzweifelhaft markiert WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE aber einen Wendepunkt in Fassbinders Schaffen. Hatten seine Filme bis dahin stark experimentellen Charakter und waren ebenso analytische wie komplexe Milieustudien mit Querverwiesen auf das Hollywood-Kino (speziell den Gangsterfilm), wandte er sich mit seinem nächsten Spielfilm "Der Händler der vier Jahreszeiten" (1971) dem klassischen Erzählkino zu, das stark von den Melodramen Douglas Sirks beeinflusst war, und in denen die Protagonisten mehr Menschen als Versuchsobjekte sein durften. Mit den folgenden Filmen fand er größeren Zuspruch, ein größeres Publikum und schaffte den Sprung von einem interessanten Filmneuling zu einem der bedeutendsten Regisseure der Nachkriegszeit.

04/10

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