Samstag, 12. November 2011

Wachgeküsst (1998)

Ja, es gibt sie noch, die romantische Komödie aus Hollywood, die nicht die Intelligenz der Zuschauer und ihrer Charaktere beleidigt, die den Figuren erlaubt, erwachsen zu sein (oder zu werden), in denen Frauen nicht nur von einer Märchenhochzeit träumen und konsequent aus ihren High Heels stolpern. WACHGEKÜSST (Living Out Loud) hat zwar auch seine Schwächen, macht aber so viel richtig, dass der Gesamteindruck positiv bleibt.

Worum geht es? Holly Hunter spielt Judith, eine New Yorker Arztgattin, die von ihrem Ehemann (Martin Donovan) wegen einer jüngeren Frau verlassen wird. Allein in ihrem noblen Apartment überlegt sie, was sie mit sich und ihrem Leben anfangen soll. Judith freundet sich mit der Barsängerin Liz (Queen Latifah) an, bestellt einen erotischen Masseur und wird von einem Fremden(Elias Koteas) geküsst. Fahrstuhlführer Pat (Danny De Vito), an dem Judith jeden Tag vorbeigeht, hat ganz andere Sorgen. Nachdem seine Tochter verstarb, hat er Spielschulden angehäuft, die von skrupellosen Geschäftemachern eingetrieben werden. Judith und Pat lernen sich näher kennen, schließen Freundschaft, verlieben sich ineinander. Pat möchte nach Italien, um eine Geschäftsidee zu verwirklichen, aber Judith muss ihr Leben neu ordnen. Haben die beiden eine gemeinsame Zukunft?

Zuerst einmal darf man sagen, dass die Paarung Holly Hunter/Danny De Vito so ungewöhnlich ist, dass einem das Herz allein bei der Idee schon aufgeht. Hier haben wir es einmal nicht mit den tagesaktuellen hübschen Gesichtern der Filmindustrie zu tun, die im Hollywood-Mainstream gern auf die Zuschauer losgelassen werden, sondern mit Schauspielern, die Tiefe, Reife und Persönlichkeit haben, und deren Liebesgeschichte gerade deswegen glaubhaft funktioniert, weil sie imstande sind, sie glaubhaft darzustellen. WACHGEKÜSST, der unabhängig produziert und von New Line herausgebracht wurde, leistet sich sogar den unaussprechlichen Mut, die beiden womöglich am Ende nicht zusammenfinden zu lassen.

Regisseur und Drehbuchautor Richard La Gravanese hat u.a. die Drehbücher zu "Die Brücken am Fluss" (1995) und "Der Pferdeflüsterer" (1998) verfasst. Seine Stärke sind die komplexen, sehnsuchtsvollen Frauenfiguren, die sich für ihren weiteren Lebensweg entscheiden müssen, und auch in WACHGEKÜSST liegt der Fokus eindeutig bei Holly Hunter. Danny De Vito, der hier zeigen darf, dass er mehr kann als aufgeregt durch die Szenerie zu hüpfen (was zweifellos komisch ist), spielt die zweite Geige neben der wie immer grandiosen Holly Hunter, die ihre Judith mit großer Verwundbarkeit und kindlichem Starrsinn spielt, die ebenso komisch wie anrührend sein kann, und deren Weg der Befreiung und Selbstfindung zwar nicht wirklich tiefgründig, aber stets interessant und originell erzählt wird. Billy Wilders "Apartment" (1960) kommt einem da ganz automatisch in den Sinn, schon weil De Vito einen Fahrstuhlführer spielt, aber auch, weil WACHGEKÜSST diese schwierige Balance zwischen Komik und Tragik wunderbar leichtfüßig entlangwandelt.

Die Geschichte bleibt dabei relativ episodisch und wird durch die Annäherung von Hunter und De Vito zusammengehalten. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf Judiths Erlebnissen mit der neuen Freiheit. Hin und wieder baut Richard La Gravanese Fantasiesequenzen ein, in denen Judith wahlweise aus dem Fenster springt oder sich angeregt mit einer Fremden unterhält, was sich dann schnell als Judiths Wunschvorstellung entpuppt. In der beeindruckendsten dieser bizarren Szenen, die gleichzeitig den Höhepunkt des Films darstellt, besucht sie eine Frauendisco, nachdem sie eine Pille eingeworfen hat (was zu einer hinreißenden Szene im Fahrstuhl führt, in der Hunter ihre Hände nicht von De Vito lassen kann), wo sie mit den anwesenden Frauen auf der Tanzfläche eine sinnliche Choreografie aufführt, bevor ihr jugendliches Ich (Rachel Leigh Cook) aus der Fantasiewelt auftaucht und von ihr umarmt wird. Eine Frau findet sich selbst, entdeckt ihre Jugend und wird eins mit den Geschlechtsgenossinnen. Die Symbolik ist überdeutlich, trotzdem kann dieser Moment absolut begeistern.

Die wenigen Misstöne dieser Emanzipationsgeschichte (Ehemann Martin Donovan erhält nicht einen einzigen sympathischen Charakterzug, womit der Film sich gefährlich nah ans beliebte, aber abgestandene 'Männer-Bashing'-Terrain begibt, Queen Latifahs Jazzsängerin ist eine Spur zu altmodisch angelegt) stören das Vergnügen nicht. Schön zu sehen, dass der amerikanische Independent-Film dem ausgelutschten Genre der Romantic Comedy ein paar neue Seiten abgewinnen kann, und dass Richard La Gravanese, der 2007 die Erfolgsschnulze "P.S. - Ich liebe dich" inszenierte, seinen Film mit erwachsenen Figuren und erwachsenen Schauspielern besetzt, die mehr vom Leben wollen als vor dem Traualtar zu enden.

09/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...