Freitag, 18. November 2011

Stephen Kings Schlafwandler (1992)

Für STEPHEN KINGS SCHLAFWANDLER (Sleepwalkers) schrieb Bestseller-Autor King erstmals - wenn man von den Episoden für die Anthologie "Creepshow" (1982) absieht - das Original-Drehbuch für einen Spielfilm. Das Resultat ist eine sehr schwierige Angelegenheit und konnte die Fans nicht durchweg begeistern. Was Horrorfilme der 90er angeht, gehört SCHLAFWANDLER dennoch zu den unterhaltsameren Beiträgen des Genres jener Dekade.

Der junge Charles Brady (Brian Krause) und seine Mutter Mary (Alice Krige) sind 'Schlafwandler', so genannte Zwischenwesen, die - ähnlich wie Vampire - ihre Gestalt ändern können und sich vom Blut von Jungfrauen ernähren, von denen es in Amerika nicht mehr allzu viele gibt. Sie sind vielleicht die letzten ihrer Art und suchen in dem kleinen Ort Bodega Bay Zuflucht. Hier macht sich Charles an die jungfräuliche Mitschülerin Tanya (Mädchen Amick) heran, um ihr die Lebensenergie auszusaugen. Als er sie aber auf einem Friedhof überfällt, kann sich Tanya zur Wehr setzen und Charles schwer verletzen. Dessen Mutter Mary sinnt auf grausame Rache und startet einen Vernichtungsfeldzug durch die ganze Stadt...

Schade. Mit diesem Wort lässt sich SCHLAFWANDLER am besten zusammenfassen, der sehr gut beginnt und dann stark nachlässt. Mit den 'Schlafwandlern' hat Stephen King versucht, einen neuen Archetyp des Horror-Kinos zu etablieren, anstatt bereits ausgelutschten Slasher-Pfaden zu folgen, und das muss man ihm hoch anrechnen. Er stattet seine Wesen mit einer faszinierenden Mischung aus Bestialität und Traurigkeit aus. Sie sind Verlorene, Suchende, ebenso gefährlich wie verwundbar, und sie sind einander in inniger Liebe zugetan - was zu einer kontroversen Szene führt, in der Mutter und Sohn im Schlafzimmer verschwinden, zwecks Vereinigung und Kräfteaustausch. Das dürfte zumindest für das US-Kino genug für eine Erwachsenenfreigabe sein. Die Feinde der 'Schlafwandler' sind Katzen, die sich in Dutzenden vor dem Haus der Bradys versammeln und im großen Finale zum Gegenschlag ausholen, angeführt von der Polizeikatze 'Clovis', dem heimlichen Star des Films. Ebenso wie Kruzifix und Knoblauch gegen Vampire und Silberkugeln gegen Werwölfe wirken, hat Stephen King seinen Mutanten mit der 'Katzenallergie' eine originelle Achillesferse verpasst.

Auch bei den Darstellern ist noch alles in Ordnung. Brian Krause ist ein hübscher All-American-Boy, der hinter blonden Locken und süßem Lächeln ein grauenhaftes Monster tarnt. Da kann nicht mal der übergewichtige Lehrer (Glenn Shadix) widerstehen, der vom Jungen Sex im Austausch für Schweigen verlangt und ein blutiges Ende findet. Als Charles' Mutter spielt die wunderbare Alice Krige hingegen alle an die Wand. Krige ist wie geschaffen für Horrorfilme (siehe "Ghost Story", 1981), sie ist ebenso zart und auf ungewöhnliche Weise schön wie unnahbar und geisterhaft. Man glaubt ihr sowohl die große Liebe zu ihrem Sohn wie die Brutalität, mit der sie am Ende gegen Tanya, die Polizei und deren Eltern vorgeht. Tanya wird von Mädchen Amick gespielt, die zwar ein paar Jahre zu alt für ihre Rolle ist (wie alle angeblichen Teenager in amerikanischen Filmen), aber die Sympathien auf ihrer Seite hat. Dass sie noch Jungfrau sein soll, strapaziert ein wenig zu stark die Leichtgläubigkeit des Publikums.

Mit diesem Trio und der Erfindung der 'Schlafwandler' läuft die erste Hälfte des Films wie am Schnürchen. Die Romanze zwischen dem traurigen Monster und der High School-Schönheit hat ebenso komische wie berührende Momente. Doch nach der Begegnung Tanyas mit dem 'wahren' Charles auf dem Friedhof dreht sich SCHLAFWANDLER plötzlich um 180 Grad, als würde er dem sorgfältigen Aufbau nicht mehr vertrauen, und mutiert zu einer grellen Horror-Komödie mit derben Splattereffekten, dummen Sprüchen ("Cop-Kebap!") in Freddy Krueger-Manier, überflüssigen Gastauftritten von Horror-Ikonen wie Tobe Hooper und John Landis, sowie jeder Menge absurder Ideen - wie der, einen Maiskolben als Mordwaffe zu benutzen. Ja, richtig, einen Maiskolben!
Regisseur Mick Garris rutscht hoffnungslos in den 80er-Jahre-Horror zurück und erschlägt Geschichte und Charaktere mit vordergründigen Effekten, die zwar allesamt irgendwie spaßig sind, aber im krassen Gegensatz zur ersten Filmhälfte stehen und genau deswegen so enttäuschen. Überhaupt verlässt sich Garris zu viel auf Insider-Gags. Das fängt beim Stadtnamen 'Bodega Bay' (aus Htchcocks "The Birds", 1962) an und hört bei der Besetzung von Tanys Eltern mit dem Elternpaar aus "Ferris macht blau" (1986) noch lange nicht auf. Wenn dann noch die Klischees zuschlagen (ein Pistolenschuss lässt ein Polizeiauto explodieren), ist SCHLAFWANDLER wirklich am Ende. Geradezu schändlich wird mit Hauptdarstellerin Mädchen Amick umgegangen, die im Finale reihenweise zu blöd sein muss, Türen zu öffnen oder Autos zu starten, damit der Handlungsablauf funktioniert, während die Katzen ihre Arbeit übernehmen und die böse Schlafwandler-Mutti ins Jenseits befördern.

Welcher Teufel King und Garris da geritten hat, kann wohl niemand sagen. Ich erinnere mich noch an die Kinovorstellung im vollbesetzten Saal, bei der zu Beginn die Zuschauer sehr aufmerksam waren, im Laufe des Films dann immer unkonzentrierter wurden und anfingen, die Charaktere und Dialoge zu kommentieren, was sich bis zu "Los, Clovis, zeig's ihnen!"-Rufen steigerte, mit denen man die Filmkatze anfeuerte, was einigermaßen abstrus erscheint.
Und das bringt SCHLAFWANDLER irgendwie auf den Punkt. Er fängt gut an, wird dann unerwartet blöde, wenn man sein Gehirn spontan abschalten kann, bleibt er aber dank Tempo, Effekten und Darstellern ziemlich unterhaltsam. Trotzdem schade. Die 'Schlafwandler' hätten das Zeug für mehrere Filme gehabt. So viel Geduld konnten King und Garris offenbar nicht aufbringen und beschlossen daher, ihre neuen Archetypen gleich an Ort und Stelle einzustampfen.

06/10

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