Montag, 28. November 2011

Spurlos (2010)

Das Cover täuscht. SPURLOS (Sans Laisser de Traces) ist kein futuristischer Action-Thriller à la "Matrix", und der spektakuläre Sturz aus dem Wolkenkratzer lediglich eine Metapher.
Um einen Absturz geht es allerdings, und zwar den von Étienne (Benoît Magimel), einem Mann, der alles hat. Er wird in Kürze Chef eines Chemiekonzerns, hat eine wunderschöne Frau (Léa Seydoux), mit der er ein Baby zu bekommen versucht, und ein luxuriöses Apartment über der Stadt. Doch sein Erfolg basiert auf einer Lüge, auf einer gestohlenen chemischen Formel, die ihm einst ein Wissenschaftler zusandte, und die er gestohlen und zu Gold machte. Das vertraut er jetzt einem alten Schulfreund (François-Xavier Demaison) an, dem er zufällig begegnet. Dieser bringt Étienne dazu, sich bei dem Chemiker im Nachhinein zu entschuldigen, um sein Gewissen zu erleichtern. Diese Unterredung verläuft allerdings anders als geplant, und plötzlich steht Étienne mit einer Leiche und einem Erpresser da. Sein schönes Leben beginnt nach und nach, sich aufzulösen. Und zwar spurlos...

Die französisch-belgische Co-Produktion SPURLOS ist ein lupenreiner Film Noir im modernen Gewand, durchweg realistisch und ohne Effekthascherei erzählt. SPURLOS ist auch eine Hitchcock-Hommage. Die Bekanntschaft der Schulfreunde, die mörderische Konsequenzen hat und von ausgetauschter Schuld dominiert wird, erinnert stark an "Der Fremde im Zug" (1951). Hier wie dort ist der Held ein schwaches Bübchen, das durch einen aggressiven, risikobereiten Gegenpart, quasi sein dunkles Spiegelbild, ins Unglück gestoßen wird.
Wie Ètienne sich aus der misslichen Lage befreit, oder ob er kopfüber ins Verderben rauscht, das macht die Spannung von SPURLOS aus. Das Drehbuch unterläuft dabei immer wieder die Erwartungen des Zuschauers, legt falsche Spuren (ein vermeintlicher Konkurrent, eine potentielle junge Geliebte, die keine ist) und sorgt für einige Überraschungen. "Der Erfolg eines Menschen hängt von drei Faktoren ab - Talent, Timing und Glück" sagt Étienne zu Beginn. Talent hat dieser elegante Yuppie mit den sanften Augen, mit Timing und Glück aber hapert es plötzlich gewaltig. Glück und Schicksal spielen in der Tat eine gewichtige Rolle in diesem Moralstück, ähnlich wie in Woody Allens "Match Point" (2005), in dem der Protagonist ebenfalls eine zwiespältige Figur war und letztendlich der Zufall über seinen Lebenslauf entschied.

Étienne wird von Benoît Magimel mit ordentlicher Star-Power gespielt, die dem kleinen Film zu einigem Glanz verhilft. Als Zuschauer ist man hin- und hergerissen, ob man seinen Étienne mag oder doch ablehnt. Er meint es gut, ist dann aber auch wieder unbeherrscht und kaltherzig. Leider erzählt das Drehbuch nicht von einem entscheidenden Fehler, den er macht, und der das ganze Unheil in Gang setzt, sondern Étienne muss einen dummen Fehler nach dem nächsten begehen. Indem er den einen Fehler wieder gut zu machen versucht, gerät er in immer neue Schwierigkeiten, wird seine Absicherung immer durchlässiger. Vielleicht ist das realistisch, wer kann schon sagen, wie er sich in ähnlicher Lage verhalten würde? Mir war es ein wenig zu viel Blödheit auf einmal, auch wenn es mich nicht davon abgehalten hat, weiter Anteil an seiner Figur zu nehmen.
Das Ende will auch nicht so recht überzeugen, obwohl es eine wohltuende Abkehr vom üblichen Schema des Film Noir darstellt. Möglicherweise ist der Schluss aber auch mehrfach interpretierbar. Vielleicht ist Étienne endlich in der "wahren" Hölle angekommen... aber ich will nichts vorwegnehmen.

Neben Magimel leisten die Nebendarsteller solide Arbeit. François-Xavier Demaison fehlt ein bisschen von der Ausstrahlung, die Sergi López in dem thematisch ähnlichen "Harry meint es gut mit dir" (2000) besaß. Er muss im Grunde ein böser Verführer sein, die rohe Seite, die Étienne nicht ausleben kann. Dafür wirkt Demaison doch zu tanzbärig und knuddelig. Julie Gayet ist als Étiennes Ehefrau in erster Linie schön und statuenhaft (was sie auch sein soll), die junge Léa Seydoux bringt die richtige Mischung aus Unschuld und Durchtriebenheit mit (man denkt unweigerlich an Ludivine Sagnier). Die Regie von Grégoire Vigneron, der hier sein Debüt gab, ist kühl, streng und überraschend routiniert. Großes Kino bekommt man hier nicht, dafür aber einen Film, den Chabrol gemocht hätte, und das ist nicht wenig.

SPURLOS ist über weite Strecken fesselnder Thriller darüber, wie schnell ein Leben in Scherben liegen kann, wenn man den falschen Leuten auf der Straße begegnet und nicht rechtzeitig den Absprung schafft. "Du kannst nicht so weit nach oben kommen, ohne Leichen im Keller", sagt Étiennes Schulfreund Demaison. Die Moral lautet: wäre Étienne von Beginn an skrupelloser gewesen und hätte seine Leichen begraben, anstatt sie mit sich herumzuschleppen, wäre das alles nicht passiert. Also, wenn du nach oben willst, sei nicht zu nett. Das könnte dir zum Verhängnis werden.
Das ist übrigens der Grund, aus dem ich persönlich grundsätzlich keine Anfragen von Schulfreunden beantworte, die mich zufällig im Netz aufstöbern und sich nach 20 Jahren "mal wieder melden wollen". Wer weiß schon, was das mittlerweile für Irre sind? ...

08/10


Von jetzt an geht's bergab - Benoît Magimel in "Spurlos"

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