Mittwoch, 2. November 2011

Querelle (1982)

Nach dem zeitweilig verbotenen Roman "Querelle de Brest" von Jean Genet inszenierte Rainer Werner Fassbinder mit QUERELLE seinen letzten Film. Die Premiere des eigenwilligen Werks sollte er nicht mehr erleben.

Die Handlung von QUERELLE ist schwer wiederzugeben. In der Hafenstadt Brest geht der Matrose Querelle (Brad Davis) von Bord seines Marinezerstörers, um einen Drogendeal in der örtlichen Spelunke, dem "Feria", abzuwickeln. Dort begegnet er seinem Bruder (Hanno Pöschl), der mit Lysiane (Jeanne Moreau) verheiratet ist, sowie dem derben Polizisten Mario (Burkhard Driest). Verwirrt von der Anziehung zum Polizisten begeht Querelle einen Mord an einem Mitmatrosen und gibt sich zur Selbstbestrafung dem Barmann Nono (Günther Kaufmann) hin. Querelles Vorgesetzter, Lieutenant Seblon (Franco Nero), verzehrt sich heimlich nach Querelle, der sich aber in den Bauarbeiter Gil (wieder Hanno Pöschl), das Ebenbild seines Bruders, verliebt...

QUERELLE gilt als einer der am schwersten zugänglichen Filme Fassbinders, aber wer sich von allen Erwartungen an klassisches Erzählkino verabschiedet, der sollte an diesem feuchten Traum in Gelb und Orange mit den unverstellten sexuellen Obsessionen, den erlesen arrangierten Tableaus aus Dekoration und Darstellern seine helle Freude haben. Man kann leicht eintauchen in diesen Fiebertraum aus dem Vorort der Hölle, in dem Menschen sich in ihre Spiegelbilder verlieben, sich Herrschafts- und Unterwürfigkeitsgefühle abwechseln und der Narzissmuss regiert. Man kann das alles natürlich auch sehr gewollt finden und wegen seiner extremen Künstlichkeit ablehnen. Hier wird Arthouse mit großem 'A' geschrieben. Weder kann man eine geradlinige Handlung erkennen, noch bietet sich auch nur einer der Charaktere als Identifikationsfigur an. Doch begreift und erlebt man QUERELLE als erotisches Stilleben, kann man sich seiner Faszination nicht entziehen.

Nie hat Fassbinder seine Fetische offener auf die Leinwand gebracht. Den Roman von Jean Genet wollte er schon lange verfilmen, auch andere Regisseure haben sich kurzzeitig daran versucht, sind aber allesamt an der Umsetzung gescheitert. Fassbinders QUERELLE hält sich dicht an den Roman und lässt Genets Zeilen aus dem Off sprechen (von Hilmar Thate). Der Film verlässt nie das Studio-Set und wirkt schon dadurch theaterhaft und hermetisch geschlossen. Die Bühnendekoration aus phallischen Türmchen und den Farben des Sonnenuntergangs (oder des Fegefeuers) gleicht einem Gemälde von Dali. Darin können die Charaktere nicht mehr sein als Chiffren und Symbole. Die Männer-Riege, die in QUERELLE aufmarschiert, überbietet sich an Muskelprotzerei und Männlichkeitsgehabe. Die Kamera von Xaver Schwarzenberger weidet sich an den schwitzenden Körpern der kohlenschaufelnden Matrosen zwischen dem Dampf des Schiffes, den prallen Bizeps und den engen Kostümen. Neben den Matrosen bevölkern Soldaten, Bauarbeiter und Polizisten die Szenerie - für eine Choreografie der 'Village People' fehlen eigentlich nur die Indianer.
Für Frauen ist in dieser Welt kaum Platz, außer für die erhabene Kinogöttin Jeanne Moreau, die das Treiben beobachtet und in der Bar einen zugegebenermaßen grauenvollen Schlager singt, der einem nicht mehr aus dem Ohr geht: "Each Man Kills the Thing He Loves". Bezeichnend für den Film, aber denoch schwer zu ertragen. Für den Song erhielt QUERELLE gemeinerweise eine Nominierung für die Goldene Himbeere! Dass der Film gerade in den USA auf Unverständnis und Ablehnung stieß, sollte darüber hinaus niemanden verwundern.

Brad Davis, gerade zurück von seiner Reise ins türkische Gefängnis in "Midnight Express" (1978), erlebt hier eine weitere erotische Odyssee. Er erinnert nicht nur an Fassbinders Lebensgefährten Armin Meier, der sich das Leben nahm, er ist auch in seinem Matrosenanzug der fleischgewordene schwule Traum. Spielen muss er nicht mehr viel. Franco Nero, der immer wieder große Probleme mit seiner Rolle hatte, weil sie nicht gerade dem Macho-Image entsprach, das er sich in zahllosen Italo-Western hart erarbeitet hatte, muss ebenfalls nur intensiv dreinschauen, das reicht schon. Seine Präsenz ist enorm. Eine beeindruckende Leistung zeigt Hanno Pöschl in seiner Doppelrolle als Querelles Bruder und Bauarbeiter Gil, der wie Querelle einen Mord begangen hat (und vom schönen Laurent Malet, "Blutsverwandte", 1978, geliebt wird), und in dem Querelle sich wieder erkennt. Der Rest des Ensembles besteht aus bekannten Fassbinder-Gesichtern (Spengler, Bär, Scheydt, Kaufmann, Schidor, etc.).

Fassbinder starb nach Ende der Dreharbeiten und konnte weder den Schnitt noch die Synchronisation überwachen. Die Synchronfassung dieser deutsch/französischen Co-Produktion ist dann auch nur bedingt gelungen (besonders schwach ist die Synchronstimme von Hanno Pöschl, die der Rolle Gil einen albernen Akzent verpasst, dafür ist Hilmar Thate als Off-Sprecher grandios). Die deutsche Fassung ist nach wie vor ab 18 Jahren freigegeben, was ich beim besten Willen nicht verstehe. Womöglich waren Genets schwüle Fantasien, die Fassbinder perfekt bebildert, früher mal anstößig, aber doch bitte heute nicht mehr. Schade, dass ein solches Werk jungen Menschen vorenthalten werden soll. Hier lernen sie mehr über die Magie des Kinos und die Schönheit der Kunst als bei den "Transformers", würde ich sagen, aber das bin vielleicht nur ich.

Daher die gute Nachricht zuletzt: in Frankreich (wo sonst?) gibt es eine hervorragende DVD-Version des Films, auf der neben der französischen auch die deutsche Tonspur enthalten ist! Die französischen Untertitel lassen sich entfernen, und die Bildqualität ist annähernd perfekt. Dass der letzte Film des größten deutschen Filmemachers der Nachkriegszeit (oder auch aller Zeiten) in Deutschland nicht auf DVD erhältlich ist, das ist wieder einmal nur peinlich und beschämend.

Ich kann mich erinnern, wie ich QUERELLE erstmals im Fernsehen sah (und zwar auf dem damals noch jungen Sender RTL Plus - es war die bis heute einzige Ausstrahlung, zu der vorher noch eine "Warnung" der Moderatorin mitgeschickt wurde, der Film enthielte anstößige Szenen!). Ich steckte mitten in der Pubertät, war vollkommen unvorbereitet und erlebte eine absolute Offenbarung. Seither liebe ich Fassbinder. Auch wenn QUERELLE vielleicht kein perfekter Film ist - er ist unendlich faszinierend und in seiner Art einzigartig.

09/10

Das "Feria" im Hafen von Brest - "Querelle"

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