Donnerstag, 24. November 2011

Lili Marleen (1981)

LILI MARLEEN, die Geschichte eines Liedes, das um die Welt ging, Soldaten zu Tränen rührte und eine junge Sängerin zum Star machte, war die aufwendigste Produktion in Rainer Werner Fassbinders Karriere, der kurz zuvor mit "Die Ehe der Maria Braun" (1979) einen internationalen Hit landen konnte und vom Kintopp-Produzenten Luggi Waldleitner engagiert wurde, um dieses große zeitgeschichtliche Melodram zu inszenieren, nicht unbedingt zur Zufriedenheit der Fassbinder-Fans, aber durchaus zur Freude des Mainstream-Publikums, auf das LILI MARLEEN gnadenlos zugeschnitten ist.

LILI MARLEEN erzählt von Willie (Hanna Schygulla), einer deutschen Sängerin, die in den jüdischen Schweizer Komponisten, Dirigenten und Widerstandskämpfer Robert (Giancarlo Giannini) verliebt ist, was dessen wohlhabendem Vater (Mel Ferrer) gar nicht gefällt. Als eine Intrige des Vaters Willie zwingt, in Deutschland zu bleiben, während Robert in die Schweiz reist, sucht sie nach Arbeit und tritt gemeinsam mit ihrem Klavierspieler (Hark Bohm) in einer Kneipe auf. Dort wird sie vom einflussreichen NS-Kulturbeauftragten Henkel (Karlheinz von Hassel) entdeckt und gefördert. Ihre Platte mit dem Lied "Lili Marleen" wird zum Welthit, als Radio Belgrad es mehr oder weniger zufällig entdeckt und für die Soldaten spielt. Willie wird zum Star, bekommt eine eigene Villa, kann aber Robert nicht vergessen. Als sie sich heimlich mit ihm in Deutschland trifft, lässt Henkel ihn verhaften. Willie lässt sich für seine Freilassung auf eine gefährliche Spionageaktion ein...

Ca. 10 Millionen Mark standen Fassbinder für seinen Film zur Verfügung, dessen Drehbuch vage auf dem Roman "Der Himmel hat viele Farben" basiert, den Lale Andersen, die "echte" Interpretin von 'Lili Marleen' verfasste. Figuren und Handlung der Verfilmung sind weitgehend frei erfunden, darunter auch das hübsche, aber dreiste Märchen von den angeblich schweigenden Waffen des Krieges, wenn 'Lili Marleen' im Radio gespielt wurde. LILI MARLEEN wurde für die Massen konzipiert, und so schwelgt Fassbinder hier in farbenfrohen Kostümen, edlen Dekors von Rolf Zehetbauer und stimmungsvollen Bonbon-Bildern seines Kameramannes Xaver Schwarzenberger. Der politische Hintergrund - das wurde ihm von vielen Seiten zu Recht vorgeworfen - dient lediglich als Kulisse für die Schmacht- und Schmalzgeschichte der naiven Willie, die durch ihre Erlebnisse und die Opfer für die große Liebe eine Art politisches Erwachen erlebt, das aber auch nicht wirklich stattfindet. Mit dieser Gewichtung hat Fassbinder den Grundstein für heutige TV-Event-Movies gelegt, in denen der historische Kontext stets zugunsten sentimentaler Liebesgeschichten - bevorzugt im Dreiecksverhältnis - in den Hintergrund gedrängt wird. Die Kriegsszenen in LILI MARLEEN stammen übrigens nicht von Fassbinder (der weder Lust noch Geld hatte, eigene zu inszenieren), sondern aus "Steiner - Das eiserne Kreuz" (1977).

Was LILI MARLEEN fehlt - und das ist mehr als überraschend - ist eine Haltung seines Regisseurs, der sowohl die Nazis als auch die Widerstandskämpfer als Stereotypen einer Operette agieren lässt. Hatte er gerade zuvor anhand der Maria Braun die Entwicklung eines ganzes Landes scharfsichtig vorgeführt, ist in LILI MARLEEN alles nur Theater. Der Krieg besteht aus emotionalen Kitschpostkarten. Traurige, weinende und zumeist hübsche junge Soldaten sitzen in Schützengräben und lauschen andächtig Willies Schlager.
Der Plot um Willies Spionagearbeit ist komplett naiv. Da werden Geheimfilme in Dekolletés versteckt, wird ängstlich um Ecken geschaut und über die Straßen in parkende Limousinen gehuscht, in denen konspirative Treffen stattfinden, mit Fassbinder himself als Chef des Widerstands. Der "Thriller" bewegt sich konsequent auf dem Niveau von Kalle Blomquist und den Drei Fragezeichen, und in den Dialogen wird jeder klischierte Satz des Genres bereitwillig ausgesprochen ("Die Entscheidung kommt von oben, von ganz oben!").

Das Nazi-Regime wird anhand zweier Figuren dargestellt, von denen einer (Claus Biederstaedt) sich als getarnter Widerständler entpuppt, der andere (von Hassel) mehr aus Liebe zu Willie als politischem Irrsinn heraus handelt. Wenn Schygulla und Bohm den Führer persönlich besuchen, erstrahlt ein gleißendes Licht aus seinen Gemächern. Und das ist nicht Willies Perspektive (wir sehen kein entrückt-verzücktes Gesicht der Schygulla beim Betreten der Gemächer, lediglich eine Totale), sondern die des Films, bzw. des Zuschauers. Was sich Fassbinder dabei gedacht haben mag, wer kann das sagen? Der Verdacht liegt nahe, dass der Regisseur selbst dem Pomp und Glamour der Zeit verfallen ist, oder dass er schlicht einen Film im Stil der alten Ufa-Werke machen wollte (man kann sich wunderbar Zarah Leander in der Schygulla-Rolle vorstellen), ohne weitere politische Betrachtung.

Kein Wunder, dass LILI MARLEEN so erfolgreich war. Er hat sowohl die Freunde des Melodrams als auch die "Früher war alles besser"-Fraktion. Insofern fällt LILI MARLEEN komplett aus der Filmografie Fassbinders heraus und wirkt aus heutiger Sicht erschreckend banal. Einen Visconti wollte er machen, das ist ihm zwar äußerlich gelungen, aber eben nicht inhaltlich. Dazu muss man sich nur Viscontis "Die Verdammten" (1969) anschauen. Welten liegen dazwischen!
Und nicht nur das - auch die Liebesgeschichte, die im Vordergrund steht, überzeugt nicht. Wenn am Ende Willie und Robert sich ein letztes Mal begegnen, dann sollte das ein herzzerreißender Moment sein, der Höhepunkt des Melodrams. Doch er lässt vollkommen kalt, weil die Charaktere lediglich Abziehbilder sind.

Was bleibt, ist das Lied.
'Lili Marleen' wird von Schygulla mehrfach im Film interpretiert, jedes Mal anders (mal im Tonstudio, dann pompös im Sportpalast mit Chorbegleitung und burschikos bei der Truppenbetreuung), aber jedes Mal hervorragend. Das Lied hat eine Kraft und Magie, der man sich nicht entziehen kann, und es ist der lebendigste Charakter im ganzen Film. Es steht weit über den simplen Konflikten und den 'Lieschen-Müller'-Vorstellungen von Terror und Widerstand. Hanna Schygulla auch. Die spielt ihre Willie als dumme Pute, die doch "nur ein Lied singt", wie sie immer sagt, und das macht sie grandios. Hier zeigt sich auch, dass Fassbinder immer noch Fassbinder ist, wenn er sie zwischendurch von allem Glamour befreit und Mensch sein lässt. War Schygullas Maria Braun eine eigensinnige Frau, die ihr Schicksal in die Hand nahm und darüber die Menschlichkeit vergaß, ist die Willie ein Aschenputtel, das selbst kaum begreift, was um sie herum vorgeht.

Neben Schygulla glänzt Hark Bohm als skurriler Pianist und Willies einziger Freund, dem allerdings das Gütesiegel "Tragischer Held, der den Film nicht überlebt" auf der Stirn klebt. Den geliebten Robert sollte ursprünglich der junge Richard Gere spielen, doch der hatte nach seinem Kriegsdrama "Yanks" (1979) keine Lust auf einen weiteren Kriegsfilm. Giancarlo Giannini ist ein guter Ersatz und schaut mit genau dem traurigen Dackelblick drein, den es braucht, um der Liebesgeschichte ein Mindestmaß an Leben einzuhauchen. Karl-Heinz von Hassel ist ein ausgezeichneter Henkel, und in Nebenrollen finden sich Fassbinders Stammschauspieler Gottfried John, Harry Bär, Brigitte Mira, Barbara Valentin und Adrian Hoven. Der Film gehört aber eindeutig der Schygulla. Alle Szenen, in denen sie nicht mitwirkt, kann man gleich wieder vergessen.

Unterm Strich ist LILI MARLEEN der bewusst naivste Film Rainer Werner Fassbinders. Möglicherweise spielte auch der Flop des ambitionierten "Despair - Eine Reise ins Licht" (1978) eine Rolle. So hat Fassbinder zugunsten des Kassenerfolgs und der Auslandsverkäufe seinen eigenen Anspruch zurückgestellt und mit großem Pinselstrich gemalt, deutlich in der Tradition der Hollywood-Melodramen, die er so liebte. LILI MARLEEN ist aufgrund des Erzähltempos sowie der erlesenen Bilder und Ausstattung nie wirklich langweilig, aber weit entfernt von Fassbinders besten Werken.

06/10

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