Samstag, 26. November 2011

Komplizen (2009)

In Lyon wird die Leiche des jungen Vincent (Cyril Descours) aus dem Fluss gezogen. Die beiden Ermittler, Hervé Cagan (Gilbert Melki) und seine Kollegin Karine Mangin (Emmanuelle Devos), rekonstruieren bei ihren Ermittlungen die letzten Wochen im Leben von Vincent, dessen Geschichte wir parallel sehen. Vincent arbeitet als Stricher und verliebt sich in die 18jährige Rebecca (Nina Meurisse ), die zunächst Probleme mit seinem Job hat, sich aus Liebe aber auf gemeinsame Dates mit seinen Freiern einlässt. Dabei geraten sie in Lebensgefahr und lassen sich auf eine Dummheit ein, die schicksalhafte Folgen haben wird...

Für das französische Drama KOMPLIZEN (Complices) erhielt der walisische Regisseur
Frédéric Mermoud 2010 den Schweizer Filmpreis für das beste Drehbuch. Sein Film ist eine Mischung aus Krimi, Stricherdrama und Liebesgeschichte. Das junge Paar Vincent (zu sexy, um wahr zu sein: Cyril Descours) und Rebecca steht dabei ganz in der Tradition gescheiterter Filmhelden des Film Noir. Beide lassen sich aus Geldgier auf ein gefährliches Spiel ein, für das sie bezahlen müssen. Dass die Prostitution mehr als ein aufregendes Abenteuer ist, lernen beide schnell. Ihr Weg führt direkt ins Verderben, auch weil beide außer ihrer Liebe zueinander keine Zukunftsvision haben. Rebecca geht noch zur Schule, Vincents Geschäfte laufen zu gut, um sich nach etwas anderem umzusehen. Zudem kommen beide aus gebrochenen Familien. Vincent hat gar keine Eltern, Rebecca wird von der alleinerziehenden Mutter großgezogen. In dieses Stimmungsbild passen die Ermittler Cagan und Mangin. Sie verabredet sich mit Männern aus dem Internet, er ist ohnehin ein einsamer Wolf ohne Bezugspersonen. Beide sind in den 40ern, ohne Partner, ohne Kinder. Ihre Geschichte ist ebenso spannend wie der Kriminalfall. Scheinbar geschaffen füreinander, finden sie dennoch nicht zusammen. Und letztlich gehört auch Vincents junger Zuhälter Thomas (Jérémy Kapone), der in Vincent verliebt ist, in dieses Figurenkabinett der einsamen Herzen.

KOMPLIZEN ist ein angenehm ruhig und unaufdringlich inszenierter Film, der zwar nicht mit Sexszenen spart (die aber zumeist Vincents Begegnungen mit Freiern beschreiben und deshalb weniger erotisch als ernüchternd sind), aber auf jede Sensationsmache und oberflächliche Schauwerte verzichtet (sieht man von den vielen Duschszenen ab, die Hauptdarsteller Descours absolvieren muss). Stattdessen konzentriert sich das Drehbuch auf die Charaktere. Dass KOMPLIZEN mit Vincents Tod beginnt, schadet der Spannung nicht, im Gegenteil. Da für den Mord gleich mehrere Figuren in Frage kommen, hält die Frage nach dem Wer und Warum den Krimi zusammen, während sich das menschliche Drama entfalten kann.
Gespielt ist KOMPLIZEN ausgezeichnet. Die Jungdarsteller agieren ebenso überzeugend wie das erwachsene Ermittler-Gespann Melki ("Meeresfrüchte", 2005) und Devos ("Coco Chanel", 2009), deren Gesichter allein mehr erzählen als ganze andere Filme. Eine Wohltat.

Der auf den ersten Blick belanglose Titel erschließt sich übrigens erst am Schluss, wenn der Film mehrere Arten von Komplizenschaft erzählt, kriminelle, kollegiale und vor allem menschliche. Und dann merkt man, dass es doch weniger um die Geschichte der beiden Liebenden und einen Mord geht, sondern vielmehr um das Psychogramm eines Ermittlers, dessen Leben sich durch den Fall verändern wird.

Fazit: extrem sehenswert, große Empfehlung.

09/10


Vincent (Cyril Descours) zwischen Liebe und Geld - "Komplizen"

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