Dienstag, 15. November 2011

Elvira - Herrscherin der Dunkelheit (1988)

Okay, dies ist ein Guilty Pleasure, keine Frage, und ich gestehe, ich liebe ELVIRA, HERRSCHERIN DER DUNKELHEIT (Elvira, Mistress of the Dark), den ersten Spielfilm von Horror-TV-Hostess Elvira, alias Cassandra Peterson. ELVIRA erhielt überwiegend negative Kritiken, wurde aber auf VHS zum kleinen Kulthit. Ich liebe den fetzigen Soundtrack (inklusive Klassiker wie "The Town Without Pity", "Shout" und "I Put a Spell on You"), die skurrillen Figuren, die Insider-Gags, den Over the Top-Humor, aber vor allem liebe ich Elvira selbst, deren Beitrag zur Frauenbewegung ein bauchnabeltiefer Ausschnitt an ihrem Gothik-Kleid ist. Möglicherweise mag ich es einfach, wenn Frauen Witze über ihre Brüste machen. Das nenne ich emanzipiert.

Zur Vorgeschichte: Cassandra Peterson ist eine amerikanische Schauspielerin, die sich in ihrer Jugend u.a. als Sängerin einer italienischen Rockband betätigte, in Italien Fellini über den Weg lief, der sie in "Roma" (1972) besetzte, und seit den frühen 80ern im US-Kabelfernsehen Horrorfilme moderiert. Ihre Verkleidung ist an Horror-Hostess 'Vampira' angelehnt (welche in den 50ern in gleicher Funktion über den Bildschirm flimmerte und in Ed Woods berühmtem "Plan 9 From Outer Space", 1959, mitwirkte), und ihre Schlussworte waren stets: "Unpleasant Dreams".

1988 bekam Peterson ihren ersten eigenen Film, ELVIRA - HERRSCHERIN DER DUNKELHEIT, in dem sie als Elvira bei einem miesen Kabelsender arbeitet, sich vom Senderchef befummeln lassen muss und von einem eigenen Gig in Las Vegas träumt. Da kommt ihr eine unerwartete Erbschaft gerade recht. Eine Großtante, von der sie bislang nie etwas gehört hatte, vererbt Elvira eine Spukvilla in einem verschlafenen Hinterwäldler-Nest, wo Elvira dank ihrer zotigen Sprüche und ihres nicht unerheblichen Dekolletés gleich nach ihrer Ankunft für Aufsehen sorgt. Statt Bargeld muss sie sich nun mit dem heruntergekommenen Anwesen der Tante begnügen, die ihr dazu noch einen Pudel und ein Kochbuch vermacht hat. In jenem Buch aber stehen allerhand Zaubersprüche, die ein machtgieriger Onkel (W. Morgan Sheppard) um jeden Preis an sich bringen will, und bald darauf muss Elvira der Tatsache ins Auge sehen, dass sie selbst Zauberkräfte besitzt und eine Auswerwählte ist...

ELVIRA ist sicher nicht jedermanns Sache und hängt in erster Linie davon ab, wie viel man mit Petersons Darstellung der Elvira anfangen kann, die zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit eine schlüpfrige Bemerkung auf den Lippen hat, stets ihre Brüste ins rechte Licht rückt und sich vor nichts und niemandem für ihr Verhalten rechtfertigt. Kein Wunder, dass alle Kleinstadt-Boys auf sie abfahren und alle Mädels so sein wollen wie sie.
Das konservative Städtchen 'Fallwell' ("Hier geht's ja zu wie in einer Episode von den 'Waltons'!" stöhnt Elivira), das von einem Kommitee geleitet wird, an dessen Spitze die wundervolle Edie McClurg (die Sekretärin aus "Ferris macht blau", 1986) als hysterischer Moralapostel namens Chastity Pariah steht, wird von sexy Elvira ordentlich aufgemischt, egal, ob sie zum alljährlichen Picknick eine teuflische Kasserolle serviert, die aus den Spießbürgern lüsterne Sexbestien macht, oder am örtlichen Kino die Buchstaben durcheinanderbringt und so einen unschuldigen Disney Film in "How To Fuck" umtitelt ("Ich habe nichts gegen jugendfreie Filme - so lange genug Sex und Gewalt drin vorkommen!"). Im Kinobesitzer Bob (Daniel Greene) findet Elvira ihren romantischen Love-Interest, und in Patty (Susan Kellermann), Besitzerin der Bowling-Bahn, eine spitzbrüstige Rivalin, die mit den anderen Kleingeistern dafür sorgt, dass Elvira im Finale auf dem Scheiterhaufen landet.

Und hier zeigt ELVIRA, dass neben all den durchgedrehten Special Effects um Monster im Kochtopf und magische Pudel das konservative Amerika mit seiner Doppelmoral der wahre Bösewicht ist, den es zu besiegen gilt. Wenn Edie McClurg den brennenden Scheiterhaufen anstrahlt und bemerkt, "so eine Verbrennung sollten wir jedes Jahr veranstalten", ist das eine in vielerlei Hinsicht bissige Pointe. Zuvor wird Elvira bei einer 'Flashdance'-Tanznummer von ihrer Konkurrentin geteert und gefedert und muss sich mehrfach sagen lassen, dass sie in dieser Stadt nichts verloren hat ("Sie passen nicht in diese Stadt. Sie passen ja nicht mal in Ihr Kleid!"). Aber mit Hilfe der unterdrückten Jugend schlägt Elvira zurück und kann in "Aliens"-Manier den Oberbösewicht mit Mega-Wumme beballern. Sigourney Weaver war das kämpferische Vorbild, das seine Weiblichkeit aber im Kampf gegen die Alien-Mutter vollständig verbergen musste. Elvira ist schon einen Schritt weiter. Sie zeigt, was sie hat, sprengt mit ihren Brüsten ein verschlossenes Friedhofstor und kann am Ende die Stadt vom Schwarzmagier befreien - und nebenbei die Rivalin Patty als flachbrüstige Hochstaplerin enttarnen!

Ganz ehrlich, ich kann die negativen Meinungen zu ELVIRA - HERRSCHERIN DER DUNKELHEIT nicht nachvollziehen. Klar ist der Film extrem albern, aber er hat Tempo, Witz und schräge Einfälle en masse. Petersons Elvira ist eine absolut originelle, sympathische Persönlichkeit mit Herz, Humor und Kurven an den richtigen Stellen. Dazu wird sie von Alexandra Lange klasse synchronisiert (das ist mal eine Synchronsprecherin, die ihre Figur wirklich verstanden hat). Und nicht nur das - Elvira ist ebenso die Identifikationsfigur für jeden Teenager, der in einem spießigen Umfeld seine Identität zu bewahren versucht.
Go, Elvira!

10/10

Cassandra Peterson alias Elvira in bevorzugter Pose

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