Freitag, 25. November 2011

Die dritte Generation (1979)

Eine „Komödie in sechs Teilen um Gesellschaftsspiele voll Spannung, Erregung und Logik, Grausamkeit und Wahnsinn, ähnlich den Märchen, die man Kindern erzählt, ihr Leben zum Tode ertragen zu helfen“ nannte Rainer Werner Fassbinder seine Bestandsaufnahme der politischen Lage der Bundesrepublik, die den Titel DIE DRITTE GENERATION trug und dem Regisseur nicht viele Freunde einbrachte.

Die These des Films: der Kapitalismus erfindet und finanziert den Terrorismus, um sich selbst zu schützen. Zu diesem Zweck unterstützt Lurz (Eddie Constantine), der Chef eines Computerkonzerns, eine Gruppe linker Terroristen der 'dritten Generation', die von seinem Mittelsmann Brem (Volker Spengler) geleitet wird. Zu den Terroristen gehören auch die Frau eines Bankdirektors (Margit Carstensen), eine Geschichtslehrerin (Bulle Ogier), ein Plattenverkäufer (Harry Baer) und die Sekretärin des Konzernchefs Lurz (Hanna Schygulla). Lurz informiert nach Berichterstattung durch Brem seinerseits die Polizei von den geplanten Taten der Terroristen. Nachdem die Gruppe eine Bank überfallen hat, abgetaucht und von der Staatsgewalt dezimiert wurde, entführt sie Lurz und dreht ein Bekennervideo. Der Absatz von Lurz' Computern für die Terrorfahndung sollte damit gesichert sein...

DIE DRITTE GENERATION entstand kurz nach Fassbinders Welterfolg "Die Ehe der Maria Braun" (1979), der ihm alle Türen öffnete. Fernsehsender und Fördergremien versprachen ihm jedwede finanzielle Unterstützung, egal für welches Projekt. Als man aber mitbekam, was Fassbinder verfilmen wollte, zog man seine Zusagen schnell zurück, so dass der Regisseur ohne Geld da saß und DIE DRITTE GENERATION selbst finanzierte. Daher findet man im Vorspann die Darsteller der Fassbinder-Gruppe auch auf den meisten technischen Positionen. Für einen Kameramann z.B. war kein Geld da, also filmte Fassbinder selbst (und das hervorragend). Ein Drehbuch existierte nie, lediglich ein ausführliches Exposé, nach dem der Film entstand. Diese relativ lose Ideenfolge merkt man dem fertigen Film kaum an, der von den Kritikern abgelehnt wurde, und bei dessen Aufführungen es zu gewalttätigen Ausschreitungen kam. Das rechte Lager warf Fassbinder vor, den Terrorismus zu verharmlosen, die Linken störten sich an der Denunziation ihrer Ideale und der Behauptung, dass die Terroristen nur Marionetten des Kapitals seien, die keine eigene Vorstellungskraft haben und mehr aus Langeweile und Frustration Bomben werfen. In Ermangelung eines echten Abenteuers, wie es Harry Baer im Film ausdrückt. Dass DIE DRITTE GENERATION eine schwarze Komödie ist, wurde allgemein ignoriert, auch wenn das Wort 'Farce' berechtigterweise fiel. 1979 konnte und wollte niemand über den Terrorismus lachen, so wie 1961 niemand über Billy Wilders Mauer-Komödie "Eins, zwei, drei" lachen wollte.

Die so genannte "dritte Generation" ist eine Erfindung Fassbinders, und sein Film rechnet konsequent mit allen Seiten ab. Die gutbürgerlichen Terroristen überlegen, welche Anschläge sie durchführen können, streiten sich aber in der Hauptsache darüber, wer welchen Namen tragen darf, wenn er im Untergrund verschwindet. Petra, die Frau des Bankdirektors (Nach "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" wieder eine Petra, die von Margit Carstensen verkörpert wird) wird von ihrem Mann geschlagen und will gleich das Schöneberger Rathaus in die Luft jagen ("Das mache ich! Das mache ich ganz alleine!"). Die Geschichtslehrerin will emanzipiert sein und selbst entscheiden, mit wem sie schläft, lässt sich aber von ihrem Terroristen-Liebhaber (Raul Gimenez, ein schöner Killer direkt aus dem Film Noir) herumkommandieren und bringt ihm diensteifrig das dunkle Bier an den Abendbrotstisch. Politische Ziele verfolgt keiner der spießigen Freizeit-Terroristen, alle verbindet nur der Wunsch, dass sich in ihrem Leben etwas ändern muss - was auch immer. Und während man noch debattiert und Schopenhauer zitiert, stirbt nebenan eine junge Frau an einer Überdosis Heroin. Schöne, neue Welt.

Spätestens, wenn Fassbinder im Finale seine Terroristen in Faschingskostümen eine fingierte Entführung trottelig über die Bühne bringen lässt, bleibt dem Zuschauer das Lachen im Halse stecken, der die Bilder der Schleyer-Entführung noch gut im Gedächtnis hat. Da muss man sich über die wütende Reaktion nicht wundern. Zusätzliche Verwirrung schafft Fassbinder durch die sich durchgehend überlappenden Tonebenen des Films, auf denen die Dialoge und gleichzeitig laufende Fernsehnachrichten und Radioprogramme zu einem konstanten Klangteppich führen, der mehrfach die Sprache der Figuren verschluckt. Die Verwendung der aktuellen Nachrichten, die permanent im Hintergrund laufen, verleiht dem Film eine beklemmende Authentizität und Tagesaktualität. Er wird dadurch auch zum Zeitdokument.

Man braucht ein wenig, um in DIE DRITTE GENERATION hineinzukommen. Nach dem (klasse) Vorspann, der wie der Auftakt zu einem Science Fiction-Thriller wirkt, folgt eine Reihe von Szenen, die man erst in der Rekapitulation richtig einordnen kann. Wenn sich die Gruppe dann nach und nach formiert, läuft der Film wie geschmiert und begeistert mit herrlich bösen und grotesken Einfällen. Margit Carstensen erschießt beim Banküberfall ihren Mann, weil die Gelegenheit gerade so günstig ist, und Harry Baer spielt sich als Regisseur des laienhaften Bekennervideos wie eine launische Diva (Fassbinder?) auf. Eine wundervolle Szene bekommt Vitus Zeplichal ("Ich will doch nur, dass ihr mich liebt", 1975) als Verdächtiger, der die Wohnungsdurchsuchung durch Kommissar Hark Bohm mit hysterisch-sarkastischen Sprüchen begleitet ("Verhaften Sie doch die Jalousien, oder den Stollen! Der ist mit echter Butter, von der Mutter!").

Das Schauspieler-Ensemble leistet durchweg fantastische Arbeit. Es ist immer wieder erstaunlich, wie eine doch recht bunt zusammengewürfelte Truppe aus Laien, Charakterdarstellern und ehemaligen Kino-Ikonen unter Fassbinder zu einer homogenen Einheit verschmilzt. Die Spielfreude ist allen anzusehen, und die Lust an der Anarchie.
DIE DRITTE GENERATION gehört zu den meistunterschätzten Filmen Fassbinders. Er entfaltet seine volle Wirkung erst bei mehrmaligem Sehen und mit zunehmend größerer Distanz zu den Ereignissen seiner Zeit, die der Regisseur ebenso präzise wie bitter kommentiert.

09/10


Das Bürgertum schlägt zurück -
Margit Carstensen und Günther Kaufmann in "Die dritte Generation"

Kommentare:

  1. Hallo Mathias,
    danke dir für die super Rezension. Allein wie RWF es schafft, die Hysterie in der Terror-Gruppe und in den Medien (und das allein über die Ton-Ebene) rüberzubekommen, ist klasse! Alles andere hast du ja schon geschrieben. Ein toller Film! Und stimmt, ich musste den auch erst schätzen lernen, beim ersten Mal fand ich ihn doof ;-)

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  2. Lieber Karsten, beim ersten Sehen konnte ich auch nicht viel damit anfangen, aber er wird tatsächlich immer besser. Funktioniert auch gut im Doppelprogramm mit "Deutschland im Herbst" (bei dem man allerdings einige Episoden überspringen kann). LG, Mathias

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